Buschreiter.de — aktuell: CDV-Podiumsdiskussion

Neues Format, neue Probleme

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Die Entscheidung "kurz oder lang?" ist gefallen. Das Eventing-Komitee der FEI hat entschieden, dass ab 2005 die Championate im so genannten CCI-short-Format ausgetragen werden: Die Phasen A bis C, also die beiden Wegestrecken und die Rennbahn, fallen weg (Details und Hintergründe folgen hier!). Die Diskussion konzentriert sich nun darauf, welche spezifischen Probleme der unwiderstehliche Trend zu Kurzprüfungen vor allem für die Pferde mit sich bringt. Die Podiumsdiskussion im Rahmenprogramm des Balls der Vielseitigkeit des Club Deutscher Vielseitigkeitsreiter (CDV) in Göttingen förderte die Einsicht in neue Risiken des Formates.

Die deutsche Szene steht nicht im Verdacht, traditionalistisch an den langen Prüfungen festhalten zu wollen. Aus dem englischsprachigen Raum gibt es dagegen nach wie vor heftige Proteste gegen die FEI-Entscheidung zugunsten des kurzen Championatsformates. Daran ändern auch Pläne des Weltverbandes nichts, die klassischen Vier-Sterne-Prüfungen zu einer Superserie zu verbinden (Ausführliches folgt). Buschreiter.de zeichnet die Göttinger Diskussion nach.

Die Reiter: Das Pro und Kontra brachte Ingrid Klimke zur Sprache. Einerseits plädiert sie eindeutig für das kurze Format, das hinsichtlich der Geländelänge durchaus noch verkürzt werden sollte. Die Olympiareiterin schätzt die Chance, in der gleichen Zeit mehr Starts mit ihren Pferden absolvieren zu können. "Für die Pferde und Reiter ist das nur positiv." Andererseits sieht sie die "Gefahr", dass die Pferde beim Entfallen der Wegestrecken nur mangelhaft aufgewärmt und motiviert ins Cross starten könnten. Noch viel drastischer brachte es Adam Liedermann auf den Punkt: "Bei diesen Kaltstarts werden viele Pferde kaputt gehen." Der Trend zum "Springsport im Gelände" geht für den EM-Reiter "in die falsche Richtung". Für die Gesunderhaltung der Pferde seien die Wegestrecken vor der eigentlichen Geländeprüfung unerlässlich: "Die Pferde müssen bis in die Zehenspitzen durchgewärmt sein", sagte Liedermann. Er outete sich als Anhänger des langen Formates, das über viele Jahre den Charakter des Sports geprägt habe — und bedauerte ausdrücklich in Anspielung auf die FEI-Neuregelungen, dass "Leute entscheiden, die eigentlich wenig mit der Sportart zu tun haben". Bodo Battenberg führte in die Diskussion ein, dass bei Kurzprüfungen die Zahl der Hindernisse letztlich gleich bleibe, was zwangsläufig zu höherem (belastendem)Tempo zwischen den Sprüngen führe. Hart ging Andreas Dibowski mit der FEI ins Gericht: Der Verband habe nicht reagiert, obwohl seit Jahren bekannt sei, dass die Rennbahn-Phase mit über vier Minuten Dauer auf Vier-Sterne-Niveau die "Pferde kaputt" mache. "Die Sparte hat sich ihr eigenes Grab geschaufelt." Aus dem Wegfall der Wegestrecken leitete Dibowski ein düsteres Szenario ab: "Das wird der letzte Todesstoß für die Disziplin werden." Er sagte voraus, dass die Pferde in den Kurzprüfungen nicht besser gehen werden. "Die schlechten Bilder werden genauso kommen." Als Beispiel nannte er das Weltcup-Finale in Pau, wo der übertrieben technische Aufbau die allermeisten Pferde über die Grenze der Leistungsfähigkeit geführt habe. Die Belastungen könnten dann reduziert werden, wenn sich am Aufbau der Hindernisse im Gelände etwas ändere. Andreas Dibowski referierte seine Grundsatz-Kritik, mit der er im Herbst eine breite Diskussion in Gang gesetzt hatte (buschreiter berichtete): Es gibt zu wenig motivierende Prüfungen, die nicht per se auf Selektion setzen und nicht durch eine Häufung von technischen und schmalen Elementen die Pferde zum Vorbeilaufen animieren.

