Tödlicher Unfall/Zitat Plewa
Selbstgerecht und überheblich
EIN KOMMENTAR VON WOLF-DIETRICH NAHR
Der tödliche Unfall von Franz Graf am Sonntag im österreichischen Aspang hat die Vielseitigkeitsszene traumatisiert. Freunde, Reiterkollegen, Offizielle sind wie gelähmt nach dem tragischen Sturz des 61-Jährigen. Zeugen und Turnierbesucher hadern mit dem Schicksal. Was waren die Ursachen für diesen Unfall? Wäre er vermeidbar gewesen? Oder war es einfach eine Verkettung von Umständen, wie sie im Alltag, im Straßenverkehr, in anderen Sportarten eintreten kann? Mancher, auch aktive, Reiter überlegt, ob er selbst die Risiken immer richtig abwägt. Wie er selbst mit den Gefahren des eigentlich so faszinierenden Vielseitigkeitssportes umgeht. In diesen dunklen Tagen nach dem Tod eines Eventers mischen sich Trauer, Besorgnis um eine Disziplin, das Gedenken an einen Menschen, dem viele in der Szene begegnet sind und den sie vermissen werden.
In diesen Stunden – das Opfer liegt noch nicht unter der Erde – geht jemand hin und diktiert einem Journalisten diesen Satz: "So sehr ich den Unfall bedauere und mein Mitgefühl der Familie gilt, so sehr stehe ich auf dem Standpunkt, dass solche Reiter in unserem Sport nichts verloren haben. Sie gefährden sich selbst und schaden dem Ansehen der Vielseitigkeit." Zugeschrieben wird dieser Satz dem ehemaligen Bundestrainer Martin Plewa. Er steht nicht in irgendeinem Boulevardblatt, sondern er wird von zwei überregionalen deutschen Tageszeitungen und weiteren Blättern gedruckt und elektronisch weltweit verbreitet.
Ein unglaublicher Vorgang, der in der Sportgeschichte wahrscheinlich wenig Beispiele hat. Der Tod eines Aktiven wird mit einer Mischung aus Selbstgerechtigkeit, Überheblichkeit und Arroganz kommentiert, die unerträglich ist. Man kann diesen Satz geschmacklos, menschlich niederträchtig und moralisch verwerflich nennen. Und man kann dem ganzen Vorgang auch eine rechtliche Dimension geben: Wird hier das "Andenken Verstorbener" verunglimpft? Ein Rechtsgut, das das Strafgesetzbuch sanktioniert. Die Norm schützt das Pietätsempfinden der Angehörigen. Mit dem Plewa-Satz werden Gefühle Hinterbliebener massiv missachtet. Die Norm schützt auch die Persönlichkeitsrechte über den Tod hinaus. Mit dem Plewa-Satz wird die Persönlichkeit des Verunglückten in Misskredit gebracht.
Wer ist Martin Plewa? Ein ehedem durchaus international erfolgreicher Vielseitigkeitsreiter, der als Bundestrainer eine unerfahrene Mannschaft in Seoul zu Mannschaftsgold geführt hat. Martin Plewa ist nicht mehr Bundestrainer, sondern Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule und Offizieller bei großen internationalen Vielseitigkeits-Events und Championaten, eine Art Ausnahme-Hippologe, der 2006 mit dem seltenen Prädikat des Reitmeisters zum Ritter geschlagen wurde. Aber er ist eben nicht mehr Bundestrainer, weil sich das FN-Establishment in Warendorf nach langem Zögern von ihm getrennt hat. Die Ursachen sind in den Querelen vor, während und nach den Olympischen Spielen in Sydney zu suchen. Es gab menschliche Probleme zwischen dem Coach und Aktiven. Schmutzige Wäsche wurde damals nicht wirklich gewaschen. Die Details dieser Streitigkeiten wurden durchaus diskret behandelt.
Spätestens nach diesem Satz Martin Plewas ahnt man, in welchen menschlichen Dimensionen sich diese Auseinandersetzungen bewegt haben müssen.
Es gab 2006 eine Laudatio auf den neuen Reitmeister Martin Plewa. Thies Kaspareit, Leiter der Deutschen Akademie des Pferdes und als einer der Gold-Jungs von Seoul vormaliger Schüler Plewas, hielt diese Lobrede. Sie endete mit dem Satz: „Dein Perfektionismus ist gleichzeitig Deine größte Stärke und Deine größte Schwäche“.
Die Beerdigung von Franz Graf findet am Samstag, 12. April 2008, um 13 Uhr 30 in Purbach am Stadtfriedhof statt.
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