Buschreiter.der — aktuell: Pferdesport in den USA

Entwicklungsland der unbegrenzten Möglichkeiten

VON INKEN JOHANNSEN

Bei den Olympischen Spielen in Athen errangen die USA in allen drei Disziplinen Mannschafts-Medaillen. Im Springen und der Vielseitigkeit brachte die Nation auch Einzelmedaillen nach Hause - die meisten Medaillen aller Nationen im Reitsport! In Anbetracht dieses Erfolges scheint die Basisarbeit in den USA hervorragend zu sein.

Um so erschrockener und ungläubig musste ich im vergangenen Jahr einen Telefonanruf entgegennehmen: Zweijährig hatten wir den Hengst Cicera`s Icewater von Corofino - Corde la Bryére/Stamm 474a in die Staaten verkauft. Bei der Holsteiner Körung in den USA erhielt der Hengst Höchstnoten. Ich sollte ihn auf der Hengstleistungsprüfung in den USA vorstellen. Dann bekam ich den Anruf der Besitzer, dass der Hengst nicht gehen könne. Der Bereiter befand ihn als unreitbar, er würde ihn abbocken und er hätte ihn so noch nicht einmal draußen reiten können. Die Hengstleistungsprüfung wurde abgesagt, ein Pferdeflüsterer sollte gerufen werden. Ich hatte schon 3 Geschwister dieses Hengstes angeritten und alle waren sensibel, aber hervorragend zu reiten und erhielten auch bei der Stutenprüfung entsprechende Noten.

Pferdeflüsterer zur Pferdeausbildung

Ich entschloss mich, mir das Ganze von Nahem anzusehen und flog nach Virginia. Was ich vorfand, war ein Hengst, der beim Satteln nervös wurde, sich nicht traute, an das Gebiss zu treten, Angst vor der Gerte hatte und zur Folge trabte wie ein hektisches Pony. Nach fünf Tagen zwei Mal täglich Longieren waren Vertrauen und Rückentätigkeit annähernd wieder hergestellt. Dabei hatte der Hengst solche Panik vor dem Ausbinden, dass erst ein elastischer Ausbinder ihm die Angst nahm. Durch das zurückgewonnene Vertrauen hatte ich unter dem Sattel gleich ein sehr gutes Gefühl. Das sollte sich schnell ändern, als ich mit dem Springen begann. Von Rückentätigkeit und Bascule keine Spur. Eine In-out-Reihe klappte zunächst gar nicht, da der Hengst mehr nach vorne als nach oben sprang. Aber der Hengst stellte sich sehr schnell um. So konnten wir nach insgesamt 2 Wochen Training eine Hengstpräsentation veranstalten und den Hengst in Dressur, Springen und über Geländesprünge vorzeigen. Aber meine Pferde daheim warteten auf mich. 1999 hatte ich bei David O’Connor trainiert. Ich rief ihn an und fragte, ob er Interesse an dem Hengst hätte. Nach einem kurzen Vorreiten blieb der Hengst gleich dort. Er hat jetzt in Florida mit einer Schülerin schon einen zweiten Platz erringen können. O’Connors sind sehr zufrieden.

Dieser Hengst war kein Einzelfall. Ich habe viele Holsteiner Pferde zu Gesicht bekommen, die ich fast nicht als solche erkennen konnte. In den USA ist die Westernreiterei und die Lehre z.B. von Pat Parelli sehr verbreitet, sowie die "Hunterreiterei". Nach der Pat-Parelli-Methode wird Lenken ohne Zügelverbindung trainiert, abrupte Stopps, Seitwärtsgehen und Wenden ohne jegliche Biegung. Angelehnt also an die Westernreiterei. Reiter die an Hunterclasses teilnehmen wollen, trainieren ein möglichst gleichmäßiges, eher untertouriges Tempo. Dabei sollen sie so schön wie möglich auf dem Pferd sitzen. Der Absatz ist hervorragend tief, die Handhaltung ruhig und korrekt. Ein Geziehe wie man bei uns es in Einsteigerprüfungen und auch darüber hinaus leider manchmal sieht, ist dort eher die Ausnahme.

Folge dieser Reiterei ist jedoch, dass die Pferde in der Regel nicht durch das Genick gehen, das heißt, dass auch die Bewegung nicht durch den Körper geht. Dadurch bewegen die Pferde sich eher unscheinbar und flach, was dort aber durchaus als positiv bewertet wird.

