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Die beiden Paare reden bei der Vergabe des Deutschen Meisters ein Wörtchen mit: Michael Jung/Weidezaunprofis River of Joy und Julia Mestern/FRH Schorsch (Fotos Wolf-Dietrich Nahr)

Schenefeld 2010: WM-Sichtung/Deutsche Meisterschaft/Weltcup

Julia Mestern und Schorsch Overnight Leader

AUS SCHENEFELD BERICHTET WOLF-DIETRICH NAHR

Nach einem spannenden und ereignisreichen Geländetag gehen als Overnight Leader Julia Mestern und FRH Schorsch in den abschließenden Tag im Parcours. Titelverteidigerin Ingrid Klimke und FRH Butts Abraxxas müssen nach dem Cross vom Platz 3 aus um die Meisterschaft kämpfen. Und Tausendsassa Michael Jung hat nicht weniger als drei Pferde unter die Top 5 gebracht. Die Führenden liegen nur einen Wimpernschlag auseinander. Die Personaldecke für die Weltreiterspiele ist nach dem Schenefelder Cross etwas dünner geworden.

Und dieser Zuschauer wollte um Himmelswillen nicht namentlich zitiert werden: "Warum nehmen wir nicht einfach Michael Jung mit drei Pferden mit und sagen einfach, das ist Michi mit seinen beiden Drillingsbrüdern." Das ist natürlich nach dem Reglement völlig verboten. Aber der bittere Scherz spiegelte die Dominanz Jungs und die leichte Katerstimmung wieder, die am Samstag nach dem Cross in Schenefeld alle befallen muss, die am Sonntag im DOKR-Vielseitigkeitsausschuss über die Benennung der Kentucky-Reisenden befinden müssen. Bilderbuch 1, Bilderbuch 2

"Nicht so dramatisch"

Die Personaldecke ist im Zuge der letzten WM-Sichtung etwas dünn geworden: Zwei der Kandidaten traten im Gelände vor den Toren der Hansestadt Hamburg nicht so auf, wie es sich die Bundestrainer Hans Melzer und Christopher Bartle gewünscht hatten. Auch wenn Melzer tröstende Worte fand: "Das ist nicht so dramatisch."

Dibo schont Leon

Zwei Paare der WM-Longlist jedenfalls lassen nun Fragezeichen zu. Das gilt nicht für Andreas Dibowski, der sein Top-Pferd Euroridings Butts Leon vor dem Gelände zurückzog. Aber das ist alles andere als ein Sichtungs-Handicap: "Es war der Wunsch der Trainer und mit ihnen abgesprochen, dass Leon gesetzt ist, kein Gelände mehr gehen muss und geschont wird", sagte Andreas Dibowski im buschreiter-Interview. Für Sonntag war eine Runde im Springparcours außer Konkurrenz geplant. Aber Dibo pilotierte FRH Fantasia rasant und sicher auf den 7. Platz. "Das war eine solide Runde, wie man es von ihr gewohnt ist."

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Andreas Dibowski trat im Cross nur mit Fantasia an. Dirk Schrade wahrte mit Gadget seine WM-Chance (Fotos Wolf-Dietrich Nahr)

Dirk Schrade ritt seinen Spitzen-Vierbeiner und erklärten Kentucky-Favoriten King Artus im Schritt nach Hause, nachdem das Paar am ersten Wasser eine Verweigerung kassiert hatte. Dafür legte Schrade mit Zweitpferd Gadget de la Cere eine schnelle Nullrunde hin und geht mit dem 6. Geländeplatz schlafen. Auch das fand Bundestrainer Melzer alles andere als dramatisch, zumal Gadget während der ganzen Saison wider Erwarten immer etwas die Nase vorne gehabt hatte.

"Keine Erbsenzähler"

Frank Ostholt ging mit dem WM-Aspiranten Mr. Medicott am zweiten Einsprung des ersten Wasser sogar unsanft zu Boden, nachdem er zuvor La Fair teils spektakulär, aber sicher durchs Cross pilotiert hatte. Damit dürften für Mr. Medicott – ohnehin offensichtlich nicht erste Wahl der Bundestrainer – das WM-Ziel verfehlt sein. Aber auch daraus machte Hans Melzer keine Affäre: "Das kann immer passieren, wir sind keine Erbsenzähler."

