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Züchter Günter Seitter setzt auch Hoffnungen in den Halbbruder von La Biosthetique Sam, den 4-jährigen Hengst Dohego (Foto privat)

Porträt: Sams Züchter Günter Seitter

Wie eine Menge Experten bei dem Weltpferd brutal daneben lagen

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter (und Mütter). Bei einem guten und erfolgreichen Pferd ist es zweifellos der Züchter, die die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Beispiel: La Biosthetique Sam, das nach offiziellem FEI-Ranking weltweit erfolgreichste Vielseitigkeitspferd des Jahres 2009. Und sein Züchter Günter Seitter kann berichten, wie sehr Experten, und nicht nur einer, in ihrem Urteil bei dem jungen, nachmaligen Weltpferd daneben gelegen sind.

Den heute 9-jährigen Luhmühlen- und Weltcup-Gewinner hat der Züchter Günter Seitter aus Aidlingen im baden-württembergischen Kreis Böblingen im Alter von gut zweieinhalb Jahren bei der Hengstkörung im Haupt- und Landgestüt in Marbach vorgestellt – und der spätere Überflieger ist bei der Zuchtleistungsschau mit Pauken und Trompeten durchgefallen.

"Ein unbedeutendes Pferd mit einem derben Kopf", zitiert Günter Seitter mit versteinerter Miene das damalige Richterurteil. Und er bekennt, dass er nach dem erfolglosen Körungsauftritt sehr enttäuscht gewesen ist. "Alle haben erkannt, dass das nichts wird", sagte er sarkastisch im buschreiter-Interview.

"Er sah nach nichts aus"

Folgerichtig war Sam bei der anschließenden Marbacher Auktion alles andere als ein Kracher, obwohl der Stan the Man xx-Sohn beim Freispringen eine exzellente Vorstellung gegeben und mehr als eine Ahnung von seinem Potenzial am Sprung vermittelt hat – Möglichkeiten, die seine Reiter als nahezu unbegrenzt bezeichnen. Das damals nur 1,63 große Babyface mit langem Fell "sah nach nichts aus", erinnert sich die Besitzerin Sabine Kreuter heute.

Die passionierte Jagdreiterin und vormalige Vielseitigkeitsreiterin aus Kaufbeuren in Bayern betreibt eine eigene Zucht – mit zwei Stan the Man xx-Stuten. Sie besucht alle erreichbaren Zuchtveranstaltungen und sieht nach eigener Schätzung Jahr für Jahr mehrere Tausend Pferde. Zur Marbacher Auktion hatte Sabine Kreuter ihre Mutter Barbara Kreuter zum "Preview" vorgeschickt, weil sie sich auf einem Wanderritt befand. "Mama und ich haben den gleichen Pferdegeschmack." Und die Mutter holte ihre Tochter mitten in der Nacht ganz aufgeregt aus dem Bett, um ihr von ihrer Entdeckung unter den Marbacher Auktionspferden zu berichten.

"Den kriegen wir nie"

Sam war zwar nicht gekört, aber es habe dann geheißen, dass sich Züchter aus England und aus Kanada für den Sohn des legendären irischen Vollblüters Stan the Man xx (er deckte in Marbach von 1993 bis zu seinem Tod 2000) interessieren. "Den kriegen wir nie", sagten sich Mutter und Tochter Kreuter. Doch bei der Versteigerung gab es dann eine Überraschung: "Er war bei der Auktion das letzte Pferd, und während der Versteigerung sind die Leute schon aufgestanden, keiner wollte ihn haben, keiner hat die Hand gehoben", berichtet Sabine Kreuter.

Aus heutiger Sicht ein Glücksfall, perfektes Timing: Für 8000 D-Mark gab es den Zuschlag für den späteren Drei- und Vier-Sterne-Sieger, der mit einem Quäntchen Glück leicht 2009 Europameister hätte werden können. Für Züchter Günter Seitter war dies natürlich auch finanziell kein Coup: "Das Futter war drin, aber verdient war da nix."

"Nur noch Vollblut im Kopf"

Aber der reine Kommerz ist nicht die Welt von Günter Seitter, der als Freizeitreiter aufs Pferd steigt und auch einmal anspannt. Seit 25 Jahren beschäftigt er sich mit "großer Leidenschaft" zum Zeitvertreib mit der Pferdezucht. Dabei war die Vielseitigkeit erst nicht unbedingt seine Welt. 30 Jahre lang besuchte Seitter sämtliche großen Springturniere. Und schnell gewann er die Einsicht, bei seinen Zuchtzielen künftig den "leichteren und edleren" Typ anzustreben. "Ich war überzeugt, dass mein Idealpferd im Handling elektrischer als die Standard-Warmblut-Pferde sein sollte, und dann hatte ich nur noch Vollblut im Kopf."

