Buschreiter.
de Ð aktuell: Tipps vom Profi-Parcoursbauer
VON WOLF-DIETRICH NAHR
ãPferd und Reiter sollen im Cross zusammenwachsen.Ò Und: ãDas Pferd muss die Chance haben, die Aufgabe zu erkennen.Ò Zwei KernsŠtze des Course Designers Christian Zehe bei einem Fachvortrag im Rahmenprogramm des Balls der Vielseitigkeit 2007 in Gšttingen. Doch der Parcourschef verlor sich bei dem Referat nicht in AllgemeinplŠtze, sondern er prŠsentierte verblŸffende Einsichten, Grundregeln und manches ãDo notÒ beim Konzipieren von GelŠndestrecken. Zehes Prinzipien taugen dazu, den Hindernisbau, die ãDramaturgieÒ eines Cross und Details der LinienfŸhrung auf bestechende Weise zu optimieren (Foto Doritt Barth).
Christian Zehe animiert
seine Kollegen Ð seien es formal qualifizierte Parcoursbauer oder seien es
Selfmade-Cross-TŸftler Ð grundsŠtzlich dazu, nach einer langen Galoppstrecke
die Linie zum Sprung zu brechen: Die Reiter sollten dazu veranlasst werden, vor
dem Hindernis die Geschwindigkeit etwas ãherauszunehmenÒ. Zehe schrŠnkte aber
diese Devise gleich wieder ein: ãDas bedeutet nicht: FŸnf Handwechsel vor dem
Sprung.Ò Die Anatomie der Pferdebeine Ð die eingeschrŠnkte seitliche
Beweglichkeit Ð gebiete es, scharfe Wendungen bei hohem Tempo zu vermeiden. Die
Rutsch- und Verletzungsgefahr sei in solchen Situationen einfach zu gro§.
Deshalb warnt Zehe auch davor, geforderte Wendungen auf geradem oder nach au§en
abfallendem GelŠndeprofil anzulegen. Statt dessen plŠdiert er fŸr einen
Steilwandeffekt: †berhšhte Kurven oder Wendungen bergauf seien eindeutig
vorzuziehen. Der Parcourschef rŠt grundsŠtzlich dazu, das geforderte Tempo und
die Sprunggestaltung so zu wŠhlen, dass bei den letzten zwei bis drei GaloppsprŸngen
die Balance des Pferdes nicht mehr gestšrt wird. Als vorteilhaft habe es sich
erwiesen, den Absprungbereich leicht ansteigend anzulegen. Dadurch wirke das
Hindernis optisch hšher, was sich auf Pferd und Reiter ãachtunggebietendÒ
auswirke. Dies komme auch der Balance von Ross und Reiter entgegen. Bei TiefsprŸngen
sollten die Landestellen idealerweise abfallend gestaltet sein. Bodenkontakt
auf dem Flachen fŸhre dagegen zu einer ãextrem hohen BelastungÒ der
Pferdebeine. Zehe spricht sich gegen Hoch-Weit-Hindernisse als TiefsprŸnge aus.
Der Course Designer: ãDas Pferd soll sich fallenlassen und losspringen, ohne
dafŸr mit einer schmerzhaften Landung bestraft zu werden.Ò Bei der Konstruktion
der einzelnen Hindernisse folgt Christian Zehe dem Prinzip, dass die geforderte
Sprungkurve der geometrischen Figur einer Parabel folgt. Hilfreich seien dabei
Absprunghilfen, die wirksam verhindern, dass der Absprungpunkt gefŠhrlich nahe
am Hindernis liegt. ãEs kommt darauf an, durch einen geeigneten Abstand StŸrze
durch Unterlaufen zu vermeiden.Ò Dies gelte umso mehr fŸr ãkritischeÒ SprŸnge
mit wenig Unterbau oder bergab. Bei der Detailplanung sollten die Ecken von
Sprungelementen wirksam abgerundet werden Ð etwa durch Halbrundhšlzer, die
allerdings nicht in der vertikalen Ebene, sondern oben auf dem Element
befestigt werden sollten. GelŠndestrecken konzipieren mit Pferdeverstand:
Christian Zehe ruft die Psyche der Vierbeiner in Erinnerung. Die Startrichtung
gerade fŸr junge Pferde solle so gewŠhlt werden, dass beispielsweise die ersten
drei SprŸnge den Weg Richtung Stall oder Abreiteplatz weisen. ãDas Pferd als
Herdentier will erst einmal zu den anderen Pferden.Ò Die Anforderungen in der
