Course Design - Leserforum
"Irgendwann hat auch das ehrlicheste Pferd keine Lust mehr"
Christian Zehe möge sich mental auf die Schulter geklopft fühlen. Er sprach bestimmt vielen Reitern aus der Seele, und wer die Kurse von Christian Zehe kennt, weiß, dass hier bestimmt keine Geschenke verteilt werden. Klare Aufgaben und kein Rumkurbeln in Kombinationen auf Teufel komm raus.
Wir gehen die Strecke viele Male ab. Das Pferd sieht bei hoher Geschwindigkeit das erste Mal die Aufgabe oder eben auch nicht. Durch Ecken, schmale Elemente, mutige Aufgaben und Zeit bekomme ich Teilnehmer auf alle Fälle auseinander, und ich muß meinem Sportsfreund nach der Landung nicht sofort wieder einen rabiaten Richtungswechsel zumuten. Irgendwann hat auch das ehrlichste Pferd keine Lust mehr.
Nico Schmidt
"Beide Kurse waren keine Werbung für den Sport"
Den Ausführungen Christian Zehes kann man nur beipflichten. Ich war als Zuschauer sowohl in Luhmühlen als auch in Fontainebleau.
Besonders gravierend ist mir in Luhmühlen Beeke Kaacks Sinjang in Erinnerung geblieben, als er vor dem letzten Wasser total die Zusammenarbeit verweigerte. Beeke wollte nach einer längeren Galoppstrecke das Pferd etwas aufnehmen, um es für die nächste Aufgabe vorzubereiten. Man konnte überdeutlich erkennen, dass das Pferd die "Nase voll" hatte. In dem Kurs musste einfach zu oft "an's Maul" gegangen werden.
Und in Fontainebleau war es ähnlich, wie man an den Wasser-Bildern überdeutlich sehen kann. Wobei hier die Problematik vielleicht weniger durch häufigen Richtungswechsel am Hindernis entstand, sondern durch die teilweise sehr welligen Bodenverhältnisse, die im Laufe der Zeit durch zunehmende Trockenheit immer schwieriger wurden, da der Sand zu rollen begann. Erschwerend kam hinzu, daß durch die sehr diffusen Lichtverhältnisse im Wald ein Höchstmaß an Konzentation von Pferd und Reiter gefordert war.
Wenn man also die Kurse nach der Devise von Martin Plewa betrachtet, wonach ein Pferd aus jedem Kurs, auch aus einem Championatskurs, etwas Positives mit nach Hause nehmen können sollte, so waren beide Strecken hierzu eher ein Beispiel, wie man Pferden gründlich die Lust am Arbeiten nimmt.
Werbung für unseren Sport waren beide Kurse leider nicht.
Maria-Theresa Schädler
Offene Kommunikation gefordert
Das, was wir Freunde der Vielseitigkeit denken und fühlen und möglicherweise nicht immer in die richtigen Worte packen können, hat hier der Christian Zehe ausgedrückt (wie auch so schön und spontan vom Nico Schmidt-Aristokrat formuliert).
Für Zuschauer mag es ja eventuell spannend sein, wenn die Hälfte der Reiter mit ihren Pferden im Gelände nicht das Ziel erreicht, wir Sportler wünschen uns schon faire Bedingungen, auch unseren Pferden gegenüber, und wir wünschen uns Entscheidungen durch klare Punktunterschiede in allen drei Disziplinen der Vielseitigkeit. In den letzten Jahren ist das Niveau der Dressur dermaßen aufgewertet worden, dass der Kursgestalter nicht auf Biegen und Brechen die Entscheidung ins Gelände verlegen muss! Inzwischen entscheidet meist ein Abwurf im abschließenden Springen über Sieg und Platzierungen bis Platz 10! Es handelt sich nicht mehr um die "Military" von Mexiko!- auch wenn viele harte "Profis" das gern weiter so geritten wären.
Es entwickelt sich ein völlig anderer Pferdetyp mit vielen Points der Rittigkeit und Bewegungsmöglichkeiten, die auch vom Dressurvererberblut kommen. Diese Pferde sind hochsensibel, kosten inzwischen auch richtig Geld und sollen auch lange gesund bleiben. Wenn unsere Pferde bis in die Amateurbereiche eventuell heute und in Zukunft mit überwiegend Negativerlebnissen aus den Kursen kommen, werden wir diese breite Basis, die es großartigerweise nun in fast allen Bundesländern gibt, nicht entwickeln bzw. halten können.
Ich habe mich sehr gefreut, dass Andreas Dibowski den Mut hatte, sowohl in Luhmühlen (wo er ja 2. war) als auch nach der EM, deutliche Kritik an einer Tendenz zu üben, die nicht zu übersehen ist und die einfach nicht gut für uns ist!
Obwohl ja ein "Profi" bekanntlich keinen Schmerz zeigen darf und Kritiker ja von den "Profis" gleich in die Schublade "Amateur" gesteckt werden, hat er den Finger auf die Wunde gelegt. Hier helfen Kritiken unter 4 Augen (wie bei den Profis üblich) nicht weiter, dieser Sport läuft in der Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit darf hier mitreden. Es wird schwer genug, diesen traditionsreichen Sport über die kommenden Jahrzehnte zu erhalten. Das wird uns nicht gelingen mit hartem Profigetue, sondern nur mit Fingerspitzengefühl, Weitsicht und ehrlicher offener Kommunikation bis runter zum Einsteiger!
Diese Pferde, von denen wir heute reden, sind nicht mehr diese "Heckenspringer", die sonst zu nichts mehr gut waren und dann eben in die Military gehen mussten - es sind inzwischen sehr, sehr edle und wertvolle Sportkameraden, die neben der Vielseitigkeit oft noch erfolgreich in Dressuren und im Springen bis zur Klasse M an den Start gehen. Diese Pferde haben ein Recht auf Achtung und Respekt, ebenso wie ihre Züchter und Ausbilder, die meist "nur" Amateure sind! Jeder kann sich ausrechnen, was aus der Vielseitigkeit wird, wenn die so genannten "Amateure" mal nicht mehr mitspielen und in die Dressur und ins Springen abwandern, dann wird es aber "duster" auf den Geländestrecken und bei der Startgeldannahme!
Ich denke doch positiv in die Zukunft. Auch diese Diskussion zeigt mir: Es bewegt sich was!
J. Lindner
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Christian Zehes Kritik an Luhmühlen und der EM
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