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Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – buschreiter Familien im Porträt I

Dr. Annette Wyrwoll und Tochter Stephanie – Zwei Powerfrauen ziehen an einem Strang

(von Sonja Slezacek) Den Sturkopf und das Durchhaltevermögen hat Stephanie von ihrer Mutter geerbt. Die 25-jährige studiert seit rund einem Jahr Veterinärmedizin in Wien und tritt damit voll und ganz in die Fußstapfen von Mama Annette. „Ich wollte ihr das Studium ausreden, weil der Beruf Tierarzt unwahrscheinlich viel Zeit beansprucht. Man arbeitet beinahe rund um die Uhr. Aber Ninni hat ihren Kopf durchgesetzt“, schmunzelt die Tierärztin.

Bevor es mit dem Studium allerdings losging, hat Stephanie erst einmal jeweils ein Jahr Praxiserfahrungen in den Pferdekliniken in Regensburg und München gesammelt.

„Meine Tochter hat gelernt, dass man nur durch harte Arbeit und Ausdauer weiter kommt. Ich bin nicht ihr Sponsor“, erklärt die Olympiareiterin. Als „Mädchen für alles“ hilft Stephanie in den Semesterferien in der heimischen Praxis aus. „Da muss sie ran“, lacht Annette.

Das Ziel der jungen Amazone ist es, irgendwann zusammen mit ihrem Partner, die Pferdepraxis sowie den Zuchtbetrieb in Neuhof zu übernehmen.

Wohnwagen und Turnierplatz als zweites Zuhause

Die erfolgreiche Vielseitigkeitsreiterin hat ihre Tochter von Anfang an auf alle Turniere mitgenommen. „Das Wohnmobil und der Turnierplatz waren unser zweites Zuhause“, erzählt Annette. „Wichtig für mich war, Stephanie von klein auf den richtigen Umgang mit Pferden zu vermitteln“, fügt die 59-Jährige hinzu.

Das Pony, auf dem die talentierte Nachwuchsreiterin erste große Turnier-Erfolge feiern, aber auch kleine Niederlagen erleben durfte, hieß Kookie. Kookie war auch Annettes Handpferd, wenn sie mit Bantry Bay ins Gelänge ritt. Der Wallach ist jetzt 29 Jahre alt und verdient sich sein Gnadenbrot als „Hofhund“ auf dem Neuhof.

Nichts sollte selbstverständlich sein

„Bei einem Springreiterwettbewerb war Stephanie noch vor dem Start so von ihrem Sieg überzeugt, dass sie nur von der Schleife sprach. Über den Sprüngen starb sie vor Schönheit – bis Kookie einen Steher hatte und Ninni auf dem Hals landete. Ich habe so gelacht, dass ich von einer Fremden als Un-Mutter des Jahres tituliert wurde“, schmunzelt Annette.

„Der sportliche Erfolg ist toll, aber man muss auch verlieren können. Erst dann weiß man einen Sieg richtig zu schätzen, ergänzt die die Mutter, Trainerin und Managerin von Stephanie.

Großes Nachwuchstalent

Die junge Amazone hat allemal bewiesen, dass sie ihrer Mutter in Mut und Ausdauer in nichts nachsteht. Mit Bantry Bay, der im Jahr 2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney mit Mama Annette seinen letzten Championatseinsatz hatte, startete Stephanie unter anderem 2004 in Warendorf und entschied den Geländeritt mit der Wertnote 9,4 für sich. Im gleichen Jahr erreichte sie mit ihm ihre erste CIC1* Platzierung in Marktredwitz-Haag.

