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Hengstleistungsprüfung: Exkurs von Dr. Hubertus Schmidtlein

Mittelwertkönige und andere Väter

Der Spitzennachkomme eines Hengstes kann wenig besser oder auch viel besser als der durchschnittliche Nachkomme sein. Die Zuchtwerte sagen nichts darüber aus, ob sein bester Nachkomme mit dem gegenwärtigen Olympiasieger konkurrieren kann. Die Hengste mit den höchsten Zuchtwertschätzungen sind einfach „Mittelwertkönige“. Es ist zu vermuten, dass die Spitzennachkommen eines Mittelwertkönigs nicht unbedingt die absoluten Spitzenpferde der Zucht sind. Die meisten Olympiasieger stammen nicht von Mittelwertkönigen ab, sondern von anderen Vätern.

Die Zucht mit Mittelwertkönigen erhöht aber möglicherweise die Wirtschaftlichkeit der Zucht eines Durchschnittszüchters, weil die Nachkommen aller Züchter, die den gleichen Hengst nutzen, im Mittel relativ besser sind als die eines anderen Hengste, der einen schlechteren Mittelwert hat.

Dabei muss man sich vor Augen halten, dass jeder Hengst gut ausgesuchte, passende Stuten bekommt wie auch schlecht ausgesuchte, unpassende Stuten. Wenn ein Hengst trotzdem einen hohen Zuchtwert zurecht erreicht (damit meine ich, dass der Zuchtwert auf dem Sportergebnis ausreichend vieler seiner Nachkommen beruht und nicht auf wilden Spekulationen mit seinen Verwandten und seinen phänotypischen Äußerungen, z.B. GGA oder Freispringen), dann passen seine Gene offensichtlich gut zu vielen unterschiedlichen Stuten, dann ist er offensichtlich im Genpool seiner Rasse konsolidiert gezogen. Hohe Zuchtwerte zeigen also auch einen hohen Grad der Konsolidation an.

Wir alle haben von dem notwendigen Wechselspiel in der Zucht gehört, vom Einkreuzen von Spezialblut und dem danach notwendigen Konsolidieren, um die Zucht durch Wiederholung dieses Wechselspiels immer weiter voran zu bringen. Wenn die Zuchtwerte eines Hengstes sehr hoch sind, dann kann er die Zucht in Richtung seines Niveaus nachziehen, was aber gleichbedeutend mit Verarmung im Genpool ist, denn er setzt seine Gene durch.

Von den Mittelwertkönigen weiter führt es nur über die Zufuhr „neuen“ Blutes, sei es durch einen Angehörigen des Spezialbluts bzw. seines Halbblutnachkommen oder durch Einkreuzung eines „Mittelwertkönigs“ aus einer anderen Rasse (siehe Totilas). Letzteres Verfahren liegt bekanntlich nicht auf der Linie des Trakehner Verbandes.

Wie hat man nun die Zuchtwertschätzungen von Angehörigen des Spezialbluts oder deren Halbblütern zu betrachten, da z.B. festzustellen ist,

++dass der einzige Vollblüter, der vom Trakehnerverband den Titel des Elitehengstes verliehen bekam, Beg xx mit 79 für Dressur und 81 für Springen

++dass Stan the Man xx, der bei begrenzter Nachkommenzahl vier Olympiapferde und einen Weltmeister unter seinen Nachkommen hat, mit 82 in der Dressur und 82 im Springen

++dass Windfall, der eine unterdurchschnittliche HLP ablegte, dann aber in Athen eine Olympiamedaille gewann, mit 91 in der Dressur und 91 im Springen

zu Buche steht. Die Reihe ließe sich übrigens noch weiter fortsetzen, was aber keine neuen Erkenntnisse brächte, denn wir haben schon längst herausgefunden, dass hohe Zuchtwerte von Konsolidation zeugen. Die Verwendung von Fremdblut nennt man aber Einkreuzen und das ist das Gegenteil von Konsolidieren. Mit dem Einkreuzen verlässt man das warme, schon etwas muffige Bett des konsolidierten Genpools.

