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EM 2007/Der Fall Frank Ostholt/Air Jordan

Anreiten mit "leerem Tank": Verwarnung wegen gefährlichen Reitens

VON WOLF-DIETRICH NAHR/www.buschreiter.de

Mannschaftsweltmeister Frank Ostholt hat bei der EM in Pratoni wegen der Umstände seines Ausscheidens im Gelände vom Richtergremium wegen gefährlichen Reitens eine mündliche Verwarnung erhalten. Das dürfte in der jüngeren Vielseitigkeitsgeschichte einmalig sein: Ein deutscher Championatsreiter, der im Cross durch Richterspruch aus dem Rennen genommen worden ist.

Frank Ostholt hat nach zwei Verweigerungen an Sprung 24 b, dem Coffin-Einsprung, im EM-Gelände "aufgehört", lautet eine Version. Selbst in der offiziellen Ergebnisliste des Championates ist das Paar mit dem Vermerk "Ret." (retired = aufgegeben) versehen. Doch diese Version – die auch in der (hochaktuellen) Berichterstattung von buschreiter.de aufgrund einer telefonisch übermittelten Information auftaucht – ist schlicht unzutreffend – wie erst am Montag nach dem Championat in der Redaktion von buschreiter.de bekannt wurde.

Roycroft griff zur Trillerpfeife

Der betroffene Reiter und der Chefrichter Christoph Hess bestätigten buschreiter.de auf Anfrage, dass Frank Ostholt und der 12-jährige Halbblüter Air Jordan auf Veranlassung des Hindernisrichters an Sprung 24 gestoppt und aus dem Rennen genommen worden sind. Dies war zufällig kein Geringerer als die australische Vielseitigkeits-Legende Wayne Roycroft, als Vorsitzender des FEI-Eventing-Komitees quasi der welthöchste Busch-Funktionär.

"Sehr schnell wieder erholt"

Doch alles der Reihe nach. Und vorher die wichtigste Nachricht: Laut Frank Ostholt steht Air Jordan seit Montag früh wieder in seiner Box in Warendorf, hat keinerlei Verletzungen oder Blessuren davongetragen und zeigt keine sichtbaren Spuren von dem Championatseinsatz bei hochsommerlichen Temperaturen. "Jojo hat sich sehr schnell wieder erholt", versicherte Ostholt im exklusiven buschreiter-Interview. Denn offensichtlich hatte sich Air Jordan schon bei der Fahrt nach Pratoni ein "Reisefieber" zugezogen, habe etwas Temperatur und geschwollene und tränende Augen gehabt, wobei das Pferd beim Start in den Wettbewerb wieder normale Körperwärme erreicht gehabt habe.

"Ein bisschen durcheinander"

Dieser Infekt könnte nach Meinung des Reiters der Grund dafür gewesen sein, dass bei Air Jordan ganz plötzlich an Sprung 24 der "Tank leer" gewesen sei. "Er war auf einmal einfach kaputt bei dem heißen Wetter, es ging ja hoch und runter und in so bergigem Gelände bin ihn noch nie geritten", so Ostholt. Nach der ersten Verweigerung an 24 b machte der Reiter an dem Element vergeblich einen weiteren Versuch. Zeugen berichten, dass da der Pfiff Roycrofts ertönt sei. "Der Stuart hat gesagt, dass ich aufhören soll. Ich war ein bisschen durcheinander und wusste zunächst nicht, wie ich reagieren sollte, ich hatte ja eine Verpflichtung als Mannschaftsreiter", sagte Ostholt im Interview. Mit zwei Tagen Abstand war der Leiter des Warendorfer DOKR-Zentrums aber ohne Einschränkung einsichtig: "Es war vernünftig, dass ich aufgehört habe, die oberste Verantwortung gilt dem Pferd und nicht der Mannschaft."

Fragen beim Reiter-Briefing

Zur Verwirrung des Reiters und auch der verantwortlichen Offiziellen trug die besondere Situation in Pratoni bei – und irgendwie erinnern die Begleitumstände an die chaotischen Verhältnisse beim Abschlussspringen in Athen. Denn nach Testläufen in Burghley und Blenheim wurden in Pratoni wiederum versuchsweise im Cross die gelben und roten Flaggen eingesetzt. Gelb heißt: "Achtung, Reiter, wir haben dich und deine Reitweise im Visier." Rot bedeutet: "Sofort anhalten." Frank Ostholt hat nach eigenen Angaben beim Reiter-Briefung zu Beginn des Events nochmals ausführlich nachgefragt, wo und unter welchen Umständen die Flaggen gehoben werden. "Und während des Rittes war das zusätzlich sehr irritierend: Ich habe keine gelbe oder rote Flagge gesehen."