Mit Midnight Blue nahm das Nachwuchstalent mehrfach erfolgreich an Deutschen Jugendmeisterschaften der Junioren und Jungen Reiter teil. So belegte Stephanie bei der Deutschen Junioren-Meisterschaft in Bonn-Rodderberg den achten Platz. In Pardubice (CZ) ritt Ninni mit Midnight Blue beim CCI2* auf den sechsten Platz und in Laintal, beim CIC2*, auf den 4. Platz. Zusammen mit der selbstgezogenen Trakehner-Stute Lacorna, erreichte Ninni 2008 den 5. Platz in der CIC2* beim renommierten Event auf dem Rodderberg. Zudem wurde Stephanie im Rahmen einer nationalen L Bayerische Juniorenmeisterin.

„Irgendwann habe ich bei Stephanie die Notbremse gezogen“, erzählt Annette. „Sie war mehr mit Reiten als mit der Schule beschäftigt. Ich wollte, dass sie erst einmal ihr Abi macht“, ergänzt die Vollblut-Mutter. Stephanies Prioritäten haben sich vorerst verschoben. Jetzt steht das Studium an erster Stelle. „ Sie hat noch alle Zeit der Welt, wieder in den Vielseitigkeitssport zurückzukehren. Am Wichtigsten ist, dass ihr das Reiten an und für sich Spaß macht und nicht nur der sportliche Erfolg im Vordergrund steht“, sagt Dr. Annette Wyrwoll abschließend.

Recht hat sie! Das buschreiter-Team wünscht den beiden Powerfrauen weiterhin viel Erfolg – bei allem was sie sich in den Kopf gesetzt haben!

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Das Interview mit Annette war für unsere Redakteurin Sonja so ergiebig, dass wir Ihnen das Gespräch mit ihr nicht vorenthalten wollen

Powerfrau mit Herz und Durchhaltevermögen
buschreiter im Interview mit Dr. Annette Wyrwoll

(von Sonja Slezacek) Man mag es kaum glauben, aber die Olympia-Reiterin von Sydney und FEI-Veterinärin, Dr. Annette Wyrwoll, kommt aus einer „non horsy“ family. „Mein Vater hat mein Interesse für Pferde gehasst, er wollte immer, dass ich etwas Handfestes und Anständiges lerne“, lacht Annette. Zum Glück ist dieser elterliche Plan nicht aufgegangen. „Jeder der mich kennt, weiß, dass ich mich fast immer im Leben durchgesetzt habe“, erzählt die heute 59-Jährige.

Mit wie viel Herz und Biss die in Neuwied geborene Powerfrau an ihre Leidenschaft für den Reitsport und die Pferde herangegangen ist, sieht man an ihrem beachtlichen Werdegang: bereits 1967 erste Turnier Erfolge, 1978 erste internationale Vielseitigkeits-Erfolge, in den 70er und 80er Jahren mehrfache Vielseitigkeits-Landesmeisterin in Rheinland-Pfalz und Bayern, Teilnahme an Europameisterschaften in den 90ern, bis hin zum absoluten Höhepunkt bei den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000, wo sie als einzige deutsche Einzelreiterin in der Wertung lag.

Angefangen hat alles auf einem Bauernhof
Wie bei 80 Prozent aller pferdebegeisterten Mädchen, hat Annettes Liebe zu den Vierbeinern schon ganz früh begonnen – bei ihr ging es nur einen entschiedenen Schritt weiter. „Ich habe mich regelrecht hochgedient, auf diversen Bauernhöfen, mit Misten, Kehren und ein bisschen Ponyreiten“, erzählt die erfolgreiche Vielseitigkeitsreiterin.

So richtig los ging es für Annette aber erst 1971, als in Neuwied eine mit offiziellen Geldern finanzierte neue Reitanlage gebaut wurde. „Da wurde für mich ein Traum wahr. Die Reitanlage war grandios, mit einer riesigen Halle und einem großen Reitplatz“, erinnert sich Annette. Die damals 15-jährige nahm einmal die Woche Unterricht bei FN-Reitlehrer
Addi Jachmich. Da sie von ihren Eltern nicht unterstützt wurde, finanzierte sich Annette
die Reitstunden mit Mathe-Nachhilfeunterricht. „Für drei Nachhilfestunden die ich gab, konnte ich mir eine Reitstunde leisten“, sagt Annette, die vor ihrem Veterinär-Studium erst einmal ein Pädagogik-Studium mit den Fächern Mathe und Sport absolvierte.