Wie hat man aber einen Vollbluthengst wie z.B. Prince Thatch xx oder Lauries Crusador xx oder einen Halbblüter wie z.B. Herzruf zu sehen, die z.B. in der Dressur hohe Zuchtwerte aufweisen? Sie haben in ihrem Genpool offensichtlich eine gute Übereinstimmung mit den Genen im Genpool unserer unterschiedlichen Warmblutstuten. Das ist jedoch kein Beweis, dass sie einen nachhaltigen Zuchtfortschritt bringen.

Wir suchen doch, um es einmal biologisch auszudrücken, ein oder zwei oder vielleicht sogar drei neue Chromosomen, die unsere Warmblutzucht nachhaltig verbessern. Mit jedem Sprung eines Hengstes bekommen wir jedoch 32 Chromosomen aus seinen insgesamt 64 „geschenkt“. Solange die richtigen drei Chromosomen im „Geschenk“ enthalten sind, befinden wir uns auf dem Weg des Fortschritts, theoretisch auch dann, wenn das Produkt schlecht ist. Wir befinden uns nicht auf dem Weg des Fortschritts, wenn diese drei richtigen Chromosomen nicht dabei sind, auch dann nicht, wenn die Chromosomen, die sich mit der Eizelle der Stute vereint haben, solche sind, die im Nachkommen am wenigsten stören.

Wenn wir die drei richtigen Chromosomen dabei haben, dann müssen wir die 29 falschen wieder wegzüchten. Das ist das Konsolidieren in der Zucht. Ich sehe immer meine Mutter vor Augen, wenn sie eine rohes Ei an der Topfkante aufschlug und dann im wechselnden Umgießen des Ei-Inhaltes zwischen den beiden Hälften der Eischale die gelben von den weißen Bestandteilen trennte. Das ist in meinen Augen ein guter bildlicher Vergleich vom konsolidierenden Züchten.

Beim Konsolidieren kann es behilflich sein, wenn unter diesen 29 oben genannten falschen Chromosomen einige sind, die zu unserem bisherigen Genpool passen. Das vermindert die zeitweiligen Störungen der Wirtschaftlichkeit unserer Zucht, führt aber nicht schneller zum nachhaltigen Fortschritt. Wie oft man den Ei-Inhalt zwischen den Eischalhälften auch dann umschütten muss, wenn man die richtigen Chromosomen des Liniengründers dabei hatte, das sieht man in der Zahl der benötigten Generationen, um aus einem Pasteur xx über Mahagoni, Enrico Caruso, Kostolani einen Gribaldi oder aus der Arcticonius xx über Arogno, Karon, Caprimond, Hohenstein einen Münchhausen zu erzüchten.

Ich stehe zu den Zuchtwerten als einem Mittel zur Konsolidation auf ein hohes Durchschnittsniveau, ich halte sie dagegen für irrelevant im Falle der Anwendung auf Spezialblüter. Trotzdem werde ich dadurch nicht verhindern können, dass sie von den Anführern des Systems und von Unwissenden als Waffe gegen einen Hengst benutzt werden, wo eine solche benötigt zu sein scheint. Führungskräfte brauchen nun einmal Argumente, auch wenn sie nicht nachhaltig stimmen.

Es wäre aber zu schade, wenn ein Hengst wie z.B. Windfall, (von dem es jetzt wieder TG in Deutschland gibt) der im Sport alles bewiesen hat, wegen seiner bescheidenen Zuchtwerte um seine züchterische Chance gebracht würde. Dadurch ginge auch dem Verband und damit dem gemeinsamen Interesse eine mögliche Chance verloren. Windfall, der leistungsbereite, hat psychisch, körperlich und im Hinblick auf Stresstoleranz gehalten. Er ließ sich immer wieder motivieren. Das ist ein unschätzbares Gut.

Lieber Züchterkollege, scheiß auf seine niedrigen Zuchtwerte!

Dr. Hubertus Schmidtlein, Gestüt Heidekaten

www.projekt-nurmi.de

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