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England is calling: Jörn Warner erzählt von seinem zweimonatigen Aufenthalt bei Eventing-Koryphäe Bill Levett

Eigentlich wollte der 27-jährige Berufsreiter schon im letzten Jahr englische Luft schnuppern, geklappt hat es jedoch erst in diesem Jahr. Von Ende März bis 1. Juni unterstützte Jörn Warner das sechsköpfige Team von Vielseitigkeitsprofi Bill Levett, der in Chipping Campden seinen Little Charingworth Stud betreibt.

„Der Aufenthalt bei Bill kam durch meine Haus-Trainerin Bettina Hoy zustande. Nachdem Bettina den Kontakt hergestellt hat, ging alles relativ schnell und ich wurde auch gleich vom Betrieb freigestellt“, freut sich der Düsseldorfer. Jörn ist festangestellter Pferdewirt der Schmidtke-Schülerin Flora Schweppenhäuser. Neben den Berittpferden in Moers, reitet er jeden Tag seine eigenen Vierbeiner. Um sich seine Pferdebande und die Vielseitigkeit leisten zu können, gibt Jörn zudem noch Unterricht in einem weiteren Stall.

Bevor Jörn allerdings die Tour zu Bill Levett antrat, machte er noch einen kleinen Zwischenstopp bei Bettina Hoy, um sich am DOKR auf seine kommenden Aufgaben vorzubereiten. Bei Levett angekommen ging’s dann gleich voll los. Der Arbeitstag fing um sieben Uhr morgens an und endete meist gegen 20 Uhr abends. Füttern, misten, Pferde auf die Führmaschine und Paddocks verteilen, Dressur-, Springen- und Geländeritte. „Und wenn Bill zu Turnieren im Ausland unterwegs war, ritt ich stellenweise neun bis elf anstatt nur vier oder fünf seiner Pferde“, erzählt der Vielseitigkeitsreiter.

„Ein persönliches Highlight für mich war, dass in so einem großen Betrieb alles so familiär abläuft. Bill und seine Frau waren so herzlich zu mir, ich wurde wie ein Sohn empfangen. Toll ist auch, dass das ganze Team an einem Strang zieht, alle helfen mit und bleiben bis zum Schluss da, auch bei Turnieren“, sagt Jörn.

Mit von der Partie waren Jörns Wallache Vicco Pop, genannt Paul und Carouge, genannt Curt. „Da Curtis Disziplin eher das Springen ist, war ich in England mehr mit Paul unterwegs. In Punkto Vielseitigkeit hatte ich mit ihm einfach mehr Möglichkeiten. Paul hat das geliebt, er musste die Aufmerksamkeit nicht teilen“, lacht Jörn.

Von Bill lernen

„Mein Ziel war es, von einem 4-Sterne-Reiter zu lernen. Wie hält er seine Pferde fit, wie bereitet er sich auf Turniere vor und was macht er anders“, sagt Jörn, der von dem Vielseitigkeitsprofi jedes Wort wie ein Schwamm aufgesaugt hat. „Ich habe das Glück, dass ich wohl aus Intuition das Richtige gemacht habe. Ein tolles Gefühl war, als Bill mir bestätigte, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Bill ist jedes Gelände mit mir abgegangen, hat die Sprünge mit mir abgestimmt, mir Alternativen aufgezeigt und Feinheiten beigebracht“, strahlt Jörn.

Vicco_Pop_Joern_Aston_le_Walls_Intermediate

Top Trainingsbedingungen

Little Charingworth Stud liegt auf einem Hügel. Die Trainingsmöglichkeiten unterschieden sich doch stark von den eher flachen Regionen rund um Düsseldorf. „In England konnten wir wunderbar die Kondition der Pferde verbessern. Wir hatten direkt am Stall einen Berg mit einer 15-prozentigen Steigung, die wir ein- bis zweimal die Woche im Trab gegangen sind. Auch auf der Rennbahn war eine leichte Steigung, die wir mit einem Tempo von 500 und 550 geritten sind. Alles in allem hatten wir weniger Trainingsaufwand, dafür aber konditionell ein besseres Ergebnis“, erzählt der Buschreiter.

Turnierhighlight und Prüfungsbedingungen

Insgesamt hat Jörn in England an sechs Turnieren teilgenommen. Mit Paul, seinem siebenjährigen Wallach, positionierte sich Jörn bei seiner ersten Intermediate in Aston Le Walls auf dem ersten Platz, noch vor Bill. Und in Houghton Hall ritt das Paar auf den zweiten Rang, direkt hinter Dirk Schrade mit Call me Honey. „Bei 98 Reitern war der zweite Platz etwas ganz besonderes für mich. Und dann noch mit meinem selbstausgebildeten Pferd. Da war ich schon ein bisschen stolz“, sagt Jörn.

Ein Unterschied zu Deutschland liegt in den Prüfungsintervallen. Die Turniere finden sowohl an den Wochenenden als auch unter der Woche statt. „Das Angebot ist riesig. Man kann die Pferde schon in den Prüfungen konditionell steigern. Ein großer Vorteil ist auch, dass die Turnierplätze recht nah beieinander liegen. 150 Kilometer ist man schnell mal gefahren“, sagt der Berufsreiter. Positiv findet Jörn auch den Aufbau der Geländeprüfungen. „Bei den großen Ländereien, wird neben Rittigkeit und Sprungvermögen auch auf langen Zwischenstrecken das Galoppiervermögen abgefragt. Dennoch bleibt den Pferden an den einzelnen Komplexen mehr Zeit ihre Aufgabe zu erkennen.“

Vicco_Pop_Joern_Houghten_CCI1

Einfach mal Pferd sein

Wenn man Jörn nach einem weiteren Unterschied zu Deutschland fragt, fallen ihm spontan die Vierbeiner ein. „Was mir vor allem aufgefallen ist, ist dass ein Pferd dort wirklich Pferd sein darf. Als Bill aus Kentucky wiedergekommen ist, hatte sein Pferd danach zwei Wochen frei. Die Pferde waren täglich bis zu sieben Stunden auf der Koppel. Ich glaube, dass es einfach der Ausgleich zwischen Sport und Erholung ist“, sagt Jörn.

Immer wieder England

Ob Jörn wieder zurück nach England möchte, steht für ihn außer Frage. „Das war so ein tolles Erlebnis. Ich würde immer wieder hinfahren und wenn ich die Zeit und die Möglichkeit bekomme, werde ich dort erneut meine Zelte aufschlagen. In England habe ich gelernt, dass ein gutes Vielseitigkeitspferd keinen starren Regeln entspricht. Wichtig ist, dass es genügend Herz und Leistungswillen hat“, betont Jörn.

Der gebürtige Düsseldorfer freut sich auch sehr über die Unterstützung, die er von mehreren Sponsoren erhalten hat. Ohne sie wäre der Aufenthalt gar nicht erst möglich gewesen. „Vor allem Marstall war eine große Hilfe. Das Team hat für uns das komplette Futter nach England transportiert und bezahlt, damit meine beiden Jungs nicht auf ihr gewohntes Futter verzichten müssen“.

Wie geht es weiter?

Nach der 2-Sterne-Prüfung in Holzerode, die jetzt am Wochenende stattfand und Jörn sich auf dem vierten Rang platzierte, geht es für ihn nach Holland. Im August folgt dann ein weiterer 2-Sterne-Ritt. „Gerne möchte ich mich im Hinblick auf die WM der jungen Pferde vorbereiten. Und meine Meisterprüfung steht in diesem Jahr noch an“, erzählt Jörn.

Wir wünschen viel Glück & Erfolg.

Von Sonja Slezacek

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