Hinterhand beeindruckte

Und so war Günter Seitter zufällig bei seinen Exkurisonen in Marbach, als der irische Vollblüter Stan the Man xx gerade im Gestüt ankam und aus jenem gelben Lkw kletterte, wie sich der Pferdemann heute erinnert. "Ich wusste gleich, das ist mein Hengst." Vor allem die "wunderschöne", aktive, fleissige Hinterhand des Fuchses hatte es dem Züchter angetan. Zunächst ließ Seitter Sams Großmutter Gray Girl von Stan the Man xx decken: Den Schimmelwallach Scampolo stellte zunächst die frühere Pony-Europameisterin Melanie Deck bei Vielseitigkeitsprüfungen vor. 7-jährig wurde Scampolo ins Ausland verkauft und später von dem russischen Eventer Andrey Grishin bei internationalen Prüfungen bis auf Drei-Sterne-Niveau vorgestellt.

Mutter mit großem Namen

Aus der Vielseitigkeitsperspektive folgt dann der geniale Schachzug des Züchters: Er wählte als Hengst für Gray Girl Heraldik xx aus (er führt übrigends 2009 die Eventing-Weltrangliste der World Breeding Federation for Sport Horses an). Daraus entstand die Stute Halla, Mutter von Sam. Sie wurde 3-jährig in der Hengststation des Haupt- und Landgestütes Marbach in Herrenberg per Natursprung von Stan the Man xx gedeckt. Zur Welt kam La Biosthetique Sam dann im Jahr 2000.

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Ein Weltpferd entdeckt: Sabine Kreuter mit La Biosthetique Sam (Foto Julia Rau)

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Frei wie ein Hund

Was das spätere Vielseitigkeitspferd schon in jungen Jahren geprägt haben dürfte, sind die speziellen Haltungspraktiken von Günter Seitter. Für viele Pferdebesitzer und Züchter vielleicht ein Albtraum: Seitter geht mit Stute (an der Hand) und Fohlen spazieren – und dabei ist der Nachwuchs "freilaufend wie ein Hund", wie der Pferdemann betont. Und so nehmen die Fohlen alle möglichen Eindrücke im Gelände mit großer Selbstverständlichkeit wahr, hüpfen ins Wasser, machen die ersten Sprünge über herumliegende Äste. Dabei kann es schon einmal passieren, dass ein Pferdchen 100 oder 200 Meter zwischen sich und die Stute bringt. "Probleme mit Jägern oder Spaziergängern hatte ich bisher noch nicht, die lachen schon, wenn sie mich kommen sehen", sagte Günter Seitter im buschreiter-Interview.

Vorfall beim Koppelgang

La Biosthetique Sam wird keine Nachkommen haben: Im Alter von viereinhalb Jahren wurde der junge Hengst gelegt. Dabei waren sich der Züchter und die Besitzerin Sabine Kreuter eigentlich einig gewesen, dass Sam Hengst bleiben sollte. Doch dann passierte es beim Führen von der Koppel: Sam legte sich mit seiner Reiterin und Besitzerin an und zog sie mit den Vorderfüßen unter sich. Nach diesem gefährlichen Vorfall fiel die Entscheidung, aus ihm einen Wallach zu machen. Sabine Kreuter bereut zu spät: "Das ist superärgerlich, die Dinger liegen bei mir im Garten vergraben..." Und so wird es nie Fohlen von dem Stan the Man xx-Sohn mit der Heraldik xx-Mutter geben.

Sabine Kreuter heute: "Ich habe mich an den Fachleuten orientiert, er wurde nicht gekört, und nachdem Marbach und der Württenberger Zuchtverband ihn nicht haben wollten, bilde ich mir nicht ein, mich darüber hinwegsetzen zu müssen."

"Besser als die meisten Profis"

Wohlüberlegt haben Züchter Günter Seitter und Besitzerin Sabine Kreuter alle Entscheidungen für das Pferd getroffen. Gemeinsam und in voller Überzeugung haben sie sich für Michael Jung als Reiter entschieden. Trotz gewisser Dissonanzen wegen der künftigen Eigentumsverhältnisse des Championatspferdes ist Sabine Kreuter heute noch voll des Lobes für Jung: "Er reitet um Klassen besser als die meisten Profis, er hat einen hervorragenden Stil und ist dabei ganz fair, mit einem Superhändchen gerade für Blüter."

Und dann war es ja gar nicht die Besitzerin, die sich für Michael Jung entschieden hat – sondern das Pferd selbst. Sie erinnert sich noch genau an den Sichtungstermin des Fördervereins FBW, als ihn der Profi zum ersten Mal unter dem Sattel hatte: "Mein Pferd hat sich diesen Reiter ausgesucht, die zwei waren es einfach, ich war echt sauer."

