Buschreiter.de — aktuell: Geländeanforderungen im Widerstreit

"Wohin soll sich der Sport entwickeln?"

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Die beiden internationalen Prüfungen in Aachen und in Kreuth auf Zwei- und Drei-Sterne-Niveau waren echte Testläufe für die Weltreiterspiele 2006: Course Designer Rüdiger Schwarz hat mit seinen beiden Strecken eine Diskussion nicht nur über die angemessenen Anforderungen im Gelände ausgelöst, sondern quasi eine Grundsatzdebatte über den künftigen Kurs des Vielseitigkeitssports angestoßen.

Der kritische und eloquente Geist im Aktivenlager ist wieder Andreas Dibowski. Schon 2003 und 2004 hat er auf sehr konstruktive Weise die Häufung teils allzu technischer Hindernistypen schon auf unterem Prüfungsniveau als Irrweg dargestellt und eine Reihe von Expertendiskussionen über das Problem angeregt. Dibowskis eigener Befund: Die Kontroverse hat sich damals positiv in der Gestaltung der Q-Strecken niedergeschlagen. Während und nach dem CCI*** im bayerischen Kreuth sprach Dibo nach eigener Aussage gegenüber Rüdiger Schwarz und Reitern sowie im Gespräch mit Bundestrainer Hans Melzer offen aus, was er von den Aufgabenstellungen in der Querfeldeinstrecke hält. Der Olympiareiter artikulierte danach seine Kritikpunkte auf seiner Website und schließlich auch im Gespräch mit buschreiter.de.

An einzelnen Sprüngen nichts auszusetzen
Ausdrücklich will er seine Einreden in keiner Weise mit den beiden Vorfällen in Verbindung gebracht sehen, die zum Tod von Woodsides Ashby (vermutlich Aorta-Abriss) und Serving Time (Beinbruch bei einer spontanen Drehbewegung) geführt haben. Auch an dem Schwierigkeitsgrad einzelner Sprünge oder der Höhe der insgesamt 29 Hinderniskomplexe auf 5300 Metern des Kreuther CCI*** gibt es seiner Meinung nach nichts auszusetzen. Er stellte allerdings die gesamte erste Hälfte des Cross "in Frage": Die Hindernisfolge 4 bis 17 sei eine Aneinanderreihung von Hoch-Weit-Elementen und 90-Grad-Wendungen (im Bild Zara Phillips/Ardfield Magic Star an der Sunken Road, Foto Julia Rau). "Das bestraft die Pferde, die vorwärts galoppieren, schlechte Voraussetzungen für junge Pferde", sagte Andreas Dibowski. Schon bei dem Probeturnier in Aachen habe er diese Tendenz beobachtet, wobei dort — im Gegensatz zu Kreuth — viele Reiter den Kurs wirklich unterschätzt hätten und "reingefallen seien", zumal dort nicht die erste Pferdegarnitur am Start gewesen sei. Dibo äußerte im buschreiter-Interview die "Befürchtung, dass die Art des Aufbaus von Kreuth und Aachen 2006 ein Problem wird, da nützt es nichts, wenn die weltbesten Pferde am Start sind". Im Hinblick auf die WM in Aachen äußerte der Top-Reiter den Wunsch, dass durch die Art des Geländeaufbaus das "positive Reiten erhalten bleibt, die Pferde Spaß haben, freudig vorwärts zu galoppieren und dafür nicht bestraft werden". Als positive Gegenbeispiele nannte Dibo Luhmühlen 2005 (Mark Phillips), den EM-Kurs in Blenheim (Mike Etherington-Smith) und Boekelo (Sue Benson). Die Bilanz der Zwei-Sterne-Prüfung von Aachen: Von den 37 Paaren in der Wertung mussten 17 der internationalen Top-Eventer mindestens eine Verweigerung im Cross hinnehmen. In Kreuth sah die Bilanz noch ungünstiger aus: Von 68 Startern im CCI*** brachten 45 Paare eine Wertung heim, wobei die Hindernisrichter bei den Paaren mit zahlbarem Resultat nicht weniger als 22 Verweigerungen registrierten. In mindestens sechs Fällen stürzte Reiter und/oder Pferd. Acht Paare schieden im Cross aus, sechs weitere gaben auf.

