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Unfälle im Busch, oder: die Katastrophe beginnt meist nach dem Sturz…

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ein offener Brief an alle Buschreiter, Veranstalter und unsere Offiziellen

Schweres Gelände. Das Pferd einer hoch erfahrenen Reiterin bleibt an einem schmalen Steilsprung mit einem Vorderbein hängen und überschlägt sich mit der Reiterin über dem Sprung.
Die Reiterin bleibt liegen, ist bei Bewusstsein, klagt über starke Schmerzen im Rücken und der Brust und kann kaum atmen.
Hindernisrichter und Zuschauer kümmern sich sofort um die junge Frau und das Pferd, verständigen den Turniernotarzt.

Minuten vergehen bis dieser schlendernd die Reiterin erreicht. Ein Rettungswagen steht wenige hundert Meter entfernt bewegt sich aber nicht.

Weitere Minuten verstreichen ohne, dass der RTW mit der Ausrüstung kommt, der Arzt kniet neben der Verletzten. Ein hoch erfahrener Notarzt, aber ohne weitergehende Kenntnisse in den Besonderheiten der Reitsportunfälle. Er weiß deshalb nicht, dass ein Überrollsturz unter einem Pferd fast zwangsläufig zum Platzen von Lungenteilen führt. Die Sturzweste bleibt fest verschlossen an der Patientin.

Schließlich kommt endlich der RTW, dann sehr schnell ein Rettungs-Helikopter und die junge Frau wird mit einer schweren Lungenverletzung und Rippen- und Wirbelbrüchen in eine Unfallklinik geflogen, wo sie mehrere Tage auf der Intensivstation verbringt und glücklicherweise wieder genest.

Diese vereinfachte Schilderung beschreibt einen Unfall, der sich so ereignet hat, sich auch jederzeit wieder ereignen kann – und wird.
Unser Sport ist gefährlich und wir brauchen eine massive Verbesserung des Rettungswesens auf den Turnierplätzen – nicht nur im Busch – aber gerade dort.

Was war schiefgelaufen?

Die Sanitäter getrauten sich nicht ohne ausdrückliche Funkweisung des Notarztes ihren Standplatz zu verlassen, dies wiederum war nicht allgemein bekannt.
Der Notarzt kannte sich mit der speziellen Thematik nicht aus.

Es ist höchste Zeit noch vor der kommenden Saison die Lehren aus solchen Ereignissen zu ziehen, die auch tödlich enden könnten.

Was ist nötig?

eine gezielte Schulung der Notärzte in Sachen Verletzungsmechanismen beim Pferdesport
ebenso eine Schulung der zu den Turnieren abgestellten Sanitäter – oft die „zweite Garnitur“ an Rettungsdienstlern, welche bereit sind sich ohne Bezahlung einen vermutlich langweiligen Tag lang mit dem Rettungswagen ins Gelände zu stellen
eine perfekte Vorab-Organisation aller denkbaren Unfälle an allen Stellen des Geländes: wie kann der Unfallort angefahren werden? Wo ist ein möglicher Heli-Landeplatz? Wie kriegt man welches Hindernis zur Bergung zerlegt? Wie funktioniert die Alarmierungskette?

Dazu müssen wir alle die Szenarien üben und mit allen Verantwortlichen, also Veranstaltern, Ärzten, Sanitätern, Richtern, Parcoursbauern und – last but not least – dem Parcoursdienst mögliche Rettungsszenarien durchspielen.
Zusätzlich muss
eine wesentlich verbesserte Funkeinweisung erfolgen und klare Regeln über das Meldeverhalten erstellt werden: Funkwirrwarr muss ausgeschlossen werden und Befehle wie „Funkstille!“ um den Kanal freizumachen für die Kommunikation nur der Rettungskräfte müssen bekannt sein
Notärzte müssen selbst motorisiert werden um noch vor dem schwerfälligen RTW jeden Ort des Geländes schnell und sicher zu erreichen
dazu gehört selbstverständlich ein komplett ausgestatteter Notarztkoffer/rucksack mit an Bord des Fahrzeugs (Geländeewagen, Quad), das auch eindeutig gekennzeichnet sein muss
genauso schnell muss auch der Parcoursdienst mit den nötigen Werkzeugen zur Zerlegung eines Hindernisses sein – er muss also ebenso motorisiert sein: ein Traktor ist hier ungeeignet
Streckenposten, Hindernisrichter und andere Helfer müssen über das Freimachen und Freihalten der Rettungswege Bescheid wissen und entsprechend trainiert worden sein

Nur wenn wir unsere Turniere in Zukunft entsprechend organisieren – und das muss im E-Bereich beginnen – werden wir die Bergung und sofortige fachgerechte Behandlung verletzter Reiter gewährleisten können.

