Buschreiter.de — aktuell: Burghley/Porträt Robert Sirch

Ein Bayer gegen Weltklasse-Konkurrenz

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Weder Pferd noch Reiter passen so ganz ins übliche Bild des internationalen Top-Vielseitigkeitspaares und doch stellen Robert Sirch und der 10-jährige Wallach Lyonel mit dem Bayernbrand eine unwiderstehliche Kombination auf Drei-Sterne-Niveau dar. Für eine Europameisterschafts-Nominierung reichte es nicht ganz und doch nimmt der "Working Rider" aus Bayern als einer der wenigen im deutschen Busch-Lager eine große Herausforderung an: den Vier-Sterne-Klassiker Burghley am kommenden Wochenende. Buschreiter.de hat Robert Sirch kurz vor der Abreise besucht.

Der Eventer aus Fischen am Ammersee überlegt kurz und gibt sich einen Ruck: Warum nicht ein offenes Wort? "Man hätte den einen oder anderen zusätzlich auf die Longlist für die Europameisterschaft nehmen können, das hätte neuen Motivationsschub gegeben und manchen bei Sponsoren besser ins Gespräch gebracht." Robert Sirch, im bürgerlichen Beruf Steuerberater im bayerischen Weilheim, meint damit natürlich auch sich selbst und wundert sich doch etwas, dass er nach der "tollen Runde" bei der EM-Sichtung in Luhmühlen (5. Deutsche Meisterschaft, 11. im CCI***) bei der dünnen Personaldecke möglicher Euro-Teilnehmer mit Lyonel nicht den Sprung auf die Longlist geschafft hat. Bundestrainer Hans Melzer begründete dies im buschreiter-Gespräch mit der vergleichsweise schlechten Parcoursleistung des 10-Jährigen. Die "bestätigte" Lyonel in Cavertitz mit fast schon unverschämten sechs Abwürfen. Nach einer guten Dressur und einer Nullrunde im Cross und in der Zeit hätte sich das Paar ohne das Stangen-Halma im Parcours ganz weit vorne im CIC*** platziert. "Ich will es gar nicht nachrechnen", ärgert sich Robert Sirch. Dabei hat er mit dem Wallach vom Holsteiner Larinero und aus einer Adlerschild xx-Mutter ein Ausnahmepferd unter dem Sattel: "Er kann genial sein, theoretisch eine Dressur gewinnen, er könnte eigentlich im Parcours super gehen und hat auch schon L-Springen gewonnen — und am nächsten Wochenende lässt er sich total hängen." Auf der Rennbahn war der Bayern-Viertelblüter mit einem Vollblüter als Großvater bisher immer in der Zeit. Das technische und anspruchsvolle Cross in Cavertitz war für ihn ein "Spazierritt". Dass Sirch den Wallach im Gelände nicht immer in die Zeit reitet, ist "eher mein Problem", weil er zuletzt 1996 auf Drei-Sterne-Niveau unterwegs war: "Ich bin selbst noch zu vorsichtig und verschenke unnütz Sekunden, was Dibo oder einer Bettina nicht passiert, ich bin noch zu sehr Amateur", sagt Robert Sirch, Vater von zwei Kindern, im buschreiter-Interview.

Wie die Tour oder der Giro
Statt der EM steht nun Burghley unmittelbar bevor. Robert Sirch war noch nie in England — außer bei Zwischenlandungen auf Pferde-Einkaufsreisen nach Irland — und hat sich vorgenommen: "Wenn ich mal rüberfahre, dann reite ich." Gleich den Klassiker Burghley? "Die Radfahrer haben die Tour oder den Giro, und Burghley ist wirklich ein Klassiker für die Vielseitigkeitsreiter — das andere sind die Championate", so der Bayer. Sirch nähert sich der großen Aufgabe — auf die Idee hat ihn Olympia-Reiter Bodo Battenberg gebracht — mit Gelassenheit und Unbefangenheit. "Ich habe keinen Druck, muss nicht irgendein Ergebnis nach Hause bringen, ich muss eigentlich gar nichts. Wenn ich die Prüfung beenden würde, wäre das eine tolle Sache. Vielleicht gehe ich ja das Gelände ab und sage — Wahnsinn." Genauso unbefangen ist er die Vorbereitung auf die Vier-Sterne-Prüfung angegangen: "Ich habe keine Erfahrung damit, und jeder sagt etwas anderes. Ich habe einfach versucht, die Luhmühlen-Kondition zu erhalten, vielleicht war es verkehrt." Robert Sirch macht Lyonel auf dem großzügigen Rasenplatz hoch über der Dorfkirche von Fischen mit Blick auf den Ammersee nur 20, 25 Minuten etwas locker, reitet fast spielerisch einige Lektionen der CCI****-Dressuraufgabe und stellt dann den relaxten Hochleistungssportler in die Box. Lyonel ein Vier-Sterne-Eventer?