Mehr auf die Uhr geschaut?
Turnierleiter (und aktiver Drei-Sterne-Reiter) Bruno Six fand Ursachen in den Witterungsverhältnissen (Regen und Temperaturen am Samstag um die acht Grad) und in dem Umstand, dass manche, einige Reiter möglicherweise das Gelände unterschätzt haben. Bei etlichen Eventern vornehmlich aus England möge die Erwartung bestanden haben, vergleichsweise "easy" mit weniger erfahrenen Pferden eine Drei-Sterne-Wertung erreiten zu können, so Six. Der TD Andy Griffiths (Großbritannien) wird mit dem kritischen Satz zitiert: "Unter den englischen Reitern gibt es welche, die mehr auf die Uhr als auf die Strecke schauen." Turnierchef Six schlug allerdings im buschreiter.de-Interview die gleichen Töne wie Andreas Dibowski an: Er bezeichnete es als "problematisch", dass die Hinderniskomplexe zu schnell aufeinander gefolgt seien. "Alles geht Schlag auf Schlag, Reiter und Pferde haben keine Erholungsphase"; insgesamt sei das Cross "technisch zu schwierig" gewesen, sagte Bruno Six wörtlich. Es betrachte es immer als ein Alarmzeichen, wenn die meisten Reiter an einzelnen Hinderniskomplexen die leichtere Alternative statt den direkten Weg wählen. Deshalb wollen die Kreuther Veranstalter die Zahl der Stellteile im Cross reduzieren und weitere 10 bis 15 feste Sprünge "landschaftsgebunden" errichten (was zwangsläufig zu einer technischen Entschärfung des Cross führen wird). Weniger schmale Elemente aus der engen Wendung, eine geringere Gesamtzahl an Sprüngen, eine größere Zahl von Reitern in der Zeit und weniger Ausfälle — das sind die Ziele, die Bruno Six im Dialog mit Rüdiger Schwarz im WM-Jahr und 2007 in Kreuth anstrebt. "Ich bin sicher, dass er durchaus ein offenes Ohr dafür haben wird", sagte Bruno Six. Für ihn wie für Andreas Dibowski geht es um mehr als die WM 2006 oder detailverliebte Einzelkritik an Geländestrecken. "Die Frage ist doch, wohin sich der Sport in den nächsten fünf Jahren entwickelt", so Bruno Six (im Bild mit Kronprinz, Foto Julia Rau). Die Buschreiterei solle idealerweise die Reiter und Pferde begünstigen, die mit Herz und Mut vorwärts galoppieren. Six: "Man muss alles tun, dass man den Pferden den Spaß nicht nimmt." Es gebe große Übereinstimmung in der Szene, das mit zunehmendem Niveau Gehorsam und Rittigkeit der Pferde abgefragt werden müssten. Eine Häufung von Bergab-Sprüngen mit extremen Wendungen gleich nach der Landung jedenfalls seien seiner Ansicht nach aber Negativ-Beispiele. Rüdiger Schwarz gab im buschreiter-Interview nicht zu erkennen, ob oder welche konzeptionellen Details er beim Aufbau der Aachener WM-Strecke mit den Erfahrungen der beiden Testturniere ändern will. Er folge dem internationalen Trend, wonach Rittigkeit und präzises Reiten gefordert würden. Schmale Sprünge hätten den Sport sicherer gemacht. Verweigerungen und Fehler im Gelände werde und müsse es geben, "sonst selektieren wir nicht, sondern wir haben ein reines Dressur- und Springergebnis", sagte Rüdiger Schwarz. Und: "An der Sicherheit muss man natürlich arbeiten, aber Stürze werden nie ganz zu verhindern sein." Der Maßstab des Course Designers ist auch, dass seiner Meinung nach die Drei-Sterne-Prüfungen der letzten Jahre in Deutschland "zweieinhalb oder zweidreiviertel Sterne" gehabt hätten. Dass die deutschen Top-Reiter zum internationalen Spitzenniveau aufgeschlossen hätten, sei darauf zurückzuführen, dass sie verstärkt in England oder Frankreich an den Start gehen — sprich: dass sie im Ausland wirkliche drei Sterne reiten.

Erfolgreiche Handschrift
Rüdiger Schwarz verwies außerdem auf seine umfangreiche Erfahrung als aktiver Reiter und Trainer — und auf die internationalen Erfolge der deutschen Junioren und Jungen Reiter bei Championaten. Die Sichtungsprüfungen dafür trügen seine Handschrift, bemerkte Schwarz. Die Resultate der Testturniere in Aachen und Kreuth seien so schlecht nicht. "Mit Aachen war ich sehr zufrieden, in Kreuth hätte ich mir zwei, drei Nuller mehr gewünscht." Kreuth sei eine "mittelschwere, nicht leichte Drei-Sterne-Prüfung" gewesen, bei der sehr gut vorbereitete, gut gerittene, gehorsame Pferde gefordert gewesen wären. Im übrigen gebe es recht unterschiedliche Auffassungen: Eine ganze Menge Reiter hätten der Geländestrecke attestiert, dass sie durchaus flüssig zu reiten gewesen sei. Kritikern im Sattel, namentlich Andreas Dibowski ("ein Klassereiter"), hielt Rüdiger Schwarz "Defizite" und "Nachholbedarf" an schmalen Sprüngen vor. Schwarz: "Eckig wird es, wenn man nicht so reitet, wie es gefordert ist."

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