Mittwoch, 18. Juli, 2018
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Kolumne: Ein Ausflug zum Turnier und worüber man sich wundert

Lia Bitter, Vielseitigkeitsreiterin vom #TeamTony aus Leidenschaft, hat eine kleine Kolumne zu ihrem vergangenen Turnierausflug geschrieben. Sicherlich gilt dies nicht nur für ein WBO Turnier und nicht nur für unsere Disziplin- wir alle sind gefragt, unseren schönen Sport so zu erhalten, wie wir ihn lieben.

 

Am vergangenen Sonntag sind wir ausnahmsweise mal auf ein WBO Turnier gefahren. Der Veranstalter hatte so nett gefragt und weil es hier in der Umgebung weit und breit einer der schönsten Turnierplätze ist und dort sowieso immer alles tipptopp läuft, haben wir das mit Freude gemacht.

Die Prüfung war am Nachmittag, das Wetter perfekt, also machen wir einen richtigen Familienausflug. Das Auto vollgestopft mit Kindern, das Pony hinten drin. Alle happy.

Auf dem Parkplatz werden um uns herum die „Herzenspferde“ ausgeladen. Mindestens einen eigenen Insta Account. Wenn nicht sogar die Blog Adresse auf den Hänger gedruckt…

Abreiten mit Pferd, total fair, wir dürfen sogar schon durchs Wasser. Der Parcours wurde zu letzter Woche hin noch mal deutlich vereinfacht. Das Raketenpony ist tiefenentspannt. Es geht heute um nichts. WBO, das unterste, was unser Verband zu bieten hat. Wir sind aus Spaß gekommen. Reiten ist mein Hobby. Ich mach das gerne. Aber anscheinend ist das aber nicht allen Pferden gegönnt. Die ersten werden beim Abreiten schon mal den Hügel rauf gejagt. Für ein Pferd ist die Geländeprüfung schon die dritte Prüfung heute, erklärt die Reiterin ganz stolz, bei 28 Grad.
Wir traben ein bisschen locker, vorwärts abwärts. Neben uns galoppiert eine Giraffe mit einem wutverzerrten Gesicht oben drauf. Ich entdecke nach und nach die gleichen Reiter, die mir am vorherigen Wochenende schon aufgefallen sind. Das Kind, was sein Pony verprügelt hat, das Jungpferd, das schon am ersten Sprung überfordert war. Haben die in einer Woche so viel gelernt, dass die Reiter plötzlich in der Lage sind, ihren Pferden gerecht zu werden?
Leider nein. Das Kind ist wieder völlig überfordert. Die Mutter rechtfertigt sich noch bei mir. Im Training klappt das IMMER. Na sowas, vielleicht ist das Kind der Situation nicht gewachsen? Was haben die auf einem Turnier zu suchen, wenn doch zu Hause alles klappt. Und warum wird dann das Pony gehauen und nicht die Mutter?
Eine Reiterin kommt im vollen Galopp vom Prüfungsplatz zurück auf den Abreiteplatz galoppiert. Meine Kinder reitet sie fast über den Haufen. Jetzt muss sie ihrem Pferd noch mal so richtig zeigen, dass sie sich absolut nicht unter Kontrolle hat. Das arme Tier wird noch mal den Hügel hochgejagt. Vor 30 Minuten war es noch ein Herzenspferd. Totaler Kontrollverlust.
Kaum ist der letzte Starter durchs Ziel, werden „Fehler“ korrigiert. Anscheinend kann man mangelnde Selbstbeherrschung abbauen, indem man sein Pferd nochmal so richtig über die Sprünge jagt.
Wir stellen bestürzt fest, die Hälfte der Reiter ist emotional nicht in der Lage, ein Pferd zu führen. Reiten hat was mit Respekt, Fairness und Dehmut zu tun. Das Raketenpony ist mein bester Freund. Bedrückt gucken wir uns an.

Die Kinder stehen jubelnd auf dem Platz, jeder will mal rauf, die Rakete trägt sie stolz durch über den Platz. Ehre, Liebe, Bewunderung, das gefällt ihm. Die Sonne scheint, bei der Siegerehrung wird platschend durchs Wasser galoppiert. Das Raketenpony buckelt vor Freude. Die Kinder tragen stolz unseren Ehrenpreis zum Auto.

Die Herzenspferde werden fluchend verladen. Vielleicht macht ihr euch zu Hause mal Gedanken darüber, wo eure Prioritäten liegen.

Text: Lia Bitter