Frei wie ein Hund
Was das spätere Vielseitigkeitspferd schon in jungen Jahren geprägt haben dürfte, sind die speziellen Haltungspraktiken von Günter Seitter. Für viele Pferdebesitzer und Züchter vielleicht ein Albtraum: Seitter geht mit Stute (an der Hand) und Fohlen spazieren – und dabei ist der Nachwuchs "freilaufend wie ein Hund", wie der Pferdemann betont. Und so nehmen die Fohlen alle möglichen Eindrücke im Gelände mit großer Selbstverständlichkeit wahr, hüpfen ins Wasser, machen die ersten Sprünge über herumliegende Äste. Dabei kann es schon einmal passieren, dass ein Pferdchen 100 oder 200 Meter zwischen sich und die Stute bringt. "Probleme mit Jägern oder Spaziergängern hatte ich bisher noch nicht, die lachen schon, wenn sie mich kommen sehen", sagte Günter Seitter im buschreiter-Interview.
Vorfall beim Koppelgang
La Biosthetique Sam wird keine Nachkommen haben: Im Alter von viereinhalb Jahren wurde der junge Hengst gelegt. Dabei waren sich der Züchter und die Besitzerin Sabine Kreuter eigentlich einig gewesen, dass Sam Hengst bleiben sollte. Doch dann passierte es beim Führen von der Koppel: Sam legte sich mit seiner Reiterin und Besitzerin an und zog sie mit den Vorderfüßen unter sich. Nach diesem gefährlichen Vorfall fiel die Entscheidung, aus ihm einen Wallach zu machen. Sabine Kreuter bereut zu spät: "Das ist superärgerlich, die Dinger liegen bei mir im Garten vergraben..." Und so wird es nie Fohlen von dem Stan the Man xx-Sohn mit der Heraldik xx-Mutter geben.
Sabine Kreuter heute: "Ich habe mich an den Fachleuten orientiert, er wurde nicht gekört, und nachdem Marbach und der Württenberger Zuchtverband ihn nicht haben wollten, bilde ich mir nicht ein, mich darüber hinwegsetzen zu müssen."
"Besser als die meisten Profis"
Wohlüberlegt haben Züchter Günter Seitter und Besitzerin Sabine Kreuter alle Entscheidungen für das Pferd getroffen. Gemeinsam und in voller Überzeugung haben sie sich für Michael Jung als Reiter entschieden. Trotz gewisser Dissonanzen wegen der künftigen Eigentumsverhältnisse des Championatspferdes ist Sabine Kreuter heute noch voll des Lobes für Jung: "Er reitet um Klassen besser als die meisten Profis, er hat einen hervorragenden Stil und ist dabei ganz fair, mit einem Superhändchen gerade für Blüter."
Und dann war es ja gar nicht die Besitzerin, die sich für Michael Jung entschieden hat – sondern das Pferd selbst. Sie erinnert sich noch genau an den Sichtungstermin des Fördervereins FBW, als ihn der Profi zum ersten Mal unter dem Sattel hatte: "Mein Pferd hat sich diesen Reiter ausgesucht, die zwei waren es einfach, ich war echt sauer."
Strenges Auge
Von Sieg zu Sieg hat Züchter Günter Seitter das von ihm gezogene Weltpferd all die Jahre begleitet. "Ich bin unheimlich stolz darauf, dass es mir als Hobbyzüchter gelingen konnte, ein solches Pferd hervorzubringen." Und er hat ein strenges Auge darauf, dass es Sam gut geht, dass er genügend Koppelgang bekommt. Seitter pendelt schon einmal mehrmals die Woche, sieht nach ihm auf der Weide, führt in zum Grasen. Die Fürsorge des Pferde-Vaters geht noch viel weiter.
