Buschreiter.de — aktuell: Vielseitigkeits-Symposium in Warendorf

Vieles dreht sich ums Galopptraining

Wie beliebig ist der Zuschnitt des Galopptrainings im Vielseitigkeitssport? Bei einem eintägigen Symposium der Deutschen Akademie des Pferdes, eine Einrichtung der FN in Warendorf, wurde eine nicht ganz einheitliche Tendenz deutlich: Aus einem Forschungsprojekt lässt sich die Empfehlung ableiten, die Pferde tendenziell lieber drei Mal pro Woche geringeren Galoppbelastungen auszusetzen als sie zwei Mal pro Woche in längeren Intervallen zu galoppieren. Auch der Top-Reiter Andreas Dibowski rät dazu, statt zu langer ruhiger Galoppintervalle lieber kürzere aber intensivere Belastungen abzuverlangen. Außerdem verriet er den Seminarzeilnehmern, dass er den Rhythmus seiner Galopptrainingstage von früher fünf Tagen auf einen Drei- bis Vier-Tage-Tage-Rhythmus verändert habe. Buschreiter.de verdankt die Informationen der rührigen Pressestelle der FN (Archivfotos: Julia Rau,2, Wolf-Dietrich Nahr, 2).

Erst vor wenigen Jahren hat die Deutsche Akademie des Pferdes zusammen mit der Forschungsanstalt Mariensee damit begonnen, Erfahrungswerte von Ausbildern und Reitern auch wissenschaftlich zu untermauern und gegebenenfalls zu korrigieren. In einem ganztägigen Symposium stellte jetzt die Deutsche Akademie des Pferdes die aktuellen Erkenntnisse über das Vielseitigkeitstraining öffentlich vor und lockte damit mehr als 100 Vielseitigkeitsreiter und —ausbilder sowie am Vielseitigkeitssport Interessierte nach Warendorf. Der erste Themenblock galt dem Vielseitigkeitspferd selbst und der Auswahl geeigneter Pferde. Dabei stellte Thies Kaspareit, Leiter der Deutschen Akademie des Pferdes und 1988 Mannschaftsolympiasieger in der Vielseitigkeit, erwartungsgemäß besonders die Anforderungen an die Schnelligkeitsausdauer eines Vielseitigkeitspferdes in den Vordergrund. "Diese gewährt bei angemessenem Training auch am Ende der Geländestrecke noch eine ausreichende Koordination. Das ist nicht nur aus Sicherheitsgründen sondern auch zur Schonung der Gesundheit des Pferdes wichtig", so Kaspareit. Wie beim Pferd "Motor" und "Vergaser" funktionieren, erläuterte Dr. Karsten Weitkamp (Telgte), Mannschaftstierarzt der deutschen Vielseitigkeitsreiter. Unter Zuhilfenahme eines Motorrades als Vergleichsobjekt brachte er den Teilnehmern die Themen Herz- und Kreislauf, Atmung, Temperaturregulation, Stoffwechsel und Energiehaushalt näher und leitete daraus die Bedeutung des aeroben und anaeroben (unter Bildung von Milchsäure/Laktat) Trainings ab. Um Knochen, Sehnen und Bänder, Muskeln und Gelenke und die Entwicklung des Bindegewebes, das in seiner Wertigkeit häufig unterschätzt wird, ging es in dem Vortrag von Stefan Stammer (Heidelberg). Es gibt keinen Teil des Bewegungsapparates, der nicht aus den vielfältigen Strukturen des Bindegewebes besteht. "Nur das Zusammenspiel von Muskeln und Bindegewebe lässt Bewegung bestehen; je besser der Muskeln trainiert werden, um so mehr wird das Bindegewebe entlastet", erklärte der gelernte Physiotherapeut und staatlich geprüfte Sport- und Gymnastiklehrer. "Durch Überforderung kann ich genauso großen Schaden anrichten wie durch Unterforderung", so seine Kernaussage, in der er vor einem "Kaputt-Schonen" der Pferde warnte. Gleichzeitig plädierte er jedoch für angemessene Erholungspausen zwischen den Trainingseinheiten, die eine zentrale Bedeutung für den Erfolg des Trainings haben. "Das Herz-Kreislauf-System erholt sich innerhalb von Minuten. Die Muskulatur braucht in der Regel weniger als 24 Stunden. Sehnen, Bänder und Knorpel benötigen dagegen schon zwei bis vier Tage zur aktiven Erholung", erklärte Stammer. Im zweiten Teil des Symposiums hatten die Praktiker das Wort, wobei auch Vertreter anderer Disziplinen zu Wort kamen. Zum Ausdauertraining von Distanzpferden äußerte sich Reinhard Knittel (Aspach), ehemaliges Mitglied des Fachbeirates Distanzreiten und Sportlehrer. Über die Arbeit mit Galopprennpferden sprach Göddert Sybrecht (Isernhagen), Pferdewirtschaftsmeister — Teilbereich Galopprenntraining — und ehemaliger Vielseitigkeitsreiter. Bei seinen Aussagen konnten die Anwesenden nur