Buschreiter.de exklusiv: Interview mit Bundestrainer Martin Plewa
"Mannschaftsmedaille
nicht unrealistisch"


"Es ist nicht unrealistisch, wenn wir eine Mannschaftsmedaille im Auge haben." Nach einer Woche Trainigslager im ostbayerischen Kreuth bei Regensburg sieht der leitende Vielseitigkeits-Bundestrainer Martin Plewa im Interview mit buschreiter.de der Olympiade in Sydney durchaus optimistisch entgegen. In diesem Gespräch äußerte sich Plewa auf Anfrage von buschreiter.de auch zum Fall Herbert Blöcker und Chicoletto (Foto rechts). In Zeitungsberichten hatte sich die graue Eminenz der deutschen Aktiven bitter über die Selektoren beklagt, weil er ungerechtfertigterweise seiner letzten Olympia-Chance braubt worden sei. Martin Plewa: "Chicoletto war zwar lahmfrei, aber dass er nicht hundertprozentig topfit war, wie Herbert Blöcker sich das gewünscht hatte, das weiß er selbst." Das vollständige, exklusive und autorisierte Interview im Wortlaut.
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: Welche Vorteile hat Kreuth als Trainingslager und als Quarantäne-Station?Martin Plewa: Wir finden hier optimale Bedingungen fürs Training vor. Es gibt einen Dressur- und Springplatz mit Stadion-Charakter. Dort haben wir Bodenverhältnisse wie auf großen Turnieren. Wir brauchen vor allem für das Konditionstraining eine Galoppierbahn, die bergauf geht. Davon gibt es in Deutschland nicht so viele. Diese hier ist sehr gut angelegt worden. Sie ist auch relativ wetterunabhängig. Die Pferde hier fit zu machen, ist das Hauptziel, denn in Sydney selbst werden wir nicht mehr viel Konditionstraining machen können. Deshalb bietet sich Kreuth wirklich an. Zum anderen war es hier sehr gut möglich, die Bedingungen für die Quarantäne zu erfüllen.
Buschreiter.de: Sind denn alle Paare, die nach Bonn-Rodderberg benannt worden sind, auch in die Quarantäne eingezogen beziehungsweise hat jemand die Quarantäne bereits verlassen?
Martin Plewa: Wir haben nach Bonn-Rodderberg an dem Montag eine Nominierungssitzung gehabt. Vorher war eine sehr präzise Untersuchung aller in Frage kommenden Pferde durch unseren Mannschaftstierarzt Dr. von Saldern. Alle Pferde, die er als fit und gesund bezeichnet hat und die voll trainierbar sind, sind in die Quarantäne eingezogen. Alle sind im Moment in einem sehr guten Status.
Buschreiter.de: Das ist schon das Stichwort für die nächste Frage. Wie geht es den Reitern und den Pferden nach einer Woche Trainingslager?
Martin Plewa: Was ich sehr wichtig finde: Die Stimmung, die Atmosphäre unter den Reitern ist gut. Es wird sehr kooperativ mit Horst Karsten gearbeitet, der im wesentlichen das Training leitet. Und die Pferde sind, toi, toi, toi, wenn hier Holz wäre, würde ich drauf klopfen, in einer sehr guten Verfassung.
Buschreiter.de: Vermutlich gibt es ja ein ganz individuelles Trainingspensum für Ross und Reiter. Kann man an einem Beispiel umreissen, wie das Training im einzelnen aussieht?
Martin Plewa: Direkt nach Bonn-Rodderberg haben wir den Pferden drei Tage ein wenig Pause gegönnt. Dann sind wir mit Dressurarbeit angefangen. Dazu kam auch Klaus Balkenhol am Donnerstag und Freitag vormittag nochmal zur Beratung. Am Samstag war das erste Galopptraining für alle Pferde auf dem Programm. Danach haben wir, Horst Karsten und ich, uns einen Überblick über den Konditionsstand der Pferde verschafft. Von jetzt ab galoppieren die Pferde in einem etwas unterschiedlichen Rhythmus. Der übliche Rhythmus ist etwa alle vier Tage Galopptraining. Da die Pferde aber noch etwas unterschiedlich sind, werden einige Pferde im Fünf-Tages-Rhythmus, andere im Drei-Tages-Rhythmus galoppieren. An den Tagen dazwischen wird Dressur- und Springarbeit gemacht. Zum Springen kam unter anderem auch Kurt Gravemeier her und er wird noch einmal kommen. Am Tag nach dem Galopptraining ist eine Art Ruhetag, an dem sich die Pferde ein wenig erholen können.
Buschreiter.de: Wenn man den Sichtungsweg für Sydney nochmal Revue passieren lässt: Welche Neuerungen gab es? Wurde pferdeschonender gesichtet als bei früheren Championaten?