Das EM-Cross von Fontainebleau: Während viele Zuschauer den Ritt von Michael Jung auf Sam in Frankreich als "wie vom anderen Stern" empfunden haben, sieht das Günter Seitter ganz anders: Er reagiert noch Wochen danach sehr betroffen auf die Bilder aus dem Championatsgelände und hat wenig Verständnis, dass es nach seinen Informationen die Trainerorder gegeben habe, zwölf Sekunden unter der Optimum Time zu bleiben. Seitter suchte noch in Fontainebleau das Gespräch mit Hans Melzer und äußerte dabei seinen "Züchterwunsch": "Vor allem ein junges Pferd sollte so nahe wie möglich an die Bestzeit geritten werden, alles andere geht nur an die Substanz."
Hoffnungsvoller Halbbruder
Und Sam ist noch nicht das Ende der Züchtergeschichte. Sein Halbbruder, der 4-jährige Hengst Dohego, befindet sich zur Zeit in einem Ausbildungsstall. Vater des Sam-Halbbruders ist der Angloaraber Dorpas AA. "Der Reiter bestätigt, dass er hinsichtlich Temperament und Umgang etwas außergewöhnliches ist." Aus Seitters Zucht stammt auch die eineinhalbjährige Stute Gräfin Saumur (von Grafenstolz), die sich im Besitz von Michael Jung befindet.
Stan the Man xx und Heraldik xx leben nicht mehr. So suchte und fand Günter Seitter einen neuen Hoffnungsträger: den Vollblüter Albaran xx, der zehn Jahre lang auf der Rennbahn Erfolge feierte und im Alter von 15 bei der Hengstleistungsprüfung reüssierte.
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Lesermeinungen
Es gibt noch Pferdeleute
Spitze! Genau richtig zum Weihnachtsfest! Vielen Dank für diesem feinen Artikel. Ich habe lange nicht mehr so viel Liebe, Ehrlichkeit, Gefühl und Kompetenz gespürt wie in diesem Beitrag - Danke, da bleibt die Hoffnung, "dass es weitergeht" und es noch "Pferdeleute" gibt, die Herz und Seele haben und nicht nur "Geldscheine".
J. Lindner
Das hat kein "Experte" zu vertreten
In diesem Bericht scheint der Züchter einiges zu verwechseln. Das Erkennen eines Weltklassepferdes ist nicht Aufgabe einer Körkomission. Ein „zu kleines Babyface mit langem Fell, das nach nichts aussah“ (Aussage der jetzigen Besitzerin Frau Kreuter), hat bei einer Körung sicherlich eine nicht so große Chance wie ein guter, groß rausgebrachter Hengstanwärter.
Das letztlich auch die Möglichkeit einer Leistungskörung verpasst wurde, hat auch kein „Experte“ zu vertreten, sondern lag doch vielmehr, wie im Bericht geschildert, am Management bzw. der Kastration von Sam mit viereinhalb Jahren.
Summa summarum können sich Züchter und Besitzer glücklich schätzen, unter geringem finanziellen Aufwand (Anschaffungspreis gem. Bericht von 8.000,00 DM) einen Profi für den großen Sport mit einem so tollen Weltklassepferd beritten gemacht zu haben. Hierzu herzlichen Glückwunsch.
Horst Müller
Ein Weltpferd für 8000 Euro?
"Das Erkennen eines Weltklassepferdes ist nicht Aufgabe einer Körkommission." Damit hat Herr Müller wohl Recht, aber es kennzeichnet auch den Rummel der Körungen, die für einen Amateur gar nicht einschätzbar sind.
Auf jeden Fall würde ich gutes TG(-Sperma) von SAM bei meinen 3/4 Blutstuten sofort einsetzen. Das gibt es aber leider nicht. Daraus sollten wir für die Zukunft lernen! Körung schön und gut, wenn es aber nicht klappt und sich die Leistungsfähigkeit erahnen läßt, dann TG vor einem Verkauf an jemandem, der als erstes kastriert! Die von Herrn Müller erwähnte Leistungskörung läßt sich vom Züchter nicht finanzieren, aber vielleicht die Gewinnung von TG.
Aber eines verstehe ich in der Bemerkung von Herrn Müller nicht: Wieso sollte sich der Züchter wirtschaftlich freuen, wenn er für das "Weltpferd" ganze 8.000 € erhalten hat?
Hubertus Schmidtlein
Gestüt Heidekaten
www.gestuet-heidekaten.de
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