Interview Bundestrainer Hans Melzer
In Luhmühlen 2011 werden die Weichen für Olympia gestellt
Bundestrainer Hans Melzer erhofft sich einen Zuschlag für die EM 2011 in Luhmühlen. Die deutschen Vielseitigkeitsreiter dürften dann im eigenen Land ein doppeltes Starterfeld einsetzen – für Melzer ein deutlicher Vorteil ein Jahr vor Olympia in London. Das exklusive buschreiter-Interview hier im Wortlaut.
buschreiter.de: Waren Sie sich vor Hongkong relativ sicher, dass die Einzel- und Mannschaftsreiter so erfolgreich sein würden bei Olympia?
Hans Melzer:Wir wussten, dass wir ein unheimlich ausgeglichenes Team haben. Darauf haben wir auch gebaut. Sie sind alle leistungsmäßig sehr dicht beieinander. Und das macht ein Team auch stark. Wir waren uns sicher, dass diese Geschlossenheit der Mannschaft da ist. Dass dann in Hongkong jeder besser geritten ist als je zuvor – das war das i-Tüpfelchen. Das gilt für die Dressurleistung genauso wie für die Fitness der Pferde.
buschreiter.de: Wie erreicht man diesen Teamgeist? Das war ja über die Jahre mit wechselnder Besetzung nicht immer so.
Hans Melzer: Ausschlaggebend war nach wie vor Athen. Dieses Erlebnis hat diese Truppe zusammengeschmiedet, auch wenn da neue dazugekommen sind. Wir hatten das Trainingslager in Rodderberg, wir haben auch die Zeit in der Quarantäne in Warendorf genutzt, und auch die Zeit in Hongkong hat uns unheimlich zusammengschmiedet. Wir haben in 14 Tagen viel zusammen unternommen. Das war enorm. Die Zeit, die wir zusammen hatten, die war sehr wichtig. In den Trainingslagern hatte ja jeder nur ein oder zwei Pferde mit. Wir hatten deshalb Zeit, etwas zusammen zu machen, nicht nur zu reiten.
buschreiter.de: Kann der Bundestrainer jetzt den olympischen Erfolg genießen oder ist am Ende der Saison alles so kurzatmig, dass ein Termin den anderen jagt?
Hans Melzer: Man genießt das in jedem Fall. Wir haben ja noch ein bißchen was auf dem Kalender: Weltmeisterschaft der Jungen Pferde, wir haben Pau. Man fährt da schon gerne hin, weil wir in diesem Jahr das große Championat gewonnen haben.
buschreiter.de: Welche Höhepunkte sehen Sie jetzt noch?
Hans Melzer: Das Weltcup-Finale war für mich schon ein Höhepunkt, weil mit den Pferden von Kai Rüder und Michael Jung zwei jüngere Pferde im Einsatz hatten. Die haben das Potenzial, auch einmal ein Championat zu gehen. Boekelo war ein anderer Höhepunkt, weil das Turnier immer Championatscharakter hat.
buschreiter.de: Diejenigen, die aus Hongkong Gold mitgebracht haben, sind zum Teil schon seit Jahren dabei. Aber es geht ja weiter. Es wird bereits über London und über die Weltreiterspiele in den USA gesprochen. Gibt es weitere Reiter und Pferde, die so viel Potenzial haben, dass sie für internationale Championate in den nächsten vier Jahren in Frage kommen?
Hans Melzer: Wir sind froh, dass immer wieder welche nachkommen. Wir haben in diesem Jahr Kai-Steffen Meier gehabt, der drei Sterne kurz gewonnen hat und der in Luhmühlen platziert war. Mit dem sehr sicheren Pferd hat er eine Chance. Michael Jung, Kai Rüder mit einem sehr guten 9-jährigen Pferd, Simone Deitermann. Da kommt einiges nach. Bettina Hoy hat mit Lanfranco TSF ein Pferd, das schon im Zwei-Sterne-Bereich sehr gut geht. Wir haben Janet Wiesner mit Libero. Das, was nachkommt, hat Qualität. Das sind Pferde, die die zweite Saison drei Sterne gehen und im nächsten Jahr vielleicht schon vier Sterne gehen können. Das bleibt nach wie vor unsere Messlatte. Wir werden nicht davon abgehen: Über vier Sterne reiten die ihre Sichtungen, die zum Championat wollen. Dass dann Pferde wie Marius oder Ringwood Cockatoo nicht mehr zu jeder Sichtung müssen, das ist dann auch verständlich. Dieser Weg hat uns erfolgreich gemacht. Warum sollen wir das ändern, wenn wir damit erfolgreich waren.
buschreiter.de: Es ist in diesem Jahr und in Hongkong sehr gut gelaufen. Man kann alles noch etwas besser machen. Gibt es eine Lektion, die Sie bei der Vorbereitung, bei der Sichtung gelernt haben?
Hans Melzer: Auf jeden Fall kann man immer etwas optimieren. In Hongkong war einfach das ganze Paket super. Wir hatten eine tolle Vorbereitung, waren im letzten Jahr da, wussten, was da passiert. Wir haben uns auch nicht nervös machen lassen in Hongkong, als die anderen Nationen noch stark Konditionstraining gemacht haben. Was kann noch besser werden? In Hongkong gingen vier von fünf Pferden eine bessere Dressur als jemals zuvor. Da ist auch noch Potenzial. Drei von fünf Pferden haben einen Abwurf gehabt. Wir können auch fünf Nullrunden reiten. Das sind Ziele, die man einfach haben muss. Das sind immer nur kleine Mosaiksteinchen. Mit Sicherheit kann man sich damit nicht zufriedengeben. Wir haben im nächsten Jahr andere Ziele. Da ist Europameisterschaft. Wir fahren im nächsten Jahr nach Kentucky mit vier Pferden. Wir testen für 2010. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, wenn man ein Jahr vorher da gewesen ist. Wie ist die Infrastruktur da? Wie überstehen die Pferde den Transport? Wie ist das Geländeprofil? Man muss für die guten Championate einfach optimal vorbereitet sein.
buschreiter.de: Also es gelingt dem Bundestrainer, trotz Doppelgold die Spannung aufrechtzuerhalten?
Hans Melzer: Sicherlich, man guckt ja schon nach London. Das ist das nächste Highlight. Eigentlich haben wir bei der Europameisterschaft noch eine Rechnung offen: Da haben wir noch nie das Potenzial ausschöpfen können, das wir eigentlich haben. Die Weltreiterspiele in Lexington sind für uns als Titelverteidiger ein Höhepunkt. Wir hoffen, dass wir 2011 in Luhmühlen die EM kriegen. Das wäre für uns ganz wichtig: Championat ein Jahr vor Olympia mit dem doppelten Starterfeld. Wir wären sehr froh, wenn wir mit zwölf Championatsreitern ins Olympiajahr gehen könnten.
Interview: Wolf-Dietrich Nahr/buschreiter.de
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