Buschreiter.de aktuell: Kleiderordnung
Vielseitigkeit vor dem "Sittenverfall"?
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Der US-amerikanische Vielseitigkeits-Verband hat jetzt für die Teilprüfungen Dressur und Springen die Pflicht abgeschafft, ein Reitjackett zu tragen. Die neue nationale Regel aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten stößt bei deutschen Eventern und namhaften Offiziellen auf recht geteilte Reaktionen. Buschreiter.de hat in der leisen Hoffnung, nicht ein allzu heißes Eisen anzupacken sich zu dem Thema in der Szene umgehört.

Was ist neu in den USA? Der dortige Verband hat das Tragen von Jacketts und "ties" für die Ritte im Stangenwald und auf dem Viereck aufgehoben und erlaubt künftig auch lang- oder kurzärmelige Hemden mit Kragen. Die Reitsport-Zeitschrift "Horse International" zitiert den dortigen Verbandschef Roger Haller, wonach die Kluft schlicht die "praktischere Sportswear" sei. Ein Argument lautet, dass es dem Publikum zum Beispiel bei TV-Übertragungen leichter gemacht werde, die jeweiligen Paare besser zu unterscheiden. Auch die optische Nähe zu anderen Sportarten wird in den USA als Vorteil gesehen. Hinzu kommt die Kostenfrage: Reiter auch ohne großen Geldbeutel könnten einsteigen, ohne "hundreds of dollars" für die Kleidung ausgeben zu müssen. Die Springreiter haben das Konzept in den USA bereits vorgemacht. Während die FEI bisher eine solche Lockerung der Kleiderordnung abgelehnt hat, kündigte Haller an, dass der US-Verband nach erfolgreichem Test einen erneuten Vorstoß beim internationalen Verband machen werde. Ein in keinster Weise repräsentativer Rundruf im Lande durch die Redaktion von buschreiter.de führte zu recht unterschiedlichen Reaktionen. Der vielfache Championatsreiter Peter Thomsen (hier mit Lost for Words beim Alpenchampionat 2002 in Kreuth, Foto Nahr) spricht sich zwar dafür aus, an den Bestimmungen für nationale und internationale Championate nichts zu ändern, aber dennoch eine liberalisierte Bekleidungsvorschrift zumindest zu testen. Thomsen: "Ich denke, man soll einfach was probieren, wir leben von den Medien und wenn mehr Interesse geweckt wird, dann ist das
für alle von Vorteil." Er ist für Neuerungen in der Vielseitigkeit ohnehin offen und erwähnt in dem Zusammenhang ausdrücklich Hallen-Events oder die Änderung der Reihenfolge der Teildisziplinen mit dem Cross zum Abschluss. Deutsche Top-Nachwuchsreiter sind da schon deutlich konservativer. Für Simone Deitermann, Deutsche Meisterin der Jungen Reiter 2002, gehören Jackett und Bluse als Minimalausstattung einfach zum Event "als Einstimmung" dazu: "Damit fängt das Turnier an und es sollte sich klar vom täglichen Training abheben." Perspektivgruppen-Mitglied Frank Ostholt (Foto Nahr) hält es einmal grundsätzlich für wichtig, dass die Reiter im Wettkampf "aufs Äußere Wert legen". Frack und mehr noch das Jackett gewährleisten nach Ostholts Einschätzung auch eine gewisse Chancengleichheit vor allem auf dem Viereck. "Mit Kleidung könnte man einiges an Mängeln in Sitz und Einwirkung kaschieren, Dinge, die die Richter sehen und beurteilen müssen." Ob sich der Vielseitigkeitssport mit kunterbunten Polohemden letztlich besser vermarkten lässt? Frank Ostholt hat seine Zweifel. Die Kostenfrage beeindruckt ihn wenig: "Wenn man schon so viel in den Sport investiert hat, dann ist die Anschaffung eines Jacketts ein Tropfen auf den heißen Stein." Turnierrichter und Marbach-Organisator Gerd Gaul hält von der neuen US-amerikanischen Kleiderordnung nicht allzu viel, zumal er schon in kleinen internationalen Prüfungen den gegenteiligen Trend beobachtet: "Viele gehen ordentlich rausgeputzt an den Start und sind froh, wenn sie einen Frack anziehen dürfen." Weshalb sollte man nun qua Reglement ins Gegenteil verfallen?, fragt Gerd Gaul. Der vormalige DOKR-Vielseitigkeits-Ausschuss-Vorsitzende Peter Wagner, selbst früher im Sattel international aktiv und heute als Offizieller bei vielen Sterne-Events dabei, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Er spricht von "Sittenverfall". Wagner: "Dann ist das Chaos perfekt, dann sind wir gleich beim Western-Reiten." Gleichzeitig sieht er eine gewisse
Gefahr, dass die FEI diese oder andere Reglement-Änderungen allzu leicht in die internationalen Turnierbestimmungen übernehmen könnte. Was den Verzicht auf das Jackett bei Dressur und Springen in der Vielseitigkeit angeht, betrachtet Peter Wagner dies als "innerbetriebliche Sache" der USA und findet allenfalls klimatische Argumente für eine Lockerung der Kleiderordnung: In Nord- und Südamerika, aber auch im Nahen Osten gebe es sicher heiße Regionen, in denen Turnierreiten im Jackett zum Problem werde. Christoph Hess (Foto Nahr), Leiter des DOKR-Bundesleistungszentrums in Warendorf, ist für freizügigere Anzieh-Normen im Turniersport "absolut diskussionsoffen". Hess richtete 2002 unter anderem bei den CCI**** in Lexington und Badminton sowie bei den Weltreiterspielen in Jerez. Im buschreiter-Gespräch riet er dazu, sich Ideen nicht zu verschließen, die "den Sport vor dem Hintergrund der klassischen Reitausbildung weiterentwickeln". Dies müsse mit Akteuren, Sponsoren und Marketing-Experten diskutiert werden. Hess: "Als normaler Mensch wünsche ich mir den Reitsport moderner, frischer, jugendgemäß." Im buschreiter-Interview erinnerte sich Christoph Hess, dass er vor zehn Jahren in Warendorf ähnliche Vorschläge gemacht hat, wie sie jetzt in den USA umgesetzt wurden: "Intern haben die hauptamtlichen Funktionsträger abgewunken, ich habe damals mit meinen Ideen eine völlige Bauchlandung erlitten."
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