Buschreiter.de Olympia-Kommentar
In Sydney Chancen verpasst?
Hinterher sind immer alle klüger, aber so ganz blöd und daneben waren die vielen Szenebeobachter, aktive Reiter, Fans, Fachjournalisten, erfahrenen Busch-Leute nun doch nicht. Wer über Jahre den Weg der deutschen Olympia-Reiter nach Sydney verfolgt, ihre Stärken und Schwächen abgewogen hatte, der konnte auf die Mannschafts-Benennung durch die Bundestrainer nur mit Unverständnis und Kopfschütteln reagieren.
Was hat Martin Plewa geritten, die zwar hochtalentierte, aber etwas unkonstante Nele Hagener mit Little McMuffin ins Team zu holen, statt ihr als Individualistin eine Chance zu geben? Die Befürchtungen wurden wahr: Die 24-Jährige mit wenig Championatserfahrung erfüllte in allen drei Phasen die Erwartungen nicht. Für viele hätte ein Team-Start von Dr. Annette Wyrwoll mit dem CCI-Professor Bantry Bay Sinn gemacht, weil die überlegt und souverän reitende Amazone als "Ankommerin" gilt, die einer Mannschaft ein sicheres Gefühl und sichere Punkte bringt. Dass sie die schwersten Prüfungen der Welt auch nach Problemen im Cross nach Hause reiten kann, hat sie schon in Burghley und zuletzt auch beim Einzelwettbewerb in Sydney bewiesen. Andererseits war allenfalls Ingrid Klimke mit Sleep Late eine hauchdünne Chance auf eine Einzelmedaille zuzutrauen gewesen.
Überträgt man nun das Mannschaftsergebnis der Deutschen Meisterin von 41.2 auf den Einzelwettbewerb, so hätte Ingrid Klimke rechnerisch Mark Todd vom Bronzemedaillen-Rang verdrängt. Hinterher sind alle klüger, aber mit der Einschätzung von Chancen und Risiken lagen viele Vielseitigkeitskenner nicht so ganz falsch.
Wie mündig sind Championatsreiter?
Zwei Aspekte seien noch hinzugefügt:Welchen Stellenwert soll man eigentlich der eigenen Meinung der Championatsreiter geben, die ja praktisch durch die Bank formal und sportlich hochqualifiziert sind. Ingrid Klimke ließ keine Zweifel: "Ich wäre mit Sleep Late lieber im Einzel gestartet, aber ich sollte für die Mannschaft reiten." Umgekehrt musste Dr. Annette Wyrwoll davon ausgehen, dass sie erstens in Sydney sicher zum Einsatz kommt und zweitens eine Chance in der Mannschaft hat. Dass dann zeitweise damit gedroht wurde, sie überhaupt nicht einzusetzen, grenzt an einen Affront.
Nachdem dann durch den Ausfall eines Belgiers ein dritter Startplatz im Einzelwettbewerb möglich war, nahm auch Frau Wyrwoll kein Blatt mehr vor den Mund. In einem Bericht der Sportinformationsdienstes wird sie zitiert: "So geht man mit erwachsenen Menschen nicht um. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht mitgeflogen."
Daran schließt sich die zweite Frage an: Welche Rolle spielt da eigentlich der DOKR-Vielseitigkeitsausschuss, der Nele Hagener und Little McMuffin als Reservereiterin nachnominiert und Annette Wyrwoll mit Bantry Bay setzt? Hat das Gremium es widerspruchslos hingenommen, dass sein Votum einfach ignoriert wurde?
Einem Hintergrundbericht der "Eurosport"-Website ist zu entnehmen, dass es "Konflikte und erhebliche Probleme in der Kommunikation" in und um das deutsche Team gegeben hat, angeblich Trainer gegen Reiter, Funktionäre gegen Trainer und auch Reiter gegen Reiter. Ingrid Klimke und Andreas Dibowski artikulierten darauf hin, dass und wie man die Probleme angehen müsse. Doch Bundestrainer Martin Plewa wiegelte laut Eurosport folgendermaßen ab: "Wir können stolz auf das Resultat sein und sollten erst einmal eine Nacht schlafen, bevor wir alles hinterfragen."
Taugt die Vielseitigkeit als olympische Disziplin?
Nach dem tragischen Tod der Stute Bermuda´s Gold und angesichts mehrerer verletzter Reiter droht möglicherweise eine erneute Diskussion darüber, ob die Vielseitigkeit in Zukunft olympische Disziplin bleiben kann oder nicht. Andere Reitsportsparten drängen herein. Und der Geländebau ist traditionell mit einem hohen Kostenaufwand für die Organisatoren verbunden.
Nach Sydney und auch im Rückblick auf andere Olympische Spiele sei hier die provozierende Frage gestellt: Wäre es so schlimm, wenn die Vielseitigkeit künftig nicht mehr olympisch betrieben würde? Nicht weil die Deutschen in der Summe nicht so erfolgreich waren, sondern weil es ohnehin eine Reihe von großen Events gibt, deren Ansehen mit Olympia oder anderen Championaten mithalten kann. Beispiel: Badminton.
Gerade nach Sydney stellt sich die Frage: Eignet sich die Vielseitigkeit überhaupt als olympische Disziplin mit der Vision, vom gesamten Erdenrund die besten Athleten und Pferde gegeneinander antreten zu lassen? Das Leistungsgefälle ist trotz aller Qualifikationskriterien letztlich unüberwindlich: Hier die Eventer aus dem Busch-Mutterland England, Neuseeland, Australien, USA etc., dort die Rumpfteams aus den Vielseitigkeits-Schwellenländern, die gerade so den Olymp erklimmen.
Das Resultat des Einzel-Cross spricht für sich: Die ersten zehn Paare turnten über den Vier-Sterne-Kurs ohne Hindernis- oder Zeitfehler als wäre es ein A-Stilgeländeritt. Etwa ein Drittel der Paare sah das Ziel nicht. Manche waren den vier Sternen schlicht nicht gewachsen. Und solche Paare bekommt man in Badminton oder Burghley normalerweise auch gar nicht zu sehen.
WOLF-DIETRICH NAHR
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