Ihr Talent wurde bald entdeckt
Jachmich wurde schnell auf das hilfsbereite und ehrgeizige Mädchen aufmerksam. Annette reichten die wöchentlichen Reitstunden nicht. So oft es nur ging, fuhr sie in den Reitstall:
„Ich bin um sechs Uhr morgens aufgestanden und dann mit dem Bus in den Stall gefahren, inklusive zweimal umsteigen. Um Viertel nach sieben stand ich bereits in der Pferdebox und half beim Ausmisten“. So viel Beharrlichkeit und Ausdauer zahlt sich aus. Irgendwanndurfte Annette Jachmichs Berittpferde trockenreiten. Zu ihrer Beharrlichkeit kam noch ein großes Stück Talent hinzu, das dem Reitlehrer nicht verborgen blieb. Und so besorgte er Annette ihr erstes Pflegepferd. Mit Hesse Raubautz feierte Annette erste Vielseitigkeits-Erfolge. „Besitzer und Mäzen Werner Baldus war Hobbyreiter und froh, dass er nur am Wochenende reiten musste“, schmunzelt Annette Wyrwoll.

Mit In Joke zum Erfolg
Annette wurde auch vom damaligen Bundestrainer der Vielseitigkeit, Max Habel, entdeckt, der sie zu einem Lehrgang einlud. „Den Kurs bin ich mit In Joke geritten und beinahe geplatzt vor Stolz“, erzählt die selbständige Unternehmerin. Den 158 cm kleinen dreiviertel Trakehner, mit Württemberger Brand, wollte damals niemand haben. „Also habe ich ihn mir von meinem Ersparten gekauft. Ganz heimlich, meine Eltern wussten von nichts“, erzählt Annette. Das war 1977 und die heutige Fachtierärztin für Pferde war gerade mal 22 Jahre alt. Ein Jahr später startete sie mit ihm bereits in Hooge Nierde (NL), bei einer internationalen CCI Prüfung. „Damals gab es noch nicht die ganzen Unterscheidungen, wir wussten nur, dass ein Gelände etwas schwieriger als das andere ist – wie beispielsweise Badminton“, erinnert sich die Olympiareiterin. Ein weiteres Highlight folgte 1981, beim CCI in Wylye (GB), wo alle damaligen Größen wie Virginia Holgate oder Mark Phillips vertreten waren.

Höhepunkt einer langen Karriere
Mitte der Achtziger wurde es um Annette im Vielseitigkeitssport etwas ruhiger. Nach ihrer Promotion standen erst einmal die Familie und Arbeit im Vordergrund. Aber, einmal Pferdeverrückt, immer Pferdeverrückt: Mit Kauf von Olympiapferd Bantry Bay, im Jahr 1992, legte Annette den Grundstein für den Höhepunkt ihrer Karriere. „Die Olympiade war mein absolutes Highlight, ein Moment den ich nie vergessen werde“, strahlt Annette. Mit „Benni“ hat die Amazone mehr als 14 Jahre lang in Folge nationale und internationale Vielseitigkeitsprüfungen bestritten. Und auch Tochter Stephanie verschaffte der Wallach ihre erste Busch-Platzierung.

Konzentration auf die Trakehner-Zucht
Parallel zu Bantry Bay, kaufte Annette Vollblut Dingle Dancer, kurz danach Schimmel-Stute Ritzy Pitzy und deren Vollbruder und Vielseitigkeitslegende Sleep Late, den sie später an Ingrid Klimke verkaufte. Nach dem großen Erfolg in Sydney zog dich Annette Wyrwoll aus dem großen Sport zurück und widmet sich seitdem ihrer Trakehner-Zucht “made by Neuhof”.