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Zeit für Smalltalk: Ingrid Klimke setzt trotz aller sportlichen Ambitionen die Schwerpunkte etwas anders...

Porträt Ingrid Klimke

"Mehr Zeit für meine Familie und Freunde"

VON SABINE MAURER (TEXT) UND JULIA RAU (FOTOS)

Das Erste, was beim Betreten des Stalls von Ingrid Klimke auffällt, ist die riesige schwarz-rot-goldene Fahne mit der Aufschrift „Wir grüßen unsere Weltmeisterin“. Das Pferd, dem die frisch gebackene 40-Jährige - Ingrid Klimke feierte am 1. April ihren runden Geburtstag - diese Auszeichnung verdankt, steht nur wenige Meter entfernt. „Thorougbred parking only“ („Parken nur für Vollblüter“) steht auf seinem Boxenschild, schließlich ist Sleep Late – genannt Blue – ein waschechter englischer Vollblüter. Im vergangenen Sommer wurde der damals 16-Jährige von seiner Reiterin überraschend in Rente geschickt. „Ich hatte das Gefühl, dass er nicht mehr wollte“, sagte sie damals.

"Blue" rasant wie eh und je

So ganz recht scheint dem Schimmel, mit dem Ingrid Klimke beim Turnier in Badminton 2006 Zweite wurde, das nicht zu sein. Immer noch will er mit, wenn es aufs Turnier geht, und beim Galoppieren geht er es gerne rasant an. Zu rasant für Töchterchen Greta, die den Rentner eigentlich reiten sollte. Ingrid Klimke überlegt nun, ihn nicht doch lieber einem Nachwuchstalent im Busch zur Verfügung zu stellen.

Test in Marbach

Ein vierbeiniges Nachwuchstalent hat sie selbst seit kurzem im Stall stehen. Primus heißt der achtjährige Holsteiner Wallach, er wird ihr von Gerhard Fröhlich zur Verfügung gestellt (buschreiter berichtete). Seit Mitte März steht er probeweise in ihrem Stall, wie es mit ihm weitergeht, wird sich nach dem Turnier in Marbach entscheiden.

"Absoluter Glücksfall"

Von dem Schimmel schwärmt Ingrid Klimke in den höchsten Tönen. „Er ist ein absoluter Glücksfall. Solche Pferde sind eigentlich gar nicht auf dem Markt“, erzählt sie. Der Achtjährige könne „lesen und schreiben und außerdem noch unheimlich springen“. Die unangefochtene Nummer eins im Stall ist jedoch natürlich Abraxxas, genannt Braxi. Er soll Ingrid Klimkes Olympiapferd werden. Probleme mit dem anstrengenden Klima in Hongkong werde das Pferd wohl nicht haben, erzählt sie. „In Pratoni war es auch heiß, damit hatte er gar keine Schwierigkeiten.“

Mit Feuereifer dabei

Abraxxas hat immer gute Laune, das zeigt sich schon bei einem Besuch im Stall. Sofort streckt er neugierig den Kopf nach draußen, lässt sich ausgiebig streicheln und möchte scheinbar am liebsten in die Jackentasche kriechen. Auch im Training ist er mit Feuereifer dabei. Nur bei den ersten Sprüngen über Cavaletti ist er noch nicht ganz bei der Sache und kommt gegen die Stange. „Das war der Wachrüttler, den er brauchte. In Gedanken war er wohl schon wieder in seiner Box mit einem Leckerli“, kommentiert Ingrid Klimke.

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Cavaletti spielen bei der alltäglichen Arbeit von Ingrid Klimke eine große Rolle.

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Dressurpferd geht M-Springen

Die gebürtige Münsteranerin hält nichts davon, Pferde beim Springen unbedingt vor Fehlern zu behüten. Sie sollen lernen, für sich selbst Verantwortung übernehmen. Ein weiterer Grundsatz ist natürlich die vielseitige Ausbildung – und das nicht nur für die Buschpferde. Da ist zum Beispiel Dante, ein sechsjähriger Oldenburger Hengst von Diamond Hit. Eigentlich ein Dressurpferd, doch weil er ebenso gerne wie gut springt, hat er mittlerweile auch schon Platzierungen in M-Springpferdeprüfungen. Ein weiteres Beispiel ist die sechsjährige Stute Charisma von Contendro. Sie soll eigentlich für den Busch ausgebildet werden. Doch Ingrid Klimke ist sich noch nicht sicher, „ob sie nicht doch ein Springpferd werden will“. Charisma ist bereits in M-Springpferdeprüfungen platziert, im Gelände ist sie laut ihrer Reiterin „super super vorsichtig“.

Vorbildlich in die Tiefe

Zwölf Pferde stehen im Stall von Ingrid Klimke auf der Reitanlage Schulze Brüning am Ortsrand von Münster, unter ihnen zwei Rentner. Wie einst ihr Vater Reiner Klimke arbeitet sie viel mit Cavalleti. Da wird zum Beispiel im Trab über Cavalleti ablongiert, anschließend im Galopp über vier Cavaletti gesprungen. Die Abstände sind hier relativ eng, schließlich soll das Pferd seine Hinterhand trainieren. Beim Longieren sind die Pferde mit einem Dreieckszügel ausgebunden, sie laufen schön vorwärts-abwärts. Auch beim Reiten werden sie zunächst so vorbildlich in die Tiefe geritten, wie es nur noch selten zu sehen ist. „Für meine Pferde gibt es die Dehnungshaltung und die Arbeitshaltung, mehr nicht“, sagt Ingrid Klimke, die bei den Dressur-Abreiteplätzen nur ungern zuschaut. Für ihren Geschmack sind dort zu häufig zusammengeschnürte Pferde zu sehen.

