Porträt Julia Krajewski
"Wir kochen alle nur mit Wasser"
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Sie steht an der Schwelle zur Profi-Vielseitigkeitsreiterin, aber Julia Krajewski (19), Mitglied der zweiten Generation der Warendorfer Perspektivgruppe, steigt nicht mit der überheblichen Favoriten-Attitüde in den Sattel. Vor der Deutschen Meisterschaft in Hohenberg-Krusemark saß die junge Amazone schon gar nicht auf dem hohen Ross.
Julias Mutter Christina Krajewski hatte nicht im Traum daran gedacht, bei der Fahrt zur Deutschen Meisterschaft vielleicht irgendwo gut versteckt eine Flasche Sekt zu verstauen. "Wir waren zum achten Mal bei einer Deutschen Meisterschaft und es gab noch nie eine Medaille", sagte Christina Krajewski einen Tag nach dem Titelgewinn im buschreiter-Interview. "Irgendwas war immer", so die neue Deutsche Meisterin der Jungen Reiter nach dem ersten Gewinn eines nationalen Championates. Regelmäßig stand Julia Krajewski mit einem Pony oder mit einem Großpferd beim Junioren-Championat in der Startbox. Jedesmal reichte es nicht zum Treppchenplatz.
Unter 40 Punkte
Anders in Hohenberg-Krusemark:Bereits in der Dressur setzte sich Julia Krajewski vom übrigen Starterfeld ab, blieb mit Lost Prophecy als Einzige unterhalb der 40-Punkte-Marke und kam ohne Fehler durchs Gelände. Nur zuletzt fügte sie ihrem Dressurergebnis im Springen noch vier Strafpunkte für einen Abwurf hinzu. Das bedeutete einen Endstand von 43,2 Minuspunkten und damit den ersten Deutschen Meistertitel.
Dabei ist es ja nicht so, dass Julia Krajeweski bei großen Events Lampenfieber hätte: Im heimische Trophäenschrank in Nordhorn hängen vier Medaillen, errungen bei Pony-Europameisterschaften – ein Mal Einzelsilber, ein Mal Einzelgold und zwei Team-Goldmedaillen.
Leihgabe der Schwester
Nachdem sich ihr Juniorenpferd Leading Edge verletzt hat und pausiert, war es eine glückliche Fügung, dass Schwester Greta das Reiten etwas zurückgefahren hat und andere Hobby pflegt. Der jetzt 8-jährige Oldenburger Lost Prophecy (von Larioni) stand dadurch im vergangenen Jahr zur Verfügung und die Chemie stimmte sofort: Ein Zwei-Sterne-Start in Langenhagen verlief erfolgreich und im Herbst 2007 platzierte sich das Paar im CCI** in Kreuth. Dort gab es dann im Frühjahr beim CIC** ebenfalls eine Schleife. Der 3. Platz bei der VM im Rahmen des Preises der Besten und der Sieg im CCI** in Hohenberg-Krusemark waren in dieser Saison weitere Stationen.
"Den Willen für ganz oben hat er"
Rein formal hat Lost Prophecy damit sogar die Qualifikation für einen Drei-Sterne-Start, der allerdings auch für die 19-Jährige eine Premiere wäre. "Ich kann noch nicht richtig einschätzen, ob er bis ganz oben alles drin hat, aber den Willen dazu hat er. Im Gelände kämpft er immer richtig mit. Man kann sich hundertprozentig auf ihn verlassen, dann will er nur drüber." In der heimischen Box wirkt er "nicht wie ein Spitzenpferd", hat eher eine unscheinbare Ausstrahlung, meint Julia Krajewski. Dabei ist Lost Prophecy "ganz unkompliziert und nett im Umgang". Das ist daheim. Auf dem Turnierplatz allerdings zeiht er sich etwas auf – zum Glück erst dann, wenn schon alles gelaufen ist.
"Er muss noch runder werden"
Die intensive Winter-Dressurarbeit bei der Pony-Bundestrainerin Cornelia Endres hat sich offensichtlich ausgezahlt. Zum wöchentlichen Trainingsritual gehören auch die Spring- und Gymnastikstunden unter der Regie von Rüdiger Schwarz. "Dem Pferd fehlte etwas die Gymnastizierung, es musste einfach noch runder werden", so die Reiterin im buschreiter-Interview. Seit Sommer 2007 – etwas verzögert durch die Abiturprüfung – ist Julia Krajewski in Warendorf als Mitglied der Perspektivgruppe II stationiert.
Ambitionierte Amazone
Der Elite-Kader soll unter 1a-Anleitung in der Bundeshauptstadt des Reitsports auf hohem Niveau an die professionelle Existenz als Buschreiter herangeführt werden. Und Julia Krajeweski hat durchaus die Ambition, als Profi ihren Weg zu machen, wie sie im buschreiter-Gespräch versicherte. Das heißt noch lange nicht, das sich die junge erfolgsorientierte Reiterin als besonders herausgehoben oder privilegiert fühlt: "Wir kochen alle nur mit Wasser, und wer etwas erreichen will, der schafft das auch mit anderen Trainern. Für mich ist es sicherlich etwas leichter, das Training umzusetzen, aber besonders überlegen fühle ich mich nicht."
"Unkompliziert und fröhlich"
Julia Krajewskis Vorbild ist Ingrid Klimke. Und das nicht nur deshalb, weil die Olympiareiterin Dressur und Vielseitigkeit gleichzeitig auf hohem Niveau betreibt. Auch die Persönlichkeit Ingrid Klimkes als Sportlerin macht Eindruck auf Julia: "Sie kommt immer so unkompliziert und fröhlich rüber." Welche Superkracher hätte Julia Krajeweski gerne im eigenen Stall? "Ich weiß nicht, ich finde meine eigenen eigentlich ganz toll." Das ist neben Lost Prophecy und dem Rekonvaleszenten Leading Edge vor allem der 6-jährige Doctor Harriot, der bereits erste Ein-Sterne-Platzierungen hat und fürs Bundeschampionat qualifiziert ist. Hinzu kommen noch mehrere junge Pferde.
Keiner automatisch gesetzt
Doch für die kommt die Junge-Reiter-EM Ende September im bayerischen Kreuth natürlich noch zu früh. Die Deutsche Meisterin 2008 hat nach eigener Einschätzung der Ticket zur Europameisterschaft noch längst nicht in der Tasche. Hünxe und Schenefeld sind die weiteren Stationen des "recht intensiven Sichtungsweges". Als Gastgeber darf Deutschland zur EM ausnahmsweise 12 Paare entsenden, aber Bundestrainer Rüdiger Schwarz hat den Top-Reitern in Hohenberg-Krusemark eindringlich klar gemacht, dass sie sich nicht allzu sicher sein können, ohne große Anstrengung quasi automatisch für Kreuth gesetzt zu sein: Nur Paare mit guten Platzierungschancen sollen an der Europameisterschaft teilnehmen dürfen. Notfalls werde er auch weniger als 12 Reiter und Pferd zur EM schicken, hat Schwarz den Championatsaspiranten vor Augen geführt. Julia Krajewski sieht es nüchtern: "Den EM-Start hat man erst sicher in der Tasche, wenn man da ist."
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