Buschreiter.de aktuell: CCI*** Kreuth
Tragische Unglücksfälle
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Das war der schwärzeste Tag des deutschen Vielseitigkeitssportes seit langer Zeit: Beim Drei-Sterne-CCI im bayerischen Kreuth waren zwei tote Pferde zu beklagen. Vermutlich an einem Aorta-Abriss starb während der Geländeprüfung Bettina Hoys WM-Pferd von 2002,Woodsides Ashby (Foto Julia Rau). Erica Watsons Serving Time wurde nach einem Beinbruch eingeschläfert.
Die Kreuther Turnierleitung veröffentlichte am Samstag abend folgende Pressemitteilung, die buschreiter.de im Wortlaut dokumentiert: "Mit großer Betroffenheit geben wir zwei bedauerliche Zwischenfälle bekannt. Sie ereigneten sich am 1.10.2005 in der Vielseitigkeitsprüfung in Kreuth/Bayern. Das Pferd "Woodsides Ashby" (Reiterin Bettina Hoy) erlitt einen Aorten-Abriss vor Hindernis 24. Der Tierarzt, der sofort zur Stelle war, konnte nur noch den Tod des Pferdes feststellen. Der zweite Unfall passierte, als das Pferd "Serving Time" an Sprung 8 vorbeilief. Dabei fiel die Reiterin Erica Watson (GB) herunter. Beim Vorbeilaufen erlitt das Pferd eine Spiralfraktur des linken Unterarmes. Auf Wunsch der Reiterin und auf Grund der schlechten Prognosen wurde das Pferd an Ort und Stelle eingeschläfert." Soweit die Stellungnahme der Kreuther Turnierleitung.
Es ist ganz so, als denke sich das Schicksal immer neue Schläge für eine der weltbesten Vielseitigkeitsamazonen aus. Bettina Hoy hatte wie so oft eine überragende Vorstellung im Viereck gegeben und war als Dressursiegerin am Samstag mit Woodsides Ashby, dem 1992 in England geborenen Schimmelwallach, ins Cross gestartet. Zwei Wochen zuvor beim WM-Testturnier in Aachen hatte das Paar eine hervorragende Leistung abgeliefert. Die Reiterin hatte in der Soers angekündigt, dass der Schimmel das Pferd der Wahl für die Weltreiterspiele 2006
sein würde. Zu Beginn der 5190 Meter langen CCI***-Strecke in Kreuth war dem Pferd überhaupt nichts anzumerken. Routiniert, harmonisch und sehr dynamisch pilotierte Bettina Hoy Woodsides Ashby über das erste Drittel des Cross. Am mächtigen Tiefsprung Nummer 13 zögerte der Schimmel kurz, sprang dann aber problemlos in die Tiefe um an der folgenden Tripple-Hecke, ein schmales Element auf gebogener Linie stehend, vorbeizulaufen. Das Paar setzte den Geländeritt fort. Am Einsprung des Coffin (Nr. 24) passierte es dann: Woodsides Ashby rutschte nach Angaben von Zeugen mit den Vorderfüßen unter den Steilsprung; weil es dem Pferd zunächst nicht gelang, sich aus der Stellung durch einen Schritt zurück wieder zu befreien, sprang Bettina Hoy vom Pferd. Woodsides Ashby verharrte zitternd, fiel zur Seite und war nach Angaben von Turnierleiter Bruno Six sofort tot. Als vermutliche Todesursache stellte die FEI-Veterinärdelegierte Dr. Annette Wyrwoll einen Aorten-Abriss bei dem Schimmel fest. Dabei platzt das kinderarmdicke Gefäß dort, wo es aus dem Herz kommend in einem Bogen verläuft. "Das ist eine Art Konstruktionsfehler beim Pferd", erklärte Dr. Wyrwoll in einem Pressegespräch. Die Ursache für den tödlichen Gefäßriss ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Aortenabrisse sind alles andere als vielseitigkeitstypisch: Es sind Dressur-, Spring- und Freizeitpferde gleichermaßen betroffen. Überliefert sind sogar Fälle, in denen Pferde auf der Koppel ohne besondere körperliche Belastung tot umgefallen sind. Die