Nun werden viele Veranstalter – nicht unverständlich – gequält aufstöhnen: noch mehr Aufwand und Kosten bei einem an Arbeit nicht gerade armen Turnier!
Leider richtig.
Aber aus der Sicht des Autors, der selbst seit 25 Jahren notärztlich arbeitet und Busch reitet, unumgänglich.

Ich werde mir jetzt nicht viele Freunde machen wenn ich dazu feststelle: die Nenngelder bei Geländeprüfungen müssen leider massiv erhöht werden, um das zu stemmen.
Wenn es uns Teilnehmern aber – sagen wir einmal zwanzig Euro mehr für eine VA – nicht wert ist, kann sich kein Veranstalter entsprechend qualifiziertes Rettungspersonal und auch noch deren Vorab-Training auf dem jeweiligen Turniergelände leisten.

In der glücklichen Lage selbst eine Reitanlage mit großzügiger VS-Strecke zu besitzen, biete ich an einmal im Jahr diese für ein solches Training kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Liebe Verantwortliche und Reiter, ärztliche Kollegen und Sanitäter und Freunde des Reitsports – lasst uns noch vor dem Start der diesjährigen grünen Saison endlich etwas tun.

Euer und Ihr

Florian Netzer

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Über den Author:

Florian Netzer ist Jahrgang 1962. Er stammt aus einer Familie von Reitern, Tierärzten und Ärzten und ist seit 1988 Notarzt, mit sehr vielen Turnierarzteinsätzen.
Hauptberuflich ist er als Gefäßchirurg in München und London tätig und hat 2011 das Gut Moosmühle bei Weilheim erworben und den Aufbau einer Reitanlage mit dem Schwerpunkt VS betrieben. In der wenigen noch freien Zeit reitet er im Busch. [/double_paragraph][double_paragraph] Boston UIP conference Sept. 13 [/double_paragraph] [/row] [spacer style=“2″]

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… und genau aus diesem Grund hat der CDV vor mehreren Jahren das Notärzte-Programm ins Leben gerufen unter Federführung des Deutschen Mannschaftsarztes Dr. Manfred Giensch, Dr. Norbert Meenen und Dr. Patrick Daniel Dissmann. Wir machen immerwieder Schulungen auf denen wir Ärzte auf genau diese Szenarien vorbereiten. Wir würden uns freuen Sie in dieses Programm einbeziehen zu dürfen!

Albertine V. Barsewisch

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Lieber Herr Netzer,

viele Dank für Ihre offene und ehrliche Meinungsäußerung! Ich stimme Ihnen als seit mehr als 30 Jahren vielseitigkeitsbegeisterter, bis vor drei Jahren aktiver Buschreiter und mittlerweile Richter vollinhaltlich zu. Unser Sport mit dem Partner Pferd ist wunderschön, aber wird immer gefährlich bleiben. Darum müssen wir alles Menschenmögliche unternehmen, um die Risiken zu minimieren und vor allem ggf. schnelle und richtige Hilfe zu leisten. Ich werde selbstverständlich gerne und uneingeschränkt meinen Teil dazu beitragen!

Christian Steiner

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Liebe Diskutanten,

ich freue mich, dass nicht gleich ein „Shitstorm“ über mich hereinbricht, sondern die ersten Meldungen zustimmend sind, auch wenn ich sicher provoziert habe – durchaus mit Absicht.
Ich hatte 2013 anläßlich eines Kongresses in HH die Gelegenheit Dr. Giensch persönlich kennezulernen und finde die dort bestehende AG Reitsicherheit famos:
sehr, sehr gerne bin ich bereit mich selbst in Form unserer Anlage für ein solches Training einzubringen.
Wenn jemand aus der AG Reitsicherheit (der ich das allerdings auch schon anbot) dazu als Ausbilder käme, würde ich das phantastisch finden, denn niemand beschäftigt sich m.W. so intensiv und wissenschaftlich mit dem Thema.
Von meiner Seite: wenn jemand die Orgainsation übernimmt (die ich aus beruflicher Belastung nicht stemmen kann) bin ich uneingeschränkt und sofort dabei.