Abfolge der GelŠndestrecke sollten so angeordnet sein, dass leichte Hindernisse
die schwereren vorbereiten. Beispiel: Bevor die Paare ein In-Out ins Wasser
bewŠltigen mŸssen, werden sie vorher erst mit einem In-Out ohne kŸhles Nass und
separat mit einem Wasserkomplex konfrontiert. Christian Zehe: ãDas Pferd muss
die Chance haben, sich vorzubereiten.Ò Sollte sich etwa Sprung 3 als wahre
Klippe einer GelŠndestrecke erweisen, ãdann ist etwas schiefgelaufenÒ. Ein
weiteres Prinzip lautet: Erst wenden und dann springen. Oder mit den Worten des
Parcourschefs drastisch und negativ formuliert: ãDas Pferd macht einen guten
Sprung und kriegt dann zur Belohnung eins auf den Zahn.Ò Weil zum Erreichen der
Bestzeit zŸgiges Weiterreiten nach dem Hindernis gefordert ist, plŠdiert Zehe
dafŸr, in Distanzen mit drei SprŸngen die zweite Distanz etwas weiter
anzulegen. Wer hat schon einmal Gedanken auf Details der Streckentrassierung
verschwendet? ãDas machen beim Turnier leider oft diejenigen, die am wenigsten
in der Birne habenÒ, bedauert Christian Zehe. Denn er hat beobachtet, dass
selbst Profi-Reiter sich durch das Band dazu verleiten lassen, nicht die
Ideallinie zu wŠhlen. Oder andersherum: Der Verlauf der Streckenbegrenzung hat
entscheidenden Einfluss auf die LinienfŸhrung des Cross. Die Gesamtkonzeption
einer VielseitigkeitsprŸfung steht nicht isoliert, meint Christian Zehe. Aus
der Sicht von Pferd und Reiter sei es entscheidend, dass er je nach Jahreszeit
und Saisonphase eine ãverlŠssliche PrŸfungÒ im Hinblick auf den
Schwierigkeitsgrad und die BodenverhŠltnisse auswŠhlt. Aus der Perspektive des
Veranstalters sei dringend gefordert, dass die Anforderungen fŸr das Publikum
kalkulierbar sind. ãMan kann seine Kundschaft auch verprellenÒ, sagte Christian
Zehe. Was den Schwierigkeitsgrad einer PrŸfung angeht, muss der Designer die
Gratwanderung schaffen: Werde der Parcours zu leicht konzipiert, dann wŸrden
die schlechten Reiter ohne angemessene Vorbereitung belohnt; seien die
Anforderungen zu hoch oder gar unfair, dann kšnnten die Folgen fatal sein: ãDas
kann dann die Karriere eines Pferdes komplett zerstšrenÒ, sagte Christian Zehe.
Aktive und Fans erleben immer wieder, dass manche GelŠndestrecken wenig mit den
vorgeschriebenen LPO-Anforderungen zu tun haben Ð aus Unwissenheit oder wegen
Ÿbertriebenen Ehrgeizes des Parcoursbauers. Christian Zehe: ã20 Hindernisse in
einer VE, das entspricht einfach nicht dem Reglement.Ò Der Konstruktur
internationaler PrŸfungen zitierte den Lehrsatz von Sepp Herberger: ãNach dem
Spiel ist vor dem Spiel.Ò Deshalb
mŸsse sich der Designer nach der PrŸfung selbstkritisch mit dem Ergebnis
auseinandersetzen und noch wŠhrend des Wettbewerbs wenn mšglich an jedem
Hindernis mehrere Pferde mitverfolgen, Distanzen, Absprung- und Landestellen
Ÿberwachen, Hindernisfehler analysieren und Sturzprotokolle studieren Ð um fŸr
den nŠchsten Event die richtigen SchlŸsse daraus zu ziehen. Aber es steht viel
mehr als der persšnliche Erfolg des Parcourschefs auf dem Spiel: ãEr ist nach
dem Ausbilder die letzte Instanz Ð und das ist eine hohe Verantwortung.Ò
buschreiter.de/WOLF-DIETRICH NAHR (im Bild zwei Weltklasse-Amazonen bei Maximalanforderungen: Zara Phillips und Toy Town 2003 in Burghley und Mary King mit King Solomon III 2004 in Athen, Fotos: Wolf-Dietrich Nahr)
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