Martin Plewa: Wir haben uns auch bei früheren Championaten bemüht, die Pferde schonend sich vorbereiten zu lassen. Das ist mal besser, mal weniger gut gelungen. Wir haben schon seit vielen Jahren auch zu Zeiten meiner Vorgänger immer eine lange Prüfung verlangt, im Regelfall im Bereich eines Drei-Sterne-CCI, und eine abschließende Kurz-Prüfung, die für alle in Frage kommenden Kandidaten obligatorisch war. Der Weg zur langen Prüfung war meistens etwas individuell gestaltet. Gelegentlich war einigen Reitern der Start in einer langen Prüfung erspart. In diesem Jahr betraf das Bodo Battenberg und Herbert Blöcker. Das haben wir in früheren Jahren schon häufig so gehandhabt.
Buschreiter.de: Wenn wir jetzt auf die beiden angesprochenen Bodo Battenberg und Herbert Blöcker nochmals zurück kommen: Bedeutete der Dispens für die beiden Reiter mit ihren Pferden, dass sie von Hause aus schlechtere Chancen hatten, in die letzte Olympia-Auswahl zu kommen?
Martin Plewa: Nein, an sich nicht. Es hatte unterschiedliche Gründe, weshalb wir uns übrigens gemeinsam mit den Reitern dazu entschlossen haben. Das sollte keinesfalls ihre Qualifikationschancen schmälern. Wir wollten nur sicherstellen, dass wir für Sydney die Besten tatsächlich auch bekommen. Da muss man schon einmal individuellere Wege anbieten. Bei Bodo Battenberg hat das ja sehr gut hingehauen im Jahr vorher, dieses Jahr leider nicht so. Sam the Man hatte sich ja in Marbach verletzt. Bei Herbert Blöcker hatte das vor allem den Grund, dass das Pferd mehr Kurzprüfungen gehen sollte. Herbert Blöcker und Chicoletto haben in der Vergangenheit auch in langen Prüfungen und auf Vier-Sterne-Niveau bewiesen, dass hier im Prinzip eine lange Prüfung entbehrlich war.
Buschreiter.de: Nach der letzten Verfassungsprüfung nach Bonn hat sich Herbert Blöcker laut Zeitungsberichten bitter beklagt. Er hat nachdrücklich erklärt, dass Chicoletto keinerlei Lahmheitserscheinungen gehabt habe. Es ist auch die Rede davon gewesen, dass ein eigentlich unbedenklicher Befund nun in den Vordergrund gerückt worden sei. Er sei sehr unglücklich über diese Entscheidung. Er sei seiner letzten Chance beraubt worden, an einer Olympiade teilzunehmen. Sein Sponsor habe angeblich eine Million Mark in das Pferd investiert und bekomme nun nicht den Gegenwert, den er sich erhofft hat. Beschwert sich Herbert Blöcker zu recht oder zu unrecht?
Martin Plewa: Wir sind dazu da, die optimale Mannschaft zusammenzustellen. Wenn wir bei einer solchen Nominierung die Interessen von Sponsoren noch mit berücksichtigen müssten, dann würden wir uns einem unwahrscheinlichen Druck aussetzen. Dann würden auch anderen Sponsoren sachlich berechtigt oder unberechtigt versuchen, diesen Druck auszuüben. Wir müssen unabhängig bleiben in unserer Entscheidung. Dass Herbert Blöcker total verbittert und enttäuscht ist, kann ich vollkommen verstehen. Das hat jeder von uns schon einmal mitgemacht, auch mein Kollege Horst Karsten und ich und auch die Reiter, die jetzt dabei sind, haben das alle schon einmal erlebt, dass man mit großen Hoffnungen in die Saison gegangen ist und es dann nachher kurz vor dem Ziel doch nicht geklappt hat. Wir können nur mit hundertprozentig gesunden Pferden ins Trainingslager und auch nur mit hundertprozentig gesunden Pferden in Sydney an den Start gehen. Chicoletto war zwar lahmfrei, aber dass er nicht hundertprozentig topfit war, wie Herbert Blöcker sich das gewünscht hatte, das weiß er selbst. Er ist erfahren genug um zu wissen, dass man mit einem Pferd, das den geringsten Befund hat, in unserem Sport nicht erfolgreich teilnehmen kann. Stellen Sie sich einmal vor, wir würden ein bekanntermaßen nicht ganz fites Pferd mit nach Sydney nehmen, das dort die Prüfung nicht beendet. Ich glaube, das Desaster wäre noch größer. Mehr noch als in Dressur und Springen muss man die Anforderungen an die Gesundheit besonders hoch schrauben. Wir können nur mit hundertprozentig gesunden Pferden voll trainieren. Das Pferd war in der Lage, Dressur und Springen zu gehen und sicher auch kürzere Prüfungen zu laufen, aber ein volles Training für ein Vier-Sterne-CCIO aufzunehmen, wäre auch im Sinne des Pferdes unvertretbar gewesen.
Buschreiter.de: Bettina Overesch und Unsung Hero sitzen ja quasi auf der Ersatzbank. Hat es sich für Bettina Overesch nachteilig ausgewirkt, dass sie von der deutschen Busch-Szene relativ weit weg ist und in England reitet? War sie aus dem Rennen, als sie sich entschieden hatte, in Achselschwang nicht zu starten?