Herzliche Grüße

Florian Netzer

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Es gibt Regeln und Ausschreibungen, keiner ist gezwungen an den Start zu gehen. Jeder Starter sollte sich vor einem Start in eine Dressur-, Gelände- und Springprüfung Infomieren, wie er in der besten Zeit ohne Fehler ins Ziel kommt. Vertrauen in die Turnierfunktionäre und deren Sicherheitskonzepte ist Voraussetzung sollte eine Voraussetzung für einen Start sein. Sind aber kein Freibrief, zum Kopflosen handeln. Sonst würde es diese Diskusionen nicht geben.
Probleme sind auch beim Abgehehen, richtigem Begutachten vom Starter selber zu erkennen. Fragen um die Sicherheit die den Veranstalter beträfen sollten ausgeräumt sein. Der Reiter sollte vor dem Start abwägen ob seinen Leistungsvermögen und des Pferdes, unter den vorhandenen Umständen ausreichen. Nur er ist nach dem Start für sich und sein Pferd Verantwortlich.
Wer beim reiten über auftretende Gefahren nachdenkt, sollte den Ritt beenden. Er ist dann im falschen Film.
An dem Tag wo Buschreiten ungefährlich ist, sitzen Reiter auf einem Stuhl im trockenem, unter einem Blitzableiter. Aber auch da könnte der Stuhl eine Gefahrenquelle sein?

Karl Lohrmann

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Unser Sport wird immer gefährlich bleiben eben gerade weil es 2 sind, die diesen Sport betreiben. Hinzu kommt, dass durch das Prüfungssystem auch Reiter anderer Disziplinen auf die Idee kommen, mal eine VS zu reiten. Auf der einen Seite schön, dass unser Sport Zulauf hat, auf der anderen Seite erhöht das aber auch das Gefährdungspotential. All dies vorausgeschickt, stimme ich Florian Netzer voll zu.

Als Reiter bin ich auch bereit, erhöhtes Nenngeld zu zahlen, sofern dann eben auch die Sicherheit gesteigert bzw. Vorfälle von kompetenten Partnern bearbeitet werden. Ich will damit keinesfalls den beschriebenen Sani angreifen sondern ebenfalls auf die Besonderheiten bei Unfällen in der VS hinweisen.

Nochmals, das Risiko einer schweren Verletzung oder Tod ist bei unserem Sport gegeben und wir sollten alles tun, um es so gering wir möglich zu halten. Dazu gehört m.M. unter anderem auch das Falltraining.

Alexandra Haase-Uitz

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Hallo zusammen,
als Leiter einer ehrenamtlichen DRK Einheit möchte ich gerne aus unserer Sicht etwas schildern:
Grundsätzlich liegt es nicht an einer schlechten Organisation des Rettungswesens oder an schlecht ausgebildetem Personal, so wie es hier dem Leser dargestellt werden soll (Notarzt kommt angeschlendert, Rettungswagen bewegt sich nicht…)
Ein Sanitätsdienst bei einer Reitsport unterliegt gewissen gesetzlichen Anforderungen. Hierzu gibt es ein Schreiben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e.v. vom Mai 2000, welches aus dem §40 der LPO (Leistungsprüfungsordnung) zitiert.
Hierin ist festgelegt, wer auf einer Reitsportveranstaltung den Sanitätsdienst ableistet, über welche sanitätsdienstliche Ausbildung derjenige verfügen muss und welche Ausrüstung mitzubringen ist.
Wenn ein Turnierarzt vor Ort ist (diese gehören i.d.R. nicht zum Sanitätsdienst und werden seperat bestellt; man kennt sich meist untereinander nicht), reicht die Anwesenheit zweier Sanitätshelfer (= 60 Std. theoretische Ausbildung). Sanitätshelfer arbeiten rein ehrenamtlich und verfügen mit 60 Std. nur über eine geringe Ausbildung, bei der man maximal über erweiterte Erste Hilfe sprechen kann. Entsprechend werden bei uns auch nur zwei Sanitätshelfer bestellt und natürlich auch nur bezahlt. Was bei uns bestellt ist wird auch „geliefert“! Der Sanitätsdienst ist eine Dienstleistung! Nur aufgrund der ehrenamtlichen Helfer, die teilweise gar nichts oder nur eine geringe Aufwandsentschädigung bekommen, kann der Sanitätsdienst zu günstigsten Konditionen angeboten werden. Gerade für kleine Reitsportvereine ist das selbst schon schwierig die ganzen Kosten aufzubringen. Würde man hingegen zwei Rettungsassistenten bestellen, welche mit einer dreijährigen Ausbildung über umfassende notfallmedizinische Kenntnisse verfügen, wäre der Sanitätsdienst gar nicht mehr zu bezahlen, da Rettungsassistenten meistens rein hauptamtlich arbeiten und neben ihrer Arbeit im Rettungsdienst, sich an ihren freien Tagen nicht noch auf einen ehrenamtlichen Sanitätsdienst stellen.