Die Trainer: Der Badminton-Gewinner und Bundestrainer Christopher Bartle bekannte sich dazu, dass er sich vom Traditionalisten und Fürsprecher der langen Prüfungen zum Anhänger der Kurzprüfungen gewandelt habe. Insbesondere das Aus für die Rennbahn sei ausdrücklich zu begrüßen, weil dort häufig schlechte Bodenverhältnisse herrschten und zu viele Pferde Schaden genommen hätten. Allerdings sprach er sich für die Beibehaltung der A-Wegestrecke aus, um sicherzustellen, dass die Pferde vor dem Cross ordentlich aufgewärmt werden. Die Verkürzung der eigentlichen Geländeprüfung birgt seiner Ansicht nach die Gefahr, dass die Reiter nur noch gegen die Zeit reiten und letztlich während des Geländerittes das Gefühl für die Verfassung des Pferdes verlieren — genau dies mache den besonderen Charakter der Vielseitigkeit im Unterschied zu Dressur und Springen aus, argumentierte Bartle. Was die Anforderungen an den Geländesprüngen angeht, so sei es entscheidend, dass das Vertrauen der Pferde gefördert werde. Englische Cross-Designer konzipierten selbst S-Prüfungen "nicht als Test, sondern als Training". So stellten sich auch bei Championaten gute Leistungen ein. Der Stellenwert der Vielseitigkeit in Deutschland werde wieder zunehmen, "wenn wir eine Medaille in Athen gewinnen". Der Bundestrainer verspricht sich davon eine bessere Resonanz bei Sponsoren und Medien. Trainer-Kollege Hans Melzer erinnerte daran, dass mit Rüdiger Schwarz als Berater von Veranstaltern ein neuer Kontrollmechanismus im Hinblick auf die Hindernisanforderungen im Gelände eingeführt sei. Damit folge Deutschland Entwicklungen, die die Engländer, Franzosen und US-Amerikaner längst eingeleitet hätten. Zum Thema Championatserfolge äußerte der Bundestrainer Kritisches: Die Reiter sollten vor allem beim Geländetraining mehr Einsatz zeigen. Der deutsche Turnierkalender gebe zu wenige S-Prüfungen her. Erfolgreiche Championatsreiter aus dem Ausland seien mindestens drei Mal pro Jahr auf Welt- oder Europameisterschaftsniveau am Start, während die deutschen Eventer häufig bei internationalen Meisterschaften erstmals mit diesen Anforderungen konfrontiert würden. Was den Anspruch der Prüfungen im Vorfeld der Championate angeht, so könne auch der "Schuss nach hinten losgehen", wenn im Cross zu leicht aufgebaut werde.

Der Course Designer: "Der Aufbauer ist als Motivator und nicht als Selektor gefragt", sagte Wolfgang Feld. Das gelte nicht nur für Prüfungen mit jungen Reitern und Pferden als Zielgruppe, sondern auch bei Sterne-Prüfungen. Trotz der steigenden reiterlichen Anforderungen bei den internationalen Events müssten die Pferde mit Aufgaben konfrontiert werden, die sie klar erkennen können und die "mit guten reiterlichen Leistungen zu lösen sind". Wolfgang Feld: "Lotteriespiele sollten keinen Platz finden." Und: "Es muss am Konzept etwas faul sein, wenn das Gros der Pferde nach der Hälfte der Strecke mit total demoralisierten Gesichtern auftaucht."

Der Veranstalter: Ein eindeutiges Plädoyer für die Kurzprüfung gab Ralph Kuhlmann (Bonn-Rodderberg) ab. Die Event-Organisatoren bemühten sich um attraktive Prüfungen und pferdegerechte Kurse, die auch zu finanzieren seien. Hinzu komme, dass das Turnierangebot für das Publikum interessant sein müsse. In Bonn würden durch die Verbindung von Vielseitigkeit mit gut dotierten Springprüfungen jeweils 10 000 bis 15 000 Zuschauer angezogen. Das Konzept gehe nur mit Kurzprüfungen auf, weil die Rennbahn-Phase mit höherem personellen Aufwand und Mehrkosten verbunden sei. "Als Veranstaltern müssen wir immer nach neuen Ertragsbringern suchen."

Der Sportvermarkter: "Leistung und Gegenleistung" müssen nach Ansicht von Wolfgang Leiß (betreut Inken Johannsen und Martin Schaudt) beim Sponsoring stimmen. Der Sportmarketing-Experte grenzt so dieses vom reinen Mäzenatentum ab. Der Sponsor verlangt als Gegenleistung für seine Unterstützung des Sportlers Personenkontakte und damit Publikumsinteresse sowie Medienbereichterstattung. Sponsoren ziehen schon allein deshalb Kurzprüfungen der langen Variante vor, weil Zuschauer an der Rennbahn kaum interessiert sind. Zudem läßt sich ein Vielseitigkeitssportler nur schwer vermarkten, der nur drei bis vier Mal pro Jahr bei CCI im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. Kurzprüfungen ermöglichen ein Mehrfaches an Starts pro Saison. Welche Art von Sportereignissen sind für Zuschauer anziehend? Ein aufregender Event, aufregend möglichst für die ganze Familie den ganzen Tag über und bis zum Schluss, an dem ein einfaches Ergebnis steht.

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