Martin Plewa: Nein, auf keinen Fall. Wir hatten ihr das freigestellt. Wir hatten auch anderen Reitern freigestellt, ihre Drei-Sterne-Prüfung zu reiten wo sie wollen. Ich weise darauf hin, dass Marina Köhncke zum Beispiel in Saumur gewesen ist. Das hat nicht den Ausschlag gegeben. Wir haben Bettina in England auch bei einer Prüfung besucht. Bettina hat wie die anderen Reitern versucht, ihr Pferd auf die letzte Überprüfung optimal vorzubereiten. Sie hat dadurch keinen Nachteil erfahren. Es war einfach eine sachliche Abwägung, weshalb Bettina jetzt gerade auf diesem Platz rangiert.
Buschreiter.de: Es gab unmittelbar nach Bonn-Rodderberg die Zusage für den Startplatz für den zweiten Einzelreiter. Da wurde Nele Hagener mit Little McMuffin berufen. Warum ist die Wahl auf sie gefallen?
Martin Plewa: Das ist uns sehr schwer gefallen, weil zwischen Nele Hagener und Bodo Battenberg oder auch Bettina Overesch so gut wie keine Unterschiede liegen. Das sind nur graduelle Aspekte, die da eine Rolle gespielt haben. Man hätte sich auch anders entscheiden können. Wir haben uns für Nele Hagener entschieden, weil das Pferd in der Vergangenheit immer optimale fehlerfreie Runden im Gelände geliefert hat. Zwischendurch gab es einmal leichte Unsicherheiten in der Dressur. Das scheint behoben. Auch im Springen hat sich alles sehr stabilisiert. Wir glauben einfach, dass das Pferd toll drauf ist und dass das ein sehr gut zusammengewachsenes Paar ist. Das Pferd hat wirklich Olympia-Qualität. Deshalb haben wir uns für dieses Paar entschieden.
Buschreiter.de: Zeichnet sich denn schon ab, wer möglicherweise in der Mannschaft reiten wird und wer als Einzelreiter an den Start gehen wird?
Martin Plewa: Wir haben noch nicht einmal mit den Reitern darüber gesprochen. Natürlich haben Horst Karsten und ich Vorstellungen darüber, die aber noch nicht definitiv sind. Wir haben uns entschlossen, erst vor Ort festzulegen, wer einzeln und in der Mannschaft reitet. Wir wollen uns erst die Geländestrecke in Sydney und den aktuellen Stand bei der Verfassungsprüfung ansehen und dann entscheiden.
Buschreiter.de: Gibt es die Chance auf einen dritten Einzelreiter-Startplatz?
Martin Plewa: Die Chance ist da, aber es kann sein, dass wir damit bis zum letzten Moment warten müssen. Einmal muss das die FEI bestätigen. Diese Bestätigung haben wir noch nicht. Wir müssen dann noch die Zusage vom NOK haben. Das wäre einen Tag vor Abflug der Pferde.
Buschreiter.de: Sie kennen ja die Geländestrecken in Luhmühlen, Bonn-Rodderberg und Achselschwang in- und auswendig. Sie sind einer der wenigen, der die Strecke in Sydney bereits kennt. Was erwartet denn die deutschen Vielseitigkeitsreiter hinsichtlich der Bodenverhältnisse, des Schwierigkeitsgrades und der technischen Anforderungen?
Martin Plewa: Es ist einfach ein Stern mehr, eine Klasse höher. Zunächst sind die Distanzen länger, sowohl auf der Rennbahn als auch auf der Querfeldein-Strecke. Dann ist es ein recht hügeliger Kurs, also auch konditionell relativ anstrengend. Es wird ein sehr technischer und schwerer Kurs werden. Wir müssen uns auf eine reelle Vier-Sterne-Prüfung einrichten.
Buschreiter.de: Die Engländer, Iren, Australier, Neuseeländer, Amerikaner, Franzosen und Schweden sind alle sehr starke Vielseitigkeitsnationen. Welche Medaillenchancen haben da die deutschen Vielseitigkeitsreiter in Sydney?
Martin Plewa: Unsere Reiter und unsere Pferde sind in einer guten Verfassung. Es ist nicht unrealistisch, wenn wir eine Mannschaftsmedaille im Auge haben. Aber die genannten Nationen sind natürlich in der Vielseitigkeit unheimlich stark. Es wird letztlich die Tagesform entscheiden. Nach der Papierform können wir vielleicht nicht unmittelbar einen Treppchenplatz in Anspruch nehmen. Aber in unserem Sport gilt die Papierform relativ wenig, die Tagesform eben alles. Das ist auch irgendwo der Reiz unseres Sportes. Vor Seoul, wo die deutsche Mannschaft Gold gewonnen hat, waren wir auch nicht in der Favoritenrolle.
Interview: Wolf-Dietrich Nahr
Fotos: Julia Rau (Blöcker/Chicoletto), Wolf-Dietrich Nahr (Plewa)