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Vielseitigkeit im Wandel

von Dr. Hans G. Stürmann

Die Wandlung der Military zum zivilen Sport begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Umbruch zum modernen Reitsport erfolgte aber erst 2004/2006 mit dem neuen CCI-Format ohne Wegestrecken und Rennbahn. Dennoch blieb das Wesentliche weiterhin erhalten: Die Vielseitigkeit als vollständigste, natürlichste und auch für das Pferd sportgerechteste Leistungsprüfung.

Als wegweisend bei der Erneuerung zum zivilen Sport erwiesen sich England, wo 1949 in Badminton der erste Three-Day Event auch für „amateurs and professionals, men or women over the age of 17 years“ ausgeschrieben wurde, die USA sowie Westdeutschland, wo sich der Vielseitigkeitssport nun aus der ländlichen Reiterei entwickelte. Schon bei den olympischen Reiterspielen 1952 in Helsinki ließ sich diese Entwicklung nicht mehr übersehen. Neben dem schwedischen Offiziersteam standen zwei Zivilmannschaften auf dem Podest: Das deutsche Silberteam im roten Rock und die Bronzereiter aus den USA im schwarzen Anzug. Dabei ist seit den olympischen Spielen 1924 die traditionelle Dreiteilung in Dressur-Gelände-Springen bis heute erhalten geblieben.

Bis in die siebziger Jahre mit kurzem FEI-Reglement

In den recht knappen FEI-Reglements der siebziger Jahre sucht man noch vergeblich nach dem heute vertrauten Sterne-System, das den Level eines CCI und damit seinen Schwierigkeitsgrad sowie die erforderliche Qualifikation zur Teilnahme verlässlich festlegt; und von den beliebt gewordenen CIC ist gar keine Rede.
Festgeschrieben ist weiterhin die Dreiteilung der Geländeprüfung in zwei Wegestrecken, Rennbahn und Querfeldeinstrecke. So betrug gemäß Reglement von 1975 vor 40 Jahren die Gesamtlänge eines CCI zwischen 18 und 26,9 Kilometern. Aufgeteilt in die zehn bis 16 Kilometer langen Wegestrecken, die zwischen 2.880 bis 3.450 Meter lange Rennbahn im Tempo 640 bis 69o m/Min sowie die zwischen 5.200 und 7.410 Meter lange Querfeldeinstrecke im Tempo 520 bis 570 m/Min. Im Vergleich zum FEI-Reglement 2014 haben sich im Cross die Geschwindigkeiten (CCI1*: 52o m/Min, CCI2*: 550 m/Min, CCI3* und CCI4*: 570 m/Min) nicht verändert, die Distanzen (CCI1*: 3.640 – 4.680 m, CCI2*: 4.400 – 5.500 m, CCI3*: 5.700 – 6.270 m, CCI 4*: 6.270 – 6.840 m) aber erheblich verkürzt, obwohl die langen Wegestrecken und der kräftezehrende Rennbahngalopp weggefallen sind.
Welche Bedingungen die damals noch wenigen Veranstalter für ihren CCI wählten, blieb ihnen „entsprechend dem reiterlichen Können und dem Vorbereitungsstand der zu erwartenden Teilnehmer“ selbst überlassen. Dabei sollte der Einfluss der drei Teilprüfungen dem Verhältnis Dressur : Geländeprüfung : Springen = 3 : 12 : 1 möglichst nahe kommen. Für die Ausmaße der Geländehindernisse waren lediglich die obersten Grenzen bestimmt: Weitsprünge nicht über 3,50 m – Wassergräben 4.00 m -, Hochweitsprünge bei einer Höhe bis zu 1,20 m an der dem tiefsten Punkt bis zu 2,80 m und am höchsten Punkt bis zu 1,80 m, Tiefe der Wasserhindernisse an Ein- und Aussprung höchstens 50 cm. Nach heutigem Reglement entsprechen diese Höchstmaße in etwa dem Drei-Sterne-Level, wobei die Wassertiefe auf 35 cm gesenkt worden ist.
Zu der Art der Hindernisse hieß es im Reglement von 1975 kurz: Sie „müssen fest sein, in ihrer ganzen Art achtungsgebietend und soweit wie möglich in ihrem Naturzustand belassen. Künstlich geschaffene Hindernisse dürfen weder akrobatische Sprünge von den Pferden verlangen, noch unangenehme oder unsportliche Überraschungen für die Teilnehmer darstellen“. Gewöhnlich wurden die FEI-Reglements alle vier Jahre mit detaillierteren Bestimmungen aktualisiert, aber auch zwischendurch ergänzt und geändert. Neben technischen Anpassungen standen dabei zunehmend auch die Sicherheit der Reiter und Pferde im Blickpunkt, wobei das Reglement durch Merkblätter mit zusätzlichen Erläuterungen für Richter, Technische Delegierte, Parcoursgestalter und Veranstalter umfangreich ergänzt wird.