Staunen. Da überstieg das Tempo einer "lockeren Trainingsrunde" bereits das Höchsttempo in einer internationalen Vielseitigkeitsprüfung auf Drei-Sterne-Niveau. Und die Geschwindigkeiten, die Rennpferde bei einem so genannten "Spritzer", einem Kurzstreckensprint erreichen können - rund 1.000 Meter pro Minute — machten deutlich, dass die Pferde in der Vielseitigkeit bei weitem nicht an die Leistungsgrenzen herankommen. Sybrecht räumte auch mit dem Pauschal-Vorurteil "Speed kills" ("Geschwindigkeit tötet") auf. So sei es nicht die hohe Geschwindigkeit selbst, die zu Beinschäden führt. Grund sei vielmehr die Ermüdung der Muskulatur, die dann eintritt, wenn zu lange zu schnell geritten wird. Gezielt um Vielseitigkeitspferde ging es im Vortrag von Andreas Dibowski (Döhle), Deutschlands Top-Profi und Mitglied im Olympiakader Vielseitigkeit. Aus seiner täglichen Praxis referierte er über das Grund- und Aufbautraining von Pferde, Atemtraining und Training zur Ausdauerbelastung und zur Schnelligkeitsentwicklung bis hin zum gezielten Training im Vorfeld auf Prüfungen. Dabei ließ er die Zuhörer von langjähriger Erfahrung auch hinsichtlich Prüfungsauswahl- und -management profitieren. Obwohl das Training jedes Pferdes sehr individuell geplant werden muss, riet er grundsätzlich dazu, statt zu langer ruhiger Galoppintervalle, lieber kürzere aber intensivere Belastungen abzuverlangen. Außerdem verriet er, dass er den Rhythmus seiner Galopptrainingstage von früher fünf Tagen auf einen Drei- bis Vier-Tage-Tage-Rhythmus verändert hat. Im dritten und letzten Teil kam dann die Wissenschaft zum Zuge. "Im Humansport sind wir an die Grenzen gelangt, was die Zahl der Trainingseinheiten pro Woche angeht. Jetzt geht es darum, diese effektiver zu machen", erklärte Hermann Holzhausen vom Olympiastützpunkt Warendorf die Gründe für Trainingssteuerung und Leistungsdiagnostik. Von Trainingsplänen, wie er sie am Beispiel von Kanusportlern und Triathleten aufzeigte, ist der Pferdesport jedoch noch weit entfernt. Erste Versuche, solche Pläne anzufertigen und auszuwerten, zeigte Tierarzt Dr. Arno Lindner vom Verein zur Förderung der Forschung im Pferdesport, der seit drei Jahren gezielte Untersuchungen über das Training von Distanzpferden vornimmt. Auch ohne zu endgültigen Ergebnissen gekommen zu sein, zeichnet sich ab, dass ein Ausdauertraining von weniger als 60 Minuten Dauer nicht den gewünschten Erfolg erbringt. Die Leistungsdiagnostik in Form von Laktat- und Herzfrequenzmessung stellte Professor Franz Ellendorff (Neustadt) vor. Danach hat sich gezeigt, dass die Messung von Laktat zwar sehr aufschlussreich ist und man sich durch die Vielzahl von Daten jetzt auch im Pferdesport eine verbesserte Trainingssteuerung erhofft, dass sich Trainingsfortschritte aber auch anhand der Herzfrequenz mit wesentlich geringerem Aufwand nachweisen lassen. Ähnlich wie bei den Erfahrungen von Andreas Dibowski lässt sich aus dem Forschungsprojekt die Empfehlung ableiten, die Pferde tendenziell lieber drei mal pro Woche geringeren Galoppbelastungen auszusetzen als sie zwei Mal pro Woche in längeren Intervallen zu galoppieren. Handelte es sich bei diesen Ausführungen um die Ergebnisse von Versuchen im "Labormaßstab", präsentierte Sascha Harbig (Kamen) zum Abschluss die Resultate eines "Feldtests". Über die gesamte Saison 2003 hatten er und Friederike Jaek (Hannover) die Kaderpferde begleitet, hatten ihnen bei neun Turnieren Blut zur Bestimmung der Laktatwerte abgenommen und Herzfrequenzmessungen vorgenommen. Welche Konsequenzen sich daraus genau ableiten lassen, werden die weiteren Auswertungen zeigen, heisst es vielsagend in der Pressemitteilung der FN. Auffällig waren allerdings die sehr hohen Laktatkonzentrationen am Ende der Querfeldeinstrecke. Das bedeute nicht, dass die Pferde schlecht trainiert waren, macht aber deutlich, dass die anaerobe Leistungsanforderung dieses Sports sehr groß ist und deshalb im Training unbedingt zu berücksichtigen ist. Im Übrigen war kein Unterschied zwischen langen Prüfungen am Ende der Saison und den Kurzprüfungen in der Vorbereitungszeit zu erkennen.

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