Hunter- und Springprüfungen- Entscheidender Unterschied

Im Turniercircuit wird in den USA zwischen Hunter-Prüfungen, Equestrian-Prüfungen und den eigentlichen Springprüfungen unterschieden. Bei den Hunterprüfungen wird das Pferd beurteilt. Dabei spielt eher das Potenzial eine Rolle, weniger das Gleichmaß, mit dem die Sprünge absolviert werden. Dabei ist ein nach vorne gestreckter Oberarm mit hängendem Röhrbein durchaus nicht unerwünscht. Die Reitsportmagazine in den USA sind voll von Bildern mit dieser Springmanier. Auch von unserem Hengst sah ich ein solches Bild. Wir bevorzugen und kennen von unseren guten Springpferden ein stark angewinkeltes Bein über dem Sprung. Wie also schaffen die Reiter es, die Pferde so gestreckt springen zu lassen? Indem sie fast untertourig und ohne Kraft aus der Hinterhand, also wenig Spannung im Pferd, an die Sprünge herangaloppieren. Damit die Pferde trotzdem den Sprung überwinden können, müssen sie sich gewaltig strecken und fahren die Vorderbeine aus! Sieger in der Hunterprüfung wird also der gleichmäßigste Ritt, durchaus in der eben beschriebenen Springmanier. Dabei spielt die Schönheit des Pferdes auch eine Rolle.

Die Equistrian-Prüfungen konzentrieren sich auf den Reiter. Dabei bekommt dieser für jeden einzelnen Sprung eine Note. Die Gesamtnote ist dann ausschlaggebend. Bei wichtigen Wettkämpfen wird teilweise auch noch ein Dressurteil integriert. Dann müssen alle Reiter im Anschluss an das Springen erneut in den Parcours. Nach Weisung der Richter wird dann Schritt, Trab, Galopp bzw. bei höheren Klassen auch Außengalopp und Seitengänge verlangt. Dabei ist erneut der Sitz des Reiters im Mittelpunkt, die Pferde müssen den Kopf ruhig halten, müssen aber nicht durchs Genick gehen. Bei diesen Hunter- und Equestrianprüfungen geht es maximal bis zu einer Höhe von ca. 1,20 m. Und das ist auch gut so! Da diese Prüfungen einen sehr hohen Stellenwert haben, gibt es hier viele Titel zu gewinnen und manchmal enorme Ehrenpreise (Es kann auch schon mal ein Truck sein). Und zu guter letzt gibt es dann noch den eigentlichen Springsport. Hier geht es dann um Fehler und Zeit, und die Klassen gehen wie wir es kennen bis zum Grand Prix. Das Turniergeschehen besteht aus einer großen Masse an Hunter- und Equestian-Reitern, die in ihrer Sparte unendlich viele Champions küren. Der Springsport auf M/S-Niveau ist hingegen weniger verbreitet als z.B. bei uns in Deutschland. Der Spitzensport wiederum ist top-professionell. Gerade in Kalifornien und Florida gibt es eine Vielzahl von Springställen, die mit erfolgreichen, in Deutschland ausgebildeten Holsteinern gefüllt sind.

Mich hat nun interessiert, warum die USA selbst nicht so viele Pferde in den Sport bringt? Schließlich werden ja auch schon seit gut 20 Jahren Holsteiner in den USA gezüchtet bzw. Fohlen dorthin verkauft.

Pferde studieren statt ausmisten und reiten

Die Ausbildung zum Trainer/Bereiter wie wir sie in Deutschland kennen, gibt es in den Staaten so nicht. Stattdessen gibt es viele sogenannte "Equine Colleges". Für ein vierjähriges Studium liegen die Kosten bei ca. 10.000 Euro jährlich pro Student. Ein College in Bristol konnte ich näher kennen lernen. Auf dem Parkplatz stehen Autos erster Güte, die Mädchen sind gestylt, als wollten sie ausgehen. Stallarbeit macht zusätzliches Stallpersonal, am Wochenende haben die Mädchen frei. Die ca. 200 Mädchen teilen sich ca. 100 Pferde. Zweimal wöchentlich hat jeder eine Reitstunde. Mehr Reitstunden müssen extra bezahlt werden. Die übrige Zeit findet hauptsächlich Theorieunterricht statt. Wobei Finanzen, Marketing, und Management auch einen Grossteil des Unterrichts ausmachen, da viele Absolventen anschließend in der Wirtschaft einen Beruf ausüben (Reitsportfirmen/Turnierveranstalter etc.).

Viele aber wollen Trainer und Profireiter werden. Auf den ausgedienten Turnierpferden wird ihr Sitz bis ins Detail perfektioniert. Die Colleges treten auf Turnieren in Hunterclasses gegeneinander an. Die Chance, ein gut gerittenes Pferd nachzureiten oder ein junges Pferd unter Anleitung auszubilden, haben die Studenten in der Regel nicht. Es gibt keine Aufnahme oder Abschlussprüfung zur Abfrage der Reitfähigkeiten. Jeder versucht, sein Können in den vier Jahren Studium so gut es geht zu verbessern, dann bekommt er seinen Abschluss. David O’Connor, seit kurzem Präsident der USEF (United States Equestrian Federation) will sich der Problematik annehmen. Eine Verbindung von erfolgreichen Turnierreitern zu Nachwuchsreitern und Ausbildern soll geschaffen werden. Wer hätte geahnt, dass wir mit unserem Ausbildungssystem den USA, Vorreiter im Lifestyle, in dieser Beziehung weit voraus sind.

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