Als Ausrüstung schreibt der §40 LPO einen Arztkoffer, Vakuummatratze, Schaufeltrage, Halskrause, Rettungstuch, Frakturschiene und eine Räumlichkeit zur Versorgung vor (Zelt, Krankenwagen, o.ä.).
Übrigens: Ein Sanitätshelfer hat in seiner Ausbildung aber gar nicht gelernt, richtig mit den Materialien umzugehen, oder es fehlt zumindest die Routine.
An den Turnierarzt gibt es überigens KEINERLEI Anforderungen. Theoretisch kann sich ein Psychiater hinstellen, der keinerlei Ahnung von Verletztenversorgung oder Notfallmedizin hat und die Stundenpauschalen einstecken. Die gesetzlichen Anforderungen wären erfüllt.

Die meisten Hilfsorganisationen wissen um die Gefahren bei Reitveranstaltungen, so auch wir, und stellen statt wie angefordert und bezahlt, mindestens einen Rettungswagen inklusive Helfer mit einer höherwertigen Ausbildung (Rz.B. ettungssanitäter) zur Verfügung.

Als Resümee:
Solange die gesetzlichen Anforderungen an den Sanitätsdienst nicht geändert werden, wird es immer wieder Missverhältnisse bestehen, zwischen Bedarf an notfallmedizinischer Versorgungsqualität und tatsächlich vorhandener Qualität.

Adrian Borowski

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Wenn ein Nenngeld von 20,-€ bewirken kann das demnächst das Personal der RTWs mit Spineboard und Co umgehen kann und eine sichere und vor allem korrekte Bergung mir dann den Rollstuhl ersparrt, sollte jeder von uns bereit sein diesen Betrag zu zahlen, oder gar mehr …

Ich arbeie selbst im Rettungsdienst, Hauptberuflich .
Das schlimme daran ist, das die sogennanten RTW’s auf Turnieren zwar mit Personal besetzt sind, aber in den meisten Fällen von Hilfsorganisationen, wo der normale Bankkaufmann der irgendwann mal seinen Sani gemacht hat drauf ist und in der Freizeit dann RTW fährt… Nirgendwo gibt es Ehrenamtler … nur im Rettungsdienst … es ist zum -.-
Ich hab noch nie gehört, Hallo ich bin ehrenamtlicher Maurer … Und weil diese Menschen durch wenige Einsätze noch weniger Praxiserfahrung haben, bleibt ihnen bei solchen Einsätzen selbst oft die Luft weg und sie sind Handlungsunfähig und alle Reiter , Zuschauer , Angehörigen und Co denken das ist der normale Rettungsdienst der auch in der Stadt unterwegs ist …
Die haben aber meistens mit den ,,Pflasterklebern“ auf Turnieren und sonstigen Veranstaltungen nichts zu tun.
So ist es keines Falls und ein absolutes No Go!
90% der Leute die dort Notfallrettung betreiben haben von effektivem Traumamanegment keine Ahnung !
Das darf echt nicht sein…
Es gibt ja auch keinen Ehrenamtlichen Bereiter der das dann und wann macht wenn er zwischen Hauptjob und Alltag Zeit findet …
Trauiger Artikel der mich echt wütend macht !

Sarah

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Danke für diesen Artikel.  Sehr mutig! Doch leider sieht es in der Realität noch nicht einmal halb so gut aus. Solange es unter den Turnierveranstaltern immer noch einen kleinen Prozentsatz gibt, die dieses Thema nicht ernst nehmen und immer auf „Sparflamme“ laufen, wird diese optimale Versorgung wohl nur auf den „Großen, professionellen“ Turnieren zu finden sein. Da wird der Unterschied wieder einmal deutlich zwischen „Freizeit“ Turnierreitern, Nachwuchs und Profis. Leider muss erst etwas passieren, bis sich etwas ändert.

Kerstin Baars

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Super Artikel!

Ich kann Florian hier nur zustimmen. Es muss uns Reiter nur klar sein, dass wir bei Geländeprüfungen bei regionalen Turnieren das Niveau beim Rettungsdienst, Tierarzt und Geländebau nur hoch halten können, wenn sich die Nenngelder deutlich erhöhen. Wenn durch immer höhere Auflagen und somit höheren Kosten für den Veranstalter bei der Veranstaltung Minus gemacht wird, werden immer weniger Veranstalter bereit sein Prüfungen durchzuführen. Diese Tendenz ist jetzt schon deutlich zu sehen.
Ich würde gerne den doppelten Preis für eine Geländeprüfung bezahlen und dafür über superschöne, gepflegte und sichere Gelände reiten.

Christian Ruhland

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