Das Sterne-System

Den ersten Griff zu den Sternen unternahm die FEI 1986 und sanktionierte das im Reglement 1987 an wenig auffälliger Stelle im Kaptitel „Geländeprüfung“ unter „Distanzen und Geschwindigkeiten“: CCI1*: „für Pferde die gerade den internationalen Level erreichen“, CCI2*: „…mit einiger internationaler Erfahrung“ und CCI3’: „für erfahrende internationale Pferde“. Dazu wurden in dem Anhang 5 die bisher für alle CCI als Höchstmaße angegebenen Distanzen und Geschwindigkeiten nun in drei Level aufgeteilt. So wurden z.B. der CCI Badminton zum CCI3* und die CCI Luhmühlen und Boekelo zu CCI2*.
Diese Einteilung änderte sich im folgenden Reglement von 1992 in einem besonderen Artikel 504 „Kategorien und Levels der Three-Day Events“ in das noch heute gültige Vier-Sterne-System. Die damaligen Definitionen, die heute auf Grund der detaillierten Qualifikationserfordernisse überholt worden sind, lauteten: CCI1*: Einführung von Reiter und Pferd in die Three-Day Events, CCI2*: für Reiter mit einiger Erfahrung und Pferde zu Beginn internationaler Prüfungen, CCI3*: für Reiter mit einiger internationaler Erfahrung, CCI4*: für erfahrene und erfolgreiche internationale Kombinationen von Reiter und Pferd. Dazu folgt im Anhang eine detaillierte Auflistung über Hindernismaße, Geschwindigkeiten und Distanzen für die einzelnen Level, die sich bislang nur durch leichte Verkürzungen der Streckenlängen verändert haben. Zudem wurden konkrete Qualifikationserfordernisse für die einzelnen Level eingeführt, die sich inzwischen zu einem eigenen umfangreichen Kapitel mit neun Artikeln ausgeweitet haben.
Angemerkt sei abschließend zu den Sternen, dass ein von dem Vielseitigkeitskomitee der FEI 2008 eingebrachter Vorschlag, das Sterne-System auf fünf Sterne auszuweiten, um die Vielseitigkeit aus Prestigegründen dem Springen und der Dressur anzugleichen, ohne Resonanz blieb.

Seit 2006 ein moderner Sport

Nachdem auf Drängen des IOC, das mit einem Ausschuss der Vielseitigkeit drohte, die olympische Vielseitigkeit 2004 in Athen ohne Rennbahn und Wegestrecken ausgetragen
worden war, erlebte die Vielseitigkeit ihren entscheidenden Schritt zu einem modernen Sport nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Progressisten
dann 2005/2006, als sich auch die Geländeprüfung der CCI ohne Rennbahn und Wegestrecken durchsetzten. So fanden z.B. der CCI4* Luhmühlen ebenso wie die CCI3* Saumur, Bramham und Boekelo 2005 nur mit einer Querfeldeinstrecke statt, während sich 2006 die CC4* Badminton, Burghley und Lexington/Kentucky anschlossen.

CIC als zweiter Weg

Vielseitigkeitsprüfungen ohne Rennbahn und Wegestrecken gab es als “International Horse Trials (CIC)“ bereits etliche Jahre vor Athen.
In dem FEI-Reglement von 1992 wurde dieses Format, das es national bereits gab, erstmals in einem Anhang als internationale Prüfung anerkannt. Dabei sollte die Ausschreibung bei einer Streckenlänge zwischen 2.5oo und 4.5oo m den Schwierigkeitsgrad angeben und dabei den Level nicht überschreiten, der für entsprechende CCI1* bis CCI3* festgelegt war. CIC durften zudem zunächst nur Nationen veranstalten, die auch CCI ausschrieben. Ab 1998 haben die CIC, die ursprünglich als „Trainingserfahrung auf dem Wege zu den CCI“ gedacht waren, zunehmend ihre Eigenständigkeit entfaltet und dem Sport, insbesondere durch den zwischen 2002 und 2012 ausgetragenen CIC3*-Eventing-World-Cup zusätzliche Popularität verschafft. Dabei entsprechen im Sterne-System die Schwierigkeitsgrade der CIC denen der CCI, wobei aber die Geländestrecken der CIC kürzer sind (CIC1*: 2.600 – 3.120 m, CIC2*: 3.025 – 3.575 m, CIC3*: 3.4oo – 3.990 m) und dabei die Intensität der Sprünge erhöhen, da sie, obwohl in der Zahl geringer, in kürzeren Abständen stehen. Insgesamt wurden 2013 weltweit 167 CCI sowie 339 CIC ausgetragen.