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Bundestrainer Hans Melzer ohne Kader: Der Coach steht voll hinter der Entscheidung von DOKR und FN (Archivfoto Julia Rau)

Vielseitigkeitskader aufgelöst

"Wir wollen, dass der Sport sauber bleibt"

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Ganz überraschend ist der deutsche Vielseitigkeits-Spitzensport auch von der Doping- und Medikations-Affäre in anderen Reitsport-Disziplinen betroffen, ohne dass es in der Buschreiterei einen aktuellen Fall geben würde: Mit den Kadern der anderen Sparten ist auch der Vielseitigkeitskader aufgelöst worden.

Auslöser dieses spektakulären Befreiungschlages der FN und des DOKR waren die Bekenntnisse von Springreiter Ludger Beerbaum in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und in einem TV-Interview am Rande des Springderbys in Hamburg.

Gestern nun verbreitete die FN-Pressestelle eine Mitteilung, wonach das Präsidium der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und der Vorstand des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung in Warendorf die Kader (Championats-, B-, B2-Kader) der olympischen Disziplinen Springen, Dressur und Vielseitigkeit mit sofortiger Wirkung aufgelöst habe. Vielseitigkeits-Bundestrainer Hans Melzer erklärte im buschreiter-Interview, zunächst habe es Überlegungen gegeben, schrittweise die Kader der einzelnen Disziplinen auszulösen. Dann aber hätten alle Teilnehmer der Sitzung die Meinung geäußert, dass der Reitsport insgesamt ein "Zeichen setzen" müsse.

Analyse des Spitzensports

Nach Angaben der FN werden nun Verbandsfunktionäre und Reiter von einer unabhängigen Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) untersucht. Diese Kommission erhalte den Auftrag, die Situation im Spitzenreitsport zu analysieren und dem Verband Empfehlungen zu geben, wie mit der aktuellen Manipulations- und Dopingproblematik im Pferdesport umzugehen sei.

Reiter vor der Sonderkommission

Die Empfehlungen der DOSB-Kommission würden auch Vorschläge zu möglichen Sanktionen von Funktionären und Reitern enthalten. „Mit der Auflösung der Kader möchten wir einen wichtigen Schritt Richtung Glaubwürdigkeit unternehmen. Bevor ein Reiter wieder in den Kader aufgenommen werden kann, muss er sich der Sonderkommission stellen und sich zu seiner Einstellung sowie seinem Verhalten als Spitzenreiter äußern“, begründet FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau die Auflösung der Kader.

"Gründlichkeit vor Schnelligkeit"

Erst nach einer entsprechenden Auskunft gegenüber der Sonderkommission kann diese den Reiter wieder für eine Kadermitgliedschaft vorschlagen. Die DOSB-Kommission nimmt Anfang Juni ihre Arbeit auf, erste Ergebnisse würden innerhalb eines Monats erwartet. „Hierbei geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Insofern erwarten wir, dass die Kommission bis zu einem Abschlussbericht noch deutlich länger benötigen wird“; so Graf zu Rantzau.

Kein anhängiger Fall

Damit sind die Vielseitigkeits-Spitzenreiter von der Radikallösung betroffen, ohne selbst einen bekannten Doping- oder Medikationssünder in ihren Reihen zu haben. Bundestrainer Melzer versicherte im buschreiter-Interview, es gebe keinen anhängigen Fall eines Vielseitigkeitsreiters oder -pferdes, der oder das in einem einschlägigen Verdacht stehe.

"Wir nominieren ganz normal"

Der Bundestrainer betonte, dass die Kader-Suspendierung keinen erkennbaren Einfluss auf die Nominierung für die Europameisterschaft im Herbst in Fontainebleau, auf Turnierveranstalter, den Saisonverlauf oder etwa die Förderung der Sportler haben werde. Melzer im buschreiter-Interview: "Wir werden in Luhmühlen ganz normal unsere Longlist aufstellen."

"Keiner hat Kritik geübt"

Keiner der Vielseitigkeitsreiter, mit denen Melzer gesprochen habe, habe ein Problem mit der Entscheidung der Verbände. Melzer: "Bisher hat keiner Kritik daran geübt." Er bezeichnete die Kaderauflösung als "richtige Entscheidung für den gesamten Reitsport". Die Vorkommnisse in Hongkong hätten auch auf die Disziplin Vielseitigkeit negativ abgefärbt. Der Gewinn der Einzel- und der Mannschaftsgoldmedaille sei dadurch nicht so gewürdigt worden, wie er es verdient gehabt hätte.

Glaubwürdigkeit des Verbandes

Sanktionsandrohungen, Strafen und straffe Kaderkriterien befürwortete Hans Melzer ausdrücklich. "Wir wollen, dass der Sport sauber bleibt, sonst verliert auch der Verband seine Glaubwürdigkeit."

"Erlaubt ist, was nicht gefunden wird"

Die FN- und DOKR-Gremien haben auch über die Aussagen des Springreiters Ludger Beerbaum am vergangenen Wochenende beraten. Beerbaum hatte gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt: „Im Laufe der Jahre habe ich mich darin eingerichtet, auszuschöpfen, was geht. ... In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.“ Aufgrund dieser Aussagen sowie seiner Äußerungen in einem ZDF-Interview wird Ludger Beerbaum bis auf Weiteres nicht mehr für eine deutsche Nationenpreismannschaft aufgestellt. Dies gilt solange, bis die DOSB-Kommission zu seiner Person entschieden hat.

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Lesermeinungen

Mal schauen, wie weit die "Aufklärung" wirklich geht, ich bin da noch voll Zweifel! Die Buschreiter gehören eigentlich nicht in diesen "Topf", hier war "die Welt noch irgendwie in Ordnung".

Im Spitzenspringsport hat es doch schon über Jahrzehnte den Insidern bekannte "Sippenwirtschaft" (in Italien auch mit einem Begriff mit M... bekannt) gegeben, von wirklicher Pferdeliebe und von "Kamerad" Pferd konnte hier doch nie die Rede sein! Beobachten Sie doch einmal auf einem Weltcupturnier das Stallzelt bzw. den Stall und schreiben sie sich doch mal die Minuten oder Sekunden auf, wo sich der Reiter wirklich mal bei seinen Pferden aufhält - viele Reiter würden sich glatt verlaufen wenn sie die zum Stallzelt schicken würden!

Nein, das "Sportgerät Pferd" wird dem "niederen Personal" überlassen, die machen die Drecksarbeit. Der feine Herr/Frau wird in dieser Zeit mit Sonnenbrille und Hund in Begleitung der neuen Freundin angetroffen, am Ohr wie festgenagelt das Handy!

Gerade darum ist mir die Vielseitigkeit so lieb geworden, die Reiter die hier im Sattel sitzen, wissen, ihr LEBEN hängt vom Kameraden da unter ihrem Hintern ab!!!!! Diese Erkenntnis bewirkt dann meiner Meinung nach den hier üblichen respektvollen Umgang mit dem Pferd - möge das so bleiben!

J. Lindner

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