Strenges Auge

Von Sieg zu Sieg hat Züchter Günter Seitter das von ihm gezogene Weltpferd all die Jahre begleitet. "Ich bin unheimlich stolz darauf, dass es mir als Hobbyzüchter gelingen konnte, ein solches Pferd hervorzubringen." Und er hat ein strenges Auge darauf, dass es Sam gut geht, dass er genügend Koppelgang bekommt. Seitter pendelt schon einmal mehrmals die Woche, sieht nach ihm auf der Weide, führt in zum Grasen. Die Fürsorge des Pferde-Vaters geht noch viel weiter.

Das EM-Cross von Fontainebleau: Während viele Zuschauer den Ritt von Michael Jung auf Sam in Frankreich als "wie vom anderen Stern" empfunden haben, sieht das Günter Seitter ganz anders: Er reagiert noch Wochen danach sehr betroffen auf die Bilder aus dem Championatsgelände und hat wenig Verständnis, dass es nach seinen Informationen die Trainerorder gegeben habe, zwölf Sekunden unter der Optimum Time zu bleiben. Seitter suchte noch in Fontainebleau das Gespräch mit Hans Melzer und äußerte dabei seinen "Züchterwunsch": "Vor allem ein junges Pferd sollte so nahe wie möglich an die Bestzeit geritten werden, alles andere geht nur an die Substanz."

Hoffnungsvoller Halbbruder

Und Sam ist noch nicht das Ende der Züchtergeschichte. Sein Halbbruder, der 4-jährige Hengst Dohego, befindet sich zur Zeit in einem Ausbildungsstall. Vater des Sam-Halbbruders ist der Angloaraber Dorpas AA. "Der Reiter bestätigt, dass er hinsichtlich Temperament und Umgang etwas außergewöhnliches ist." Aus Seitters Zucht stammt auch die eineinhalbjährige Stute Gräfin Saumur (von Grafenstolz), die sich im Besitz von Michael Jung befindet.

Stan the Man xx und Heraldik xx leben nicht mehr. So suchte und fand Günter Seitter einen neuen Hoffnungsträger: den Vollblüter Albaran xx, der zehn Jahre lang auf der Rennbahn Erfolge feierte und im Alter von 15 bei der Hengstleistungsprüfung reüssierte.

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Lesermeinungen

Es gibt noch Pferdeleute

Spitze! Genau richtig zum Weihnachtsfest! Vielen Dank für diesem feinen Artikel. Ich habe lange nicht mehr so viel Liebe, Ehrlichkeit, Gefühl und Kompetenz gespürt wie in diesem Beitrag - Danke, da bleibt die Hoffnung, "dass es weitergeht" und es noch "Pferdeleute" gibt, die Herz und Seele haben und nicht nur "Geldscheine".

J. Lindner

Das hat kein "Experte" zu vertreten

In diesem Bericht scheint der Züchter einiges zu verwechseln. Das Erkennen eines Weltklassepferdes ist nicht Aufgabe einer Körkomission. Ein „zu kleines Babyface mit langem Fell, das nach nichts aussah“ (Aussage der jetzigen Besitzerin Frau Kreuter), hat bei einer Körung sicherlich eine nicht so große Chance wie ein guter, groß rausgebrachter Hengstanwärter.

Das letztlich auch die Möglichkeit einer Leistungskörung verpasst wurde, hat auch kein „Experte“ zu vertreten, sondern lag doch vielmehr, wie im Bericht geschildert, am Management bzw. der Kastration von Sam mit viereinhalb Jahren.

Summa summarum können sich Züchter und Besitzer glücklich schätzen, unter geringem finanziellen Aufwand (Anschaffungspreis gem. Bericht von 8.000,00 DM) einen Profi für den großen Sport mit einem so tollen Weltklassepferd beritten gemacht zu haben. Hierzu herzlichen Glückwunsch.

Horst Müller

Ein Weltpferd für 8000 Euro?

"Das Erkennen eines Weltklassepferdes ist nicht Aufgabe einer Körkommission." Damit hat Herr Müller wohl Recht, aber es kennzeichnet auch den Rummel der Körungen, die für einen Amateur gar nicht einschätzbar sind.

Auf jeden Fall würde ich gutes TG(-Sperma) von SAM bei meinen 3/4 Blutstuten sofort einsetzen. Das gibt es aber leider nicht. Daraus sollten wir für die Zukunft lernen! Körung schön und gut, wenn es aber nicht klappt und sich die Leistungsfähigkeit erahnen läßt, dann TG vor einem Verkauf an jemandem, der als erstes kastriert! Die von Herrn Müller erwähnte Leistungskörung läßt sich vom Züchter nicht finanzieren, aber vielleicht die Gewinnung von TG.

Aber eines verstehe ich in der Bemerkung von Herrn Müller nicht: Wieso sollte sich der Züchter wirtschaftlich freuen, wenn er für das "Weltpferd" ganze 8.000 € erhalten hat?

Hubertus Schmidtlein

Gestüt Heidekaten

www.gestuet-heidekaten.de

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