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Auf dem Weg nach Kentucky? Michael Jung und Sam, Ingrid Klimke und Braxxi (Fotos Wolf-Dietrich Nahr)

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Vermutlich zu den sicheren WM-Botschaftern zählen Ingrid Klimkes FRH Butts Abraxxas, der mit 4.8 Zeitfehlern der Optimum Time ziemlich nahe kam – obwohl seine Reiterin die Uhr erst gar nicht mitgenommen hatte: "Das Ziel ist Kentucky, da kommt es nicht so drauf an, ob man ein paar Sekunden drüber ist. Er war sehr motiviert und frisch im Ziel."

"Er braucht seinen Grundrhythmus"

Außer dem Overnight Leader und bekannt pfeilschnellen FRH Schorsch von Julia Mestern ("er braucht seinen Grundrhythmus, und da darf ich ihn nicht stören") erreichte nur Michael Jung mit La Biosthetique Sam FBW die Optimum Time von sieben Minuten und zwei Sekunden – und zwar exakt. "Er ist gut gesprungen bis zum Schluss, er war am Anfang sogar etwas übermotiviert und frech, so dass ich ihn an ein paar Sprüngen etwas aufgenommen habe", sagte Jung im buschreiter-Interview im Ziel ziemlich gelassen – nicht ohne sein Team genau dabei zu beobachten, wie es versuchte, Sam die Gamaschen zu entfernen. Drei Pferde im Drei-Sterne, noch dazu in einem kleinen Feld, das kaum Erholungspausen ermöglicht? Kein Problem: "Ich reite und trainiere zu Hause den ganzen Tag, das ist nun mal mein Beruf, so wie andere im Büro sitzen und Überstunden machen."

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Sprunggewaltig: Leprince des Bois mit Kai Rüder (Foto Wolf-Dietrich Nahr)

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Michael Jung darf sich große Hoffnung auf eine WM-Teilnahme machen – mit dem Weltpferd Sam. "Es ist noch immer ein Traum, und ich bin sehr glücklich, wenn ich es erreiche." Bei den Weltreiterspielen ist nach Meinung von Jung "alles möglich". Die Equipe müsse aber erst einmal gut ankommen und vor Ort trainieren. "Beim Championat kommt es auf die Tagesform an." Die Mannschaft jedenfalls müsse "vorne dabeisein", meinte der Jung-Profi im buschreiter-Interview.

Anspruch des Teams

Diese Meinung teilt auch Kai Rüder: "Die deutsche Mannschaft hat alle Möglichkeiten, als Titelverteidiger muss man unabhängig von der Zusammensetzung des Teams den Anspruch haben, vorne zu sein." Bei der Vergabe der Einzelmedaillen könnte nach Rüders Einschätzung Michael Jung mit Sam ein gewichtiges Wort mitreden. Er selbst war in Schenefeld mit seinem potenziellen WM-Pferd Leprince des Bois schnell und sicher im Gelände unterwegs. Kentucky verlange ja den Teilnehmern eine lange Prüfung auf Vier-Sterne-Niveau ab. Und da sieht Rüder seinen Hengst "für eine Überraschung gut", was eventuell eine gute Platzierung sein könnte. Man erinnert sich: Beim CCI**** in Burghley 2009 war das Paar 10. gewesen.

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Nach Aachen, Malmö und Schenefeld voll rehabilitiert: Simone Deitermann und Free Easy NRW (Foto Wolf-Dietrich Nahr)

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Und dann gab es in Schenefeld noch zwei weitere Longlist-Paare, die sich den Selektoren durch beachtliche Leistungen noch einmal empfohlen haben. Simone Deitermann präsentierte den sprunggewaltigen Free Easy NRW im Cross bestechend – ohne beweisen zu müssen, dass der Wallach schnell galoppieren kann. Und WM-Reservist Andreas Ostholt steuerte Franco Jeas schnell und null durchs Gelände – und in etwas weniger spektakulärer Manier als noch in Luhmühlen.

"Das ist unangenehm"

Bundestrainer Hans Melzer sah dem folgenden Tag der Nominierung mit recht gemischten Gefühlen entgegen: "Das ist anstrengend, dann muss ich zwei sagen, dass sie Reservisten sind, das ist unangenehm." Und der Coach klebte schon einmal quasi vorbeugend Trostpflaster: 2011 sei die EM ja bekanntlich im eigenen Land – mit einem Kontingent von zwölf Startplätzen. "Das gibt es noch einmal die Chance, beim Championat zu reiten."

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Die USA sind nicht aus der Welt: Andreas Ostholt und Franco Jeas (Foto Wolf-Dietrich Nahr)

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