Interview mit Bundestrainer Hans Melzer
Marius und Mr. Medicott kommen zurück
Nach einem Kaderlehrgang und diversen Visiten bei den Top-Reitern sortieren die Bundestrainer Hans Melzer und Christopher Bartle schon einmal im Kopf den Pool der Paare, die Chancen auf eine Teilnahme an den Weltreiterspielen in Kentucky haben. Laut Melzer ist mit dem Doppelolympiasieger Hinrich Romeike und Marius Voigt-Logistik sowie Frank Ostholts Mr. Medicott nach ihren verletzungsbedingten Pausen in der Saison 2010 zu rechnen. Nach dem etwas ernüchtenden Fontainebleau-Erlebnis hat Hans Melzer das oberste WM-Ziel formuliert: Die Verteidigung des Mannschaftstitels. Im Rückblick auf die EM 2009 kann man zwischen den Zeilen auch eine leise Kritik des Bundestrainers herauslesen: "Vier Spitzenpaare ergeben zusammen nicht automatisch den Mannschaftstitel."
Das Interview, das Uta Helkenberg von FN-aktuell führte, im Wortlaut:
Herr Melzer, die Saison 2010 wird spannend für unsere Vielseitigkeitsreiter. Ende September finden in Lexington im US-Staat Kentucky die Weltmeisterschaften statt. Die Vorbereitungen haben begonnen. Konnten Sie sich schon ein Bild darüber machen, wie Ihre Reiter ‚durch den Winter gekommen’ sind.
Hans Melzer: Mein Kollege Chris Bartle und ich haben in den letzten Wochen etliche Reiter zuhause beim Training besucht. Und es gab auch schon einen ersten Kaderlehrgang am Bundesleistungszentrum in Warendorf. Mein Eindruck: Alle Reiter und Pferde sind gut in Schuss, es gibt glücklicherweise keine Ausfälle. Im Gegenteil. Wie es aussieht, können wir in diesem Jahr auch wieder mit dem Doppelolympiasieger Hinrich Romeike und seinem Schimmel Marius rechnen. Und auch Mr. Medicott, das Pferd seines Teamkollegen Frank Ostholt ist wieder im Training und macht einen guten Eindruck. Beide Pferde hatten ja nach den Olympischen Spielen ein Jahr Pause. Ihr erster großer Einsatz wird jetzt in Saumur/Frankreich sein (20. bis 23. Mai). Beide Pferde gehen in diesem Jahr keine Vier-Sterne-Prüfung, brauchen aber das CCI***-Ergebnis als Qualifikation.
Wie sieht die Saisonplanung generell aus?
Hans Melzer: Das haben wir in den letzten Jahren immer ganz individuell mit jedem Paar abgesprochen. Den für alle einheitlichen Sichtungsweg haben wir schon vor ein paar Jahren abgeschafft – mit dem bekannten Erfolg. Für alle verbindlich ist lediglich die letzte Formüberprüfung im Rahmen der Deutschen Meisterschaft in Schenefeld (26. bis 29. August). Danach entscheidet sich endgültig, wer nach Kentucky fliegt.
Welche Höhepunkte auf dem Weg nach Kentucky gibt es?
Hans Melzer: Wichtig sind natürlich alle Drei-Sterne- und vor allem Vier-Sterne-Prüfungen. Das erste für uns wichtige Vier-Sterne-Turnier in diesem Jahr findet vom 30. April bis 3. Mai in Badminton statt, vorausgesetzt unsere Reiter können sich bei den aktuellen Wetterbedingungen überhaupt optimal vorbereiten. Das Zweite ist das CCI**** Luhmühlen vom 17. bis 20. Juni. Danach stellen wir dann die Longlist für die WM auf. Wichtige Stationen in Deutschland sind außerdem das Weltcupturnier in Marbach, das CIC*** Wiesbaden und das Nationenpreisturnier beim CHIO Aachen, zu dem wir wieder zehn Paare entsenden dürfen.
Die deutsche Mannschaft reist als Titelverteidiger und Olympiasieger nach Kentucky. Im vergangenen Jahr bei den Europameisterschaften in Frankreich ging aber fast alles schief, sieht man von der Bronzemedaille von Michael Jung ab. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Hans Melzer: Frankreich war wirklich eine Enttäuschung. Das Ergebnis sagt aber nichts über die Qualität unserer Paare aus. Im Gegenteil. Wir wurden lediglich belehrt, dass vier Spitzenpaare zusammen nicht automatisch auch einen Mannschafts-Titel ergeben. Dieser ist aber unser oberstes Ziel und wird in Kentucky daher voll im Mittelpunkt stehen.
Inzwischen haben die meisten EM-Teilnehmer ja auch den Beweis angetreten, dass Fontainebleau nur ein Ausrutscher war. Andreas Dibowski war mit FRH Butts Leon im Oktober 2009 Zweiter beim CCI**** Pau, Dirk Schrade und Gadget de la Cere waren beim CCI*** Boekelo und Kai-Steffen Meier mit Karascada M beim CCI*** Cameri platziert. Dibo und Dirk wollen jetzt auch mit ihren Championatspferden nach Badminton.
Ingrid Klimke, die im März ihr zweites Kind erwartet, plant den Start beim CCI**** Luhmühlen. Wir waren gerade bei ihr in Münster. Dank ihrer langjährigen Pferdepflegerin Carmen Thiemann und einer amerikanischen Schülerin sind auch ihre Pferde trotz Schwangerschaft für die Saison einsatzbereit und gut in Schuss. Das einzige EM-Pferd, für das keine Pläne in Richtung Kentucky gemacht werden, ist Air Jordan von Frank Ostholt. Er soll nur noch in Kurzprüfungen starten. Sein Saisonziel ist das Weltcupfinale in Pau.
Wen außer den genannten Paaren haben Sie noch auf Ihrer Kandidaten-Liste für Kentucky stehen?
Hans Melzer: Im Herbst haben wir den Championatskader benannt, haben aber auch im B-Kader noch ein, zwei Asse im Ärmel. Zum Championatskader, also dem harten Kern der WM-Kandidaten, gehören neben den vorher bereits aufgeführten Paaren natürlich Michael Jung mit FBW La Biosthetique Sam sowie der aktuelle Pau-Sieger King Artus von Dirk Schrade. Beide Paare werden in diesem Jahr nur in Kurzprüfungen starten. Ebenfalls im Championatskader ist auch Mannschafts-Olympiasieger Peter Thomsen. Es tut mir sehr leid, dass er sein Olympiapferd The Ghost of Hamish verloren hat. Der Fuchs machte beim Lehrgang in Warendorf einen sehr guten Eindruck. Zum Glück hat Peter mit Parko noch ein weiteres Vier-Sterne-Pferd im Stall.
Weiterhin im Championatskader sind das routinierte Vier-Sterne-Paar Anna Warnecke und Twinkle Bee, das ja 2005 schon einmal die deutsche Mannschaft bei den EM verstärkt hat, sowie Kai Rüder. Auch er besitzt Championatserfahrung und hat neben Leprince des Bois jetzt auch den ehemaligen Weltmeister der jungen Vielseitigkeitspferde, Libero, unter dem Sattel. Leprince de Bois wird in Badminton gehen. Libero soll in Luhmühlen seine erste Vier-Sterne-Prüfung bestreiten, wie übrigens auch FRH Fantasia von Andreas Dibowski, die durchaus auch für Kentucky in Frage kommt: Man sieht: Wir haben einen Pool aus bewährten Championatsreitern und Toppferden. Die Saison wird zeigen, wer am Ende mitkommt.
Ihre Meinung zum Thema?
|