Nachricht vom plötzlichen Tod des Weltklassepferdes verbreitete sich auf dem Turnierplatz und löste bei Reitern, Betreuern, Trainern und Zuschauern große Betroffenheit aus. Obwohl die Prüfung gestoppt wurde, sah Sprecher Berndt von dem Kneesebeck davon ab, das Publikum über den Grund für die Unterbrechung zu informieren. Dies wiederholte sich später bei dem zweiten Vorfall. Dabei zog sich Serving Time den Unterarm-Bruch nach der Verweigerung an dem Eckenelement (Nr. 8) zu, ohne mit dem Hindernismaterial in Berührung gekommen zu sein. Erica Watson bat angesichts der Schwere der Verletzung darum, dass Serving Time an Ort und Stelle eingeschläfert wird. Erica Watson war mit dem Pferd auch deshalb eng verbunden, weil sie es selbst gezogen und ausgebildet hat. Der Technische Delegierte Andy Griffiths unterstrich vor Medienvertretern, dass der "tragische Unfall" in keiner Weise dem Veranstalter angelastet werden dürfe: Organisation und Bodenverhältnisse seien "perfekt" gewesen. Der "sehr faire Drei-Sterne-Kurs" habe sich auch durch überaus freundliche Alternativsprünge ausgezeichnet, sagte Griffiths. Rüdiger Schwarz' Cross mit den 29 Hinderniskomplexen sei ein "sehr guter Kurs", so der TD. Auch nach Ansicht von Turnierleiter Bruno Six sei die Ursache für die Unglücksfälle weder in den Bodenverhältnissen noch im Hindernisaufbau oder im Wetter zu finden. Der Veranstalter sei durch die Vorhersagen auf Regen vorbereitet gewesen (ab Mittag gab es in Kreuth Dauerniederschlag) und habe sich beim Präparieren des Bodens darauf eingestellt. Six zitierte den Overnight Leader Andrew Hoy (mit Yeoman's Point, Bild oben; Foto Nahr), der das Cross als "gelungen" bezeichnet habe. Die Aktiven hätten vorher keine einzige Änderung an Hindernissen gefordert, betonte Six. Seit dieser Saison gibt es bei internationalen
Prüfungen ein formalisiertes Einspruchsrecht, falls Reiter mit Details des Sprünge nicht einverstanden sind. Bruno Six erinnerte aber auch daran, dass das CCI*** als Qualifikation für die Weltreiterspiele zu verstehen gewesen sei. "Rüdiger Schwarz hat hier alles abgefragt, was er auch in Aachen abfragen wird." Gleichzeitig räumte der Kreuther Cheforganisator ein, dass die Geländeteilprüfung sehr "selektiv" gewesen sei. Nach den vorläufigen Zwischenergebnissen sind von den 64 Startern nach dem Cross noch 45 in der Wertung. In mindestens sechs Fällen gab es Stürze von Pferd und/oder Reiter zu dokumentieren. Acht Paare schieden im Gelände aus, sechs weitere gaben auf. Bei den 45 Paaren in der Wertung waren nicht weniger als 22 Verweigerungen zu registrieren. Bezeichnend, dass in dem Weltklassefeld Reiter mit viel Drei- und Vier-Sterne-Erfahrung wie Andrew Hoy, Dirk Schrade, Mary King (im Bild mit Appache Sauce, Foto Nahr), Inken Johannsen, Anna Hilton, Stefanie Thompson (im Bild mit Jackois Delight, Foto Nahr), Elmar Lesch, Andreas Dibowski und Europameisterin Zara Phillips mit der Strecke keinerlei Probleme hatten. Dabei wirkte der Schwarz-Kurs bei der ersten Augenscheinnahme gemessen an anderen Geländestrecken im Drei-Sterne-Bereich fast harmlos. Dies dürfte auch das Problem gewesen sein: "Einige Reiter haben die Strecke einfach unterschätzt, die Diskussion war ja: Reiten zehn oder 15 in die Zeit", sagte Bruno Six. Die Ground Jury reagierte nach einigen "schlechten Bildern" an Sprung 6 und nahm diesen aus Sicherheitsgründen wegen der Bodenverhältnisse an der Absprungstelle aus der Wertung. Geländeergebnisse CCI***
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