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"Es gibt die Dehnungshaltung und die Arbeitshaltung, mehr nicht."

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"Weniger ist mehr"

Sie schwört auf die klassische Ausbildung. So hat sie es von ihrem Vater gelernt und im Laufe der Zeit immer mehr als richtig erkannt. Ihre beiden Leitsätze: „In der Ruhe liegt die Kraft“ und „Weniger ist mehr“. „Das muss man sich einfach jeden Tag sagen, man ist häufig zu perfektionistisch“, erzählt sie. Diese Grundeinstellung vermittelt sie auch in ihrem Unterricht und in ihren Seminaren, hier tritt sie jedoch deutlich kürzer als noch in jüngster Vergangenheit. „Ich will mehr Zeit für meine Familie und Freunde haben“, erzählt sie. Außerdem will sich Ingrid Klimke möglichst in aller Ruhe auf Olympia vorbereiten. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie im Sommer gemeinsam mit Abraxxas und Pflegerin Carmen Thiemann fünf Wochen lang unterwegs sein, es wären ihre dritten Olympischen Spiele.

Grand-Prix-Pferd auf der Rennbahn

Sie hat jedoch nicht nur Erfolge in der Buschreiterei im Visier. Zu gerne würde sie an die Zeit vor einigen Jahren anknüpfen, als sie mit Nector im Dressurviereck hoch erfolgreich war. Damals holte sie sich mehrere Platzierungen im Grand Prix und qualifizierte sich für das Weltcup-Finale, wo sie schließlich Siebte wurde. Ein Hoffnungspferd für die nähere Zukunft hat sie bereits im Stall. Der Westfale Damon Hill von Donnerhall ist nebenbei noch Deckhengst, seine Erfolgsliste ist bereits beeindruckend. So wurde der Achtjährige gleich zwei Mal Weltmeister der jungen Dressurpferde, zurzeit wird er von Ingrid Klimke in Richtung Grand Prix vorbereitet. Typisch für den Stall Klimke: Auch Damon Hill darf auf die Rennbahn und in den Springparcours, wird vor dem Dressurtraining im leichten Sitz abgaloppiert und über Cavalletis getrabt.

Mit Jolly Jumper über Baumstämme

Bis zur Klasse M startet Ingrid Klimke bei den Springprüfungen. Auch S-Springen ist sie bereits erfolgreich geritten, hierfür fehlt ihr jedoch nun die Zeit. Schließlich ist bereits der Spagat zwischen Vielseitigkeit und Dressur aufwändig genug, bei alledem darf auch Tochter Greta nicht zu kurz kommen. Die Kleine ist bis zum frühen Nachmittag im Kindergarten. Sie hat ein eigenes Pony namens Jolly Jumper, mit ihm springt die Fünfjährige bereits über Cavalletis und Baumstämme. Häufig begleitet sie ihre Mutter zum Training, zum Beispiel auf eine Geländestrecke oder zum Bundestrainer der Springreiter, Kurt Gravemeier.

Abraxxas über die Bank

„Es heißt ja immer, dass Geländetraining so aufwändig ist. Aber man kann einzelne Elemente auch ohne weiteres auf dem Springplatz trainieren“, meint Ingrid Klimke und zeigt mit Abraxxas auch gleich, wie ein solches Training aussehen kann. Da wird zum Beispiel eine Bank auf den Platz gestellt, als ausgebufftes Buschpferd zuckt Abraxxas dabei natürlich noch nicht einmal mit den Wimpern. Als Training für schmale Hindernisse muss er dann noch über zwei senkrecht aufgestellte Cavaletti-Blöcke springen. Damit er es am Anfang einfacher hat, werden zunächst rechts und links Stangen aufgelegt.

"Kleines Rennpferd"

Einmal in der Woche steht für den von Heraldik xx abstammenden Wallach Galopptraining am Berg auf dem Programm. Sonderlich anstrengend findet er das nicht. „Ich werde am Ende immer gefragt, ob ich überhaupt schon angefangen habe“, lacht Ingrid Klimke über das Training mit ihrem „kleinen Rennpferd“. Auch in den Geländeprüfungen galoppiert der Elfjährige so locker, dass seine Reiterin beim Blick auf die Uhr stets kaum glauben mag, dass sie schon mehrere Minuten unterwegs sind.

Abneigung gegen schlechtes Wetter

Damit Abraxxas auf keinen Fall Langeweile hat, steht bei ihm seit einigen Monaten auch Bodenarbeit auf dem Programm. Eigentlich wurde dies aus Erziehungsgründen für die jungen Pferde eingeführt, bei Abraxxas sorgt sie für mehr Abwechslung im Alltag. Er lernt nun, auf Handzeichen zum Beispiel zu kommen oder stehen zu bleiben. Dem Elfjährigen macht’s Spaß, er ist auch hier eifrig dabei. Eines mag der Wallach jedoch nicht: Wenn er bei schlechtem Wetter auf dem Paddock stehen muss. „Dann stellt er sich mit dem Hintern gegen den Wind und wiehert jedem zu, damit er rein geholt wird“, erzählt Ingrid Klimke lachend.

Müsli und Öl

Einmal in der Woche hat Abraxxas ebenso wie seine Kollegen ganz frei; zum Fressen bekommt er Müsli, außerdem noch täglich etwas Salz und ab und zu Öl. In der Saison gibt es natürlich noch Elektrolyte. In dem Müsli ist auch Hafer, auch wenn vielerorts der Aberglaube herrscht, dass man Vollblütern dies besser nicht füttern sollte. Es könnte sie ja der Hafer stechen. „Ich glaube aber, die Pferde sticht nicht der Hafer, sondern der Umgang“, bringt es Ingrid Klimke auf den Punkt.

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