Deutsche Trainer im Ausland: Ralf Ehrenbrink
Weihnachtszeit ist in Indien Turnier-Hochsaison
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Sie sind Wanderer zwischen den Welten des Vielseitigkeitssportes: Deutsche Ausbilder und Reiter, die sich außerhalb der Landesgrenzen als Trainer von Buschsportlern und ihrer Pferde betätigen. Der Aufstieg der heimischen Eventer auf Weltniveau macht die Größen der deutschen Vielseitigkeit offenbar auch als Berater und Coaches anderswo höchst interessant. Buschreiter.de stellt in loser Folge Trainerpersönlichkeiten vor. Erste Folge: Ralf Ehrenbrink.
Irgendwie verkehrte Welt: Es ist Anfang November und Ralf Ehrenbrink sitzt auf gepackten Koffern – und fiebert der grünen Saison entgegen. Anfang November? Gemeint ist natürlich nicht die Freiluftsaison in Deutschland oder in England. Denn während hierzulande viele Vielseitigkeitsreiter im leichten Winterschlaf dösen, geht es da, wo Ralf Ehrenbrink in diesen Tagen hinfliegt, gerade richtig los.
Reiten bei 50 Grad?
Der Course Designer und Mannschafts-Goldmedaillengewinner von Seoul 1988 (mit Uncle Todd), Mannschafts-Bronzemedaillengewinner 1992 in Barcelona (mit Kildare) und Olympiareiter 1996 in Atlanta (mit Connection L) ist nämlich nicht mehr und nicht weniger als Vielseitigkeits-Nationaltrainer in Indien. Und dort beginnt die Reitsaison im Oktober und endet im März. Ehrenbrink im buschreiter-Interview: "In der übrigen Zeit kann man bei Temperaturen bis zu 50 Grad praktisch kaum reiten."
Eine Männergesellschaft
Seit dem Jahr 2000 kümmert sich Ralf Ehrenbrink regelmäßig um acht bis zehn indische Kaderreiter und einen noch größeren Kreis von Nachwuchs-Eventern, hält im Land Lehrgänge ab, lehrt Theorie, bespricht mit den indischen Jockeys Fragen der Turnierplanung und des optimalen Trainings. Seine Schützlinge sind im Spitzenbereich ausschließlich männlichen Geschlechts – was sich auch dadurch erklärt, dass die Kadermitglieder ausnahmslos Armeeangehörige sind. Die reitenden Uniformträger leisten neben ihrer Arbeit mit den Pferden auch noch normalen Dienst ab.
Tipps für den Hindernisbau
Die indische Vielseitigkeit spielt sich laut Ralf Ehrenbrink ausschließlich im militärischen Bereich ab. Die Reitsportler sind auf mehrere Trainingsstätten verteilt, kasernenartig geschlossene Areale mit weitläufigem Gelände. Dort fand Ralf Ehrenbrink auch Geländehindernisse vor, die allerdings aus europäischer Sicht teilweise etwas "seltsam" gebaut gewesen seien. Der Course Designer gab den Indern deshalb den einen oder anderen Tip, wie die Hinderniskomplexe im Detail verbessert werden können.
Bronze in Katar
Ralf Ehrenbrinks Trainertätigkeit trägt Früchte: Die indische Mannschaft holte bei den Asienspielen 2006 in Katar Teambronze und indische Einzelreiter sicherten sich die Plätze 4, 6 und 11. Reisen bildet bekanntlich, und so wie manche deutsche Eventer wertvolle Erfahrungen in England sammeln, unternahm Ehrenbrink zwei Exkursionen mit seinen Reitern – allerdings ohne die dazugehörigen heimischen Pferde. 2006 gastierte eine kleine Equipe zwei Wochen in Bielefeld, wo Hans Nagel für die kurze Zeit die indischen Gäste beritten gemacht hat. Die Inder starteten bei zwei Turnieren: Bei einer A-Vielseitigkeit in Warendorf gingen vier Buschreiter an den Start, wobei zwei Schleifen in den Koffer packen konnten. Bei einem CIC* in Niederweimar war auch ein Inder platziert.
Ein-Sterne-Start in Australien
Im Herbst vergangenen Jahres ging die Reise dann nach Australien, wo sich die Inder wieder auf Ein-Sterne-Niveau versuchten. Die Pferde organisierte dort Wayne Roycroft. Er muss eine gute Auswahl getroffen haben, da die Inder die Mannschafts- und Einzelwertung für sich entscheiden konnten.
Zwangspause wegen Design-Auftrag?
Ralf Ehrenbrink wird aller Voraussicht nach seine Trainertätigkeit in Indien fortsetzen. Allerdings könnte er eine kleine Zwangspause einlegen müssen – falls der Course Designer von der FEI den Auftrag erhalten sollte, bei den nächsten Asienspielen 2010 die Geländestrecke zu konzipieren. Denn dann müsste Ehrenbrink als indischer Nationaltrainer aus Reglementgründen aussetzen. Für diesen Fall steht ein heimischer Trainerassistent bereit, der sich dann vor und während der Asienspiele um die indischen Kaderreiter kümmern wird.
Englisches Blut und Hannoveraner
Wie kommt ein indischer Vielseitigkeitsreiter zu einem ordentlichen Pferd? Die Militärreiter können auf ein großes Reservoir selbst gezogener Pferde zurückgreifen, die praktisch alle aus großen Armeegestüten stammen. Pro Kaserne leistet sich der indische Staat, der ja noch über eine Kavallerie verfügt, 1000 bis 1500 Pferde, von denen allerdings viele nicht unter dem Sattel gehen, sondern als Kutschpferde oder in der Feldarbeit eingesetzt werden. Die indische Pferdezucht bringt durchaus gute Voraussetzungen für die Vielseitigkeit mit: Einerseits stützt sich die Zucht auf blutgeprägte Pferde englischer Provenienz; andererseits haben die Inder vor zehn bis 15 Jahren Hengste und Stuten aus dem Hannoveraner Zuchtgebiet erworben und eingesetzt. Ralf Ehrenbrink: "Die ältesten Nachkommen sind jetzt achtjährig und entsprechen stark dem bei uns bevorzugten Pferdetyp mit teilweise sehr gutem Bewegungspotenzial."
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