Zu wenig Blut, zu wenig Biss
Bekannte und nicht ganz so bekannte Vielseitigkeitsreiter gaben sich die Stalltür in die Hand, als der warmblütige Bayer auf dem Markt war. Die meisten Experten befanden: "Kein Geländepferd". Zu wenig Blut, zu wenig Galoppade, zu wenig Biss, so das Verdikt der Szene, die Pferde manchmal gnadenlos schlecht reden kann. So ritt Sirch den Vierbeiner — Mitbesitzer ist der Züchter, der Steingadener Hotelier Josef Enthard ("Lindenhof") — 6-jährig selbst auf Turnier: Geländepferde, VA, VL, die erste lange Ein-Sterne-Prüfung gleich mit Platzierung: "Von Monat zu Monat ging mehr." Die strengen Busch-Scharf-Richter werden nicht im Traum daran gedacht haben, dass der brave Bayer eines Tages beim CCI** in Vittel als 8-Jähriger gegen starke Konkurrenz Fünfter werden würde, ein Jahr später bei seiner ersten Drei-Sterne-Kurzprüfung (in Bonn-Rodderberg) Platz 12 belegen und im Herbst beim CCI*** in Bokeloe den Deutschen zum 3. Platz beim Nationenpreis verhelfen würde. Auf und Ab vor allem durch Parcours-Schnitzer in 2003: Nach dem 3. Platz beim CIC*** in Mailand ließ Lyonel bei den Kurzprüfungen in Marbach und Bonn über den bunten Stangen wieder etwas die "Flossen" hängen. Mit dem verkannten Genie Lyonel und dem Fehlurteil einiger Reiterkollegen kann Robert Sirch leben: "Ich habe mich auch schon bei Pferden getäuscht", sagt der Züchter ganz ohne Überheblichkeit.
Ein paar Mal hat er sich aber nicht getäuscht, ganz im Gegenteil: Aus dem Stall Sirch stammen zum Beispiel die beiden Zwei-Sterne-Pferde Xanthia der US-amerikanischen Juniorin Matt Robinson und Beau de Lac von Tanja Soller. Nicht jeder Vielseitigkeitsexperte in Nord- und Westdeutschland kennt den Namen Robert Sirch und dennoch ist der Eventer alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. "Er ist seit über 20 Jahre einer der ganz versierten Vielseitigkeitsreiter im Land", sagt Bundestrainer Hans Melzer voller Respekt. Den Einstieg ins Geländereiten fand Sirch als 11-Jähriger bei dem bayerischen Vielseitigkeitsförderer Hans Miller in Polling. Weiterer wichtiger Trainer und Ausbilder war Albrecht von Bredow. 1982 wurde Sirch Deutscher Meister der Junioren in Achselschwang, schaffte 1987 beim nationalen Championat der Jungen Reiter Bronze und wurde 1990 ebenfalls jenseits des Ammersees in Achselschwang Deutscher Mannschaftsmeister. Saumur, Achselschwang, Luhmühlen und Bokeloe mit den Top-Pferden Aphrodite und Mary Malloy xx waren die Highlights früherer Jahre. Der Vielseitigkeitsreiter bescheiden: "Ich bin mitgeritten, war nie bei einem der Klassiker unter den ersten Drei."
Die Busch-Historiker werden sich vielleicht erinnern, dass der Name Robert Sirch schon einmal vor einem großen internationalen Event aufgetaucht ist: Auf der Longlist für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona (mit Mary Malloy): "Die Longlist war damals allerdings sehr lang und es gab für mich keine wirkliche Chance auf eine Olympia-Teilnahme — und doch war es sehr motivierend."Burghley-Website

Buschreiter.de/Text und Fotos: Wolf-Dietrich Nahr

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