"Auf dem Klo"

Chefrichter Christoph Hess bestätigt, dass er nach einer per Funk eingegangenen Warnung einer Hindernisrichterin vor 24 versucht habe, über eine gesonderte Funkfrequenz den dort postierten Träger der roten Flagge zu erreichen. Doch der sei – das stellte sich später heraus – in dem Moment "auf dem Klo" und deshalb nicht erreichbar gewesen. Den kritischen Sprung vor 24 habe er selbst in der Richterzentrale nicht beobachten können, weil dieses Hindernis auf den Monitoren nicht zu sehen gewesen sei. Daraufhin habe er über Funk die Anweisung gegeben, das Paar anzuhalten. Doch er habe darauf "keinen Response", keine Antwort erhalten, sagte Christoph Hess im buschreiter-Interview. Dass dann Richterkollege Roycroft von sich aus die Initiative ergriffen habe, sei eine "perfekte Reaktion" gewesen, so Hess.

"Auf Krawall gebürstet"

Frank Ostholt hatte dann noch einen Wortwechsel mit einem Tierarzt an der Strecke, weil er entgegen der Anweisung des Veterinärs nicht im Schritt, sondern im Trab Richtung Ziel geritten sei – nach Meinung der meisten Beteiligten und des Reiters die richtige Entscheidung, weil sich der völlig unversehrte, aber erschöpfte Air Jordan auf dieser Strecke optimal wieder erholen konnte. Dies war auch nicht der Grund dafür, dass Frank Ostholt dann vor die Grand Jury zitiert wurde. Allerdings dürfte der Vorfall im Abschlussbericht des Technischen Delegierten Mike Tucker auftauchen. Dieser sei bei der Jury-Anhörung regelrecht gegen ihn "auf Krawall gebürstet" gewesen und habe ihm sehr deutliche Vorhaltungen wegen des Trabens ins Ziel gemacht. Doch Chefrichter Hess bezeichnete diesen Sachverhalt nicht als Auslöser für die Verwarnung ("ein Nebenkriegsschauplatz").

"Nicht mehr einsatzfähig"

Nach einer Anhörung und Diskussion erhielt Ostholt eine "mündliche Verwarnung", weil er ein zweites Mal angeritten sei, obwohl er hätte erkennen müssen, dass Air Jordan da schon "kräftemäßig nicht mehr einsatzfähig und völlig unmotiviert" war. Christoph Hess wörtlich: "Das war in hohem Maße gefährlich, hier muss der Reiter Verantwortungsbewusstsein zeigen." Eine weitere Sanktion zieht die mündliche Verwarnung nicht nach sich. Wäre Ostholt allerdings ein drittes Mal angeritten, dann wäre dies "ein klassischer Fall für die gelbe Karte", eine offizielle Verwarnung gewesen, betonte Hess.

"Jeder für sein Tun verantwortlich"

Den (im Fall Ostholt missglückten) Test mit den gelben und roten Flaggen hält Hess, bis vor kurzer Zeit Mitglied des Eventing-Komitees der FEI, grundsätzlich für eine "vernünftige Geschichte", sofern erfahrene Vielseitigkeitsexperten als Entscheidungsträger und Beobachter fungieren. Allerdings entbinde das probeweise eingeführte Signalsystem die Reiter keinesfalls, sich gemäß dem Reglement zu verhalten. Hess: "Jeder ist auch ohne rote Fahne selbst für sein Tun verantwortlich."

"Er wird die Superleistung wieder bringen"

Tagesgespräch in Pratoni und Gegenstand einer Presseveröffentlichung war auch die Vermutung, dass sich Air Jordan durch den Ausfall in Italien quasi für den Olympia-Einsatz in Hongkong 2008 disqualifiziert habe. Doch dies wies Frank Ostholt im buschreiter-Interview von sich: Es sei viel zu früh, um jetzt über Olympia zu spekulieren. Fakt sei, das Air Jorden über die Jahre eine konstante Topleistung gezeigt habe, inzwischen "Routine wie kein anderes Pferd" aufgebaut und sich immer in phänomenaler Konstitution präsentiert habe. Ostholt: "Air Jordan wird diese Superleistung wieder bringen."

Drei Pferde für Olympia?

Der Berufsreiter hofft, dass es ihm gelingt, 2008 drei mögliche Olympia-Pferde vorweisen zu können. Neben Air Jordan wäre dies der 9-jährige Little Paint, der seine Olympia-Qualifikation bereits hat, und der 8-jährige Mr. Medicott, 5. beim CIC*** in Marbach und Sieger der Drei-Sterne-Weltcup-Qualifikation im polnischen Strzegom. Der könnte sich seine Olympia-Freigabe im September beim CCI*** im holländischen Boekelo holen. WOLF-DIETRICH NAHR/www.buschreiter.de

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