Buschreiter aktuell: Aktive als Richter/Fall Dr. Norbert Kriegisch
Modellvorhaben wird zum Flop
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Landauf, landab beklagen sich Veranstalter über den Mangel an qualifizierten Richtern in der Vielseitigkeit. Deshalb geistert seit Jahren die Vision durch die Szene, erfahrene Eventer quasi aus dem Sattel auf den Richterstuhl zu hieven. Es existiert wirklich, das Modell einer kompakten Richterausbildung für ausgeweisene Vielseitigkeitsreiter. Halt, es muss richtig heißen: Existierte. Die von der FN ins Leben gerufene "Sondermaßnahme" stieß auf wenig Resonanz zur Enttäuschung der Verantwortlichen bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung ein regelrechter Flop (Fotos Julia Rau, 2, Wolf-Dietrich Nahr, 2). Ihre Meinung zu dem Thema? Eingegangene Zuschriften

"Wir haben einen Riesenaufwand betrieben, und ausgegangen ist das wie das Hornberger Schießen. So ist das unbefriedigend, das werden wir in absehbarer Zeit nicht mehr anbieten", machte Christoph Hess, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung, im exklusiven buschreiter-Interview aus seiner Enttäuschung über die mangelnde Resonanz kein Hehl. Nach praktisch jahrelangen Vorbereitungen haben sich zu dem Blockkursus mit abschließender Prüfung vom 20. bis 24. Februar in Warendorf ganze acht Bewerber für das VL-Richteramt angemeldet. Die Offiziellen in der Bundeshauptstadt der Reiterei hatten sehr zutreffend erkannt, dass es bundesweit einen echten Mangel an Turnierfachleuten für die Vielseitigkeit gibt. Das Defizit kommt nicht von ungefähr: "Vielseitigkeitsprüfungen, Geländepferdeprüfungen, Stilgeländeritte, der Aufbau von Hindernissen all das erfordert ein erhebliches zusätzliches Knowhow", sagte Diethardt Kruschke, ehemaliger Aktiver und Mitglied des DOKR-Vielseitigkeitsausschusses. Deshalb entschloss sich die FN gemeinsam mit dem Fachgremium, ältere, erfolgreiche Reiter gezielt anzusprechen und für diese Zielgruppe einen "Sonderkursus" zu kreieren. Nach einschlägiger Vorbereitung in den Landesverbänden sollten die Eventer-Richter in
Warendorf vor der Extraprüfung nochmals blockbeschult werden. Kruschke im buschreiter-Interview: "Wir wollten den Bewerbern die jahrelange Ochsentour ersparen." Zu diesem Zweck hat die FN alle deutschen Landeskommissionen schon 2004 angeschrieben und ihnen eine Liste mit über 70 potenziellen Kandidaten geschickt, zumeist Jockeys, die irgendwann Kadern angehört haben und/oder im großen Sport erfolgreich unterwegs gewesen sind. "Leider hat sich nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz angemeldet", bedauert FN-Ausbildungschef Christoph Hess. Weil sich dies schon 2005 abgezeichnet hatte, wurde die Sondermaßnahme vom Herbst 2005 auf den Februar 2006 verschoben. Allerdings offerierte die FN bereits im Juli 2005 wieder per Rundschreiben an die Landesverbände ein zweitägiges Vorbereitungsseminar für den Oktober.
Ein ganz anderer Grund
Trotz des intensiven Werbens blieb die Resonanz letztlich mau. Mangelndes Interesse an einer Offiziellen-Funktion, andere berufliche oder private Interessen, bereits bestehende Auslastung als Trainer, Züchter, Course Designer, reiterliche Ambitionen: Die möglichen Gründe für die Abstinenz der Zielpersonen können vielfältig sein. In einem Fall lässt sich nun so die Recherchen von buschreiter.de auch noch ein ganz anderer Grund nachweisen: Eine Landeskommission die im Freistaat Bayern hat es schlicht unterlassen, die Warendorfer Sondermaßnahme angemessen bekannt zu machen. Wilfried Herkommer, in Personalunion Geschäftsführer der bayerischen Landeskommission und des Bayerischen Reit- und Fahrverbandes, versicherte auf Anfrage von buschreiter.de zwar, man stehe im Freistaat der "Sondermaßnahme nicht kritisch" gegenüber; man wolle interessierte "erfolgreiche Reiter nicht ausbremsen". Gleichzeitig
räumte er aber auch ein, dass der Verband in Bayern das FN-Vorhaben bei den Reitern nicht per Rundschreiben bekannt gemacht habe. "Es gab keine Aktion, eher Flüsterpropaganda, jedenfalls haben wir nirgendwo ein Geheimnis daraus gemacht", sagte Herkommer. Tatsache ist, dass mehrere
befragte bayerische Spitzeneventer, wahrscheinlich die meisten, nichts von der Richtersonderprüfung wussten. Dies galt auch für Dr. Norbert Kriegisch (im Bild mit Schnelle Socke 2002 in Kreuth), obwohl er eigentlich genau ins Raster der FN passt: Ausbilder und Reiter von fünf S-erfolgreichen Vielseitigkeitspferden, seit 24 Jahren im internationalen Sport unterwegs, Deutscher Mannschaftsmeister von 1991 (in Luhmühlen), 1993 Ersatzmann für die EM in Achselschwang, Vater-Trainer der EM-Junioren-Reiterin Marie Kriegisch. Dabei hatte Norbert Kriegisch, im Hauptberuf niedergelassener Arzt in München, genau das Reiter-Richter-Modell selbst immer wieder in Gesprächen mit Offiziellen vorgeschlagen.
