Olympische Vielseitigkeit London 2012
Medaillenanwärter reiten über die Zeitengrenze
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Es ist nicht Badminton, nicht Blenheim, nicht Burghley und nicht einmal Windsor: Die olympische Vielseitigkeit (und die anderen Reitsport-Wettbewerbe) 2012 wird nicht an einem klassischen Eventing-Austragungsort, sondern in London stadtnah auf dem Welterbe-Gelände des Greenwich Parks rund um die berühmte Sternwarte stattfinden. Dort soll zeitlich befristet für die Olympischen Spiele eine Reitsport-Infrastruktur aufgebaut werden, die danach wieder dem Erdboden gleichgemacht wird. Schon am Tag nach dem Geländeritt sollen die Hindernisse aus der Parklandschaft wieder verschwinden.
Diesen Tag sollten sich die Fans schon heute vormerken: Am 31. Juli 2012 werden in einer der reizvollsten Parklandschaften in ganz Südengland etwa 75 Paare ins olympische Cross starten, um sich mit Topleistungen für die Vergabe der Einzel- und Mannschaftsmedaillen zu empfehlen. Und schon einen Tage später rücken die Bautrupps an, um die nach historischen und typisch britischen Motiven gestalteten Hinderniselemente aus dem Park wieder zu entfernen.
Olympia-Gegner skeptisch
Offensichtlich müssen die Olympia-Organisatoren stark Rücksicht nehmen auf die Bedenken von Natürschützern und Bürgerinitiativen, die wegen der olympischen Reiterwettbewerbe im Greenwich Park mit verheerenden Zerstörungen rechnen. Die Macher versuchen die Olympia-Gegner mit dem Hinweis darauf zu beruhigen, dass das Cross in Hongkong trotz der heftigen Niederschläge schon fünf Tage danach von den Golfern wieder benutzt werden konnte.
Auch Rüdiger Schwarz war im Gespräch
Die Reiterspiele werden vom 27. Juli bis 12. August 2012 stattfinden. Im Sommer 2011 ist analog zu Hongkong ein Testevent geplant. Die Course Designerin Sue Benson erhielt den Zuschlag für die große Aufgabe bereits 2006. Konkurrenten um den dem prestigeträchtigen Job waren übrigens Pierre Michelet, Derek di Garzia und der Aachen-Designer Rüdiger Schwarz. Sue Benson zeigte sich übrigens in einem Interview offen enttäuscht darüber, dass ihr keiner der Course-Designer-Kollegen zu dem olympischen Auftrag gratuliert hatte. Sie war bereits mehrmals im Greenwich Park und hat quasi den Geist des Areals in sich aufgenommen. Der natürlich unsichtbare Meridian in Greenwich hat Sue Benson bewogen, das Thema "Zeit" bei der Gestaltung der Hindernisse aufzugreifen: So soll es für jede teilnehmende Nation eine in die Elemente integrierte Uhr mit der "local time" des jeweiligen Landes geben – zweifellos eine reizvolle Idee. Außerdem soll es Themen-Sprünge geben, die die maritime Geschichte der Region und denkwürdige Wahrzeichen Londons wie den Big Ben zitieren werden.
Doppelte Infrastruktur verworfen
Wegen des hohen ökologischen und auch archäologischen Wertes des Geländes gab es offenbar auch Vorschläge, wenn schon nicht den Reitsport insgesamt, so doch den Geländeritt irgendwo hin auszulagern. Aber dies hätte eine doppelte Infrastruktur für Pferd, Reiter, Offizielle und Betreuer bedeutet. Und diesen hohen organisatorischen und finanziellen Aufwand wollten weder die Veranstalter noch die FEI betreiben.
Im Norden des Parks soll übrigens ein Reitstadion für 23 000 Zuschauer entstehen, das nach den Spielen ebenso wieder verschwinden wird.
Neue Publikumsschichten?
Es gibt bei der ganzen Konzeption eine sehr idealistische Grundidee: Dass es möglich sei, durch die Nähe zum großstädtischen Zentrum ganz neue Publikumsschichten an den Sport heranzuführen.
Bleibt erst einmal zu hoffen, dass die olympische Reiterei 2012 nicht noch irgendwelchen sportpolitisch-diplomatischen Querschüssen zum Opfer fällt. Im Herbst 2008 war es ausgerechnet die FEI-Präsidentin Prinzessin Haya bint al Hussein gewesen, die in einem Interview mit dem englischen Magazin "Horse and Hound" die olympischen Reiterspiele in Frage gestellt hatte: "Die FEI muss bereits gewaltig kämpfen, um 2012 noch dabei zu sein. Jeder, der glaubt, Pferdesport in London sei gesichert, der irrt." Sagte die vormalige Springreiterin, die auch noch selbst IOC-Mitglied ist. Sodann holte die FEI-Präsidentin zum Schlag gegen den Dressursport aus: "Die Popularität der Dressur ist ungewöhnlich gering, es gibt Klagen über das Richten und die Zusammensetzung des Richtergremiums."
"Nicht sehr professionell"
Auch die Vielseitigkeit bekam zu hören, was die FEI-Chefin von der Disziplin hält. Da gebe es "Sorgen bezüglich der Sicherheit". "Es kann keiner sagen, was sie da geritten hat, das war nicht sehr professionell", kritisierte der deutsche FN-Generalsekretär Hanfried Haring die königlichen Äußerungen. Es gibt Vermutungen, dass Prinzessin Haya unter dem erheblichen Druck des arabischen Lagers steht, das sich seit Jahren um die Aufnahme des Distanzreitens als olympische Disziplin bemüht.
IOC dementiert
Jedenfalls hat im Herbst das IOC eilig die Unkenrufe dementiert. Der Pferdesport sei unumstößlich Teil des olympischen Programms 2012 in London, versicherte eine Sprecherin der Internationalen Olympischen Komitees.
Olympia 2012
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