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Riding for Gold !

von Dr. Hans G. Stürmann

Unter den Bundestrainern Hans Melzer und Chris Bartle hat die deutsche Vielseitigkeit während der letzten zehn Jahre bei Championaten einen internationalen Siegeszug vorzuweisen, wie ihn niemand erwartet hatte.

Bei den zwischen 1952 und 2004 vorausgegangenen 50 Championaten dominierte der britische Schlachtruf „Riding for Gold“ die jährlichen Championate und dabei insbesondere die Europameisterschaften. 46 britische Goldmedaillen, 21 in der Einzel- und 25 in der Teamwertung, standen lediglich viermal deutschem Gold gegenüber: Für das Team bei den Europameisterschaften 1959 und 1973 sowie den Olympischen Spielen 1988 in Seoul und Einzelgold für Bettina Hoy bei der EM 1997.

Bei den letzten zehn Championaten seit 2005 wendete sich das Blatt dann aber eindrucksvoll mit 12 Goldmedaillen für deutsche Aufgebote und sieben für die Briten. Demgegenüber zurückgefallen ist Frankreich als drittstärkste europäische Vielseitigkeitsnation mit häufig überambitionierten Reitern im Gelände, das nur bei der EM 2007 mit Einzelgold für Nicolas Touzaint in die geschlossene Goldphalanx der Deutschen und Briten einbrechen konnte. Ebenso schafften es Australien, Neuseeland und die USA nicht mehr, ausgewogene Teams zusammenzustellen, die für Championatsgold gut sind.

Nachdem olympisches Doppelgold 2004 in Athen wegen eines umstrittenen Starts von Bettina Hoy im Abschlussspringen am grünen Tisch verloren ging, leitete das Mannschaftsgold bei der Aachener WM 2006 mit Frank Ostholt, Hinrich Romeike und Bettina Hoy, die zudem auf die Einzelränge vier bis sechs kamen, sowie Ingrid Klimke einen Umschwung ein, den das Doppelgold bei den Olympischen Spielen 2008 in Hongkong eindrucksvoll untermauerte. Die sportliche Leistung in Athen 2004 war kein „Glücksfall“ gewesen!

Bei der EM 2009 in Fontainebleau begann für den damals 27jährigen Michael Jung aus Horb am Neckar mit Sam eine seitdem ununterbrochene Serie mit Championatsmedaillen in der Einzelwertung. 2009 gewann er hinter zwei Britinnen Einzelbronze, und ein Jahr später in Lexington/Kentucky folgte der erste WM-Sieg für einen deutschen Reiter, während das übrige Team nicht überzeugen konnte. Danach gab es für deutsche Vielseitigkeitsaufgebote bei Championaten nur noch Doppelgold zu feiern: Bei der EM 2001, den Olympischen Spielen 2012, der EM 2013 und der WM 2014. Eine solche goldene Serie war zuvor nur den Briten zwischen 1969 und 1972 gelungen.

Begünstigt wurden die deutschen Erfolge durch das 2004 veränderte Format der traditionellen Vielseitigkeit, die seitdem ohne kräftezehrenden Rennbahngalopp und lange Wegestrecken ausgetragen wird. Dabei verlangt nun der moderne, technischer gewordene Geländebaufbau mehr Rittigkeit und Durchlässigkeit von den Pferden sowie besseres Reiten und mehr Training von den Reitern. „Seit 2004 ist die Vielseitigkeit ein anderer Sport geworden, der auch andere Aufgaben an Pferde und Reiter stellt“ bestätigt Rüdiger Schwarz, der zu den international anerkanntesten Geländedesignern gehört und für den CICO3* Aachen verantwortlich ist.

Dabei ist die früher geäußerte Befürchtung, diese „neue Form des Zeitspringens mit Dressur als Beilage locke immer mehr unfertige und schlecht ausgebildete Pferde auf die Geländestrecken“ schnell widerlegt worden. „Die Verletzungsanfälligkeit ging deutlich zurück“ erläutert Bundestrainer Hans Melzer. „Unsere Reiter haben deutlich mehr Routine bekommen, weil sie ihre Pferde häufiger in kürzeren Prüfungen einsetzen können und dadurch viel mehr Erfahrungen sammeln können als früher. Das brachte eine bessere Leistungsbilanz“. Er weist des Weiteren darauf hin, dass dadurch qualitätsvollere Pferde in den Vielseitigkeitssport gekommen sind und das Anforderungsprofil für die nationalen deutschen Kader gesteigert werden konnte.

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Mannschaftsgold bei der WM 2014. (Foto: Nadine Kaiser)