Kurz vor Torschluss
Deshalb bemühte sich der Alt-Internationale intensiv um eine Teilnahme an dem Warendorfer Sonderkurs, nachdem er kurz vor Torschluss eher zufällig davon erfahren hatte zumal er in Bayern bereits erfolgreich die Nachwuchsrichterprüfung abgelegt hat und auf der Nachwuchsrichterliste stand. Hinzu kam, dass Kriegisch als Veranstalter der Oberbayerischen Mannschaftsmeisterschaften 2006 in Griesenbach aktuell den Mangel an Richter zu spüren bekam. Doch die Landeskommission gab den Ambitionen einen Dämpfer: Lehrgangsteilnahme ja, Sonderprüfung in Warendorf nein, lautete der Bescheid. Enttäuscht wählte Norbert Kriegisch einen anderen Weg: Er folgte einer ausdrücklichen Aufforderung aus den neuen Bundesländern, trat in Mecklenburg in einen Verein ein und ließ sich von der dortigen Landeskommission in Warendorf anmelden. Das wiederum löste einen wütenden Brief des obersten bayerischen Reitsport-Funktionärs Herkommer an die ostdeutschen Kollegen aus: Von einem "nicht hinnehmbaren Vorgang" und der "Einmischung in die bayerischen Angelegenheiten" war darin ebenso die Rede wie vom "Wohnsitzprinzip". Sprich: Nur wenn der selbstständige Mediziner (die haben bekanntlich an ihrem Berufsort Residenzpflicht) auch melderechtlich nach Mecklenburg umziehe, würde er als
Nachwuchsrichter dorthin "überwiesen". Den Wechsel Kriegischs in einen anderen Landesverband bezeichnete Herkommer in dem Schreiben als "krumme Tour". Auch der FN-Ausbildungschef Hess war von dem reitsportlichen Umzug des Münchners auf dem Papier nicht begeistert: "Ein blöder Weg, eine schlechte Lösung." Doch der Betroffene weist den Vorwurf der Trickserei weit von sich: "Ich wollte keine Konfrontation, sondern ein Zeichen dagegen setzen, dass wir in Bayern nicht über das Vorhaben benachrichtigt worden sind." In diesem Punkt gibt Katharina Wüst, Richerreferentin der bayerischen Landeskommission, Norbert Kriegisch recht: "Der Initialfehler, die Nichtweitergabe, lag bei der Landeskommission", sagte sie im buschreiter-Interview.
"Warum nicht mehr Kulanz?"
"Aber ich frage mich schon, warum man nicht mehr Kulanz hat walten lassen", so die freistaatliche Chefrichterin. Der Verbandsobere Herkommer pochte aber bis zum Schluss darauf, dass Kriegisch "ohne praktische Vorbereitung", ohne Assistenzeinsätze am Richtertisch die Richtergrundprüfung nicht ablegen dürfe. Der Funktionär war auch davon ungerührt, dass Kriegisch zuvor noch mit Herkommers ausdrücklicher Erlaubnis bei einem Nachwuchsrichterseminar in München/Riem hospitiert hatte. Dass Bayern vor einem Richterauftritt formal auf Assistenzeinsätzen des Bewerbers besteht, ist aus Sicht des FN-Ausbildungschefs Hess nicht zu beanstanden. Nur: "Der Sonderweg soll ein Sonderweg bleiben, ich will Richter gewinnen und nicht verprellen", sagte er im buschreiter-Interview.
Das Ende der Geschichte: Kriegisch schloss für eine Woche seine Arztpraxis, fuhr voller Optimismus nach Warendorf und warf nach zwei Tagen Lehrgang entnervt das Handtuch, weil er nach den ganzen Querelen kein großes Wohlwollen mehr verspürte. Wieder ein versierter Vielseitigkeits-Horseman, der mit seiner Erfahrung nicht als Offizieller für mehr Qualität im Sport sorgen wird: "Ich mache nichts mehr mit Richterei, ich ziehe einen Schlussstrich." Ihre Meinung zu dem Thema? Eingegangene Zuschriften
Buschreiter-Übersicht
© Verlag Nahr, D-93059 Regensburg/Germany, Wöhrdstr. 49
Werben in buschreiter.de?E-Mail
verlag-nahr@buschreiter.de