Buschreiter.de Interview: Dr. Jens Adolphsen
Wenige bestimmen die Maßstäbe
Völlig anders als erwartet war der Verlauf der Vielseitigkeits-Weltmeisterschaften. Die Deutschen, die sich eine Medaille, zumindest aber die Olympia-Qualifikation zum Ziel gesetzt hatten, scheiterten ebenso wie Parcourschef Michael Tucker, der sich vorgenommen hatte, mit seinem Kurs alle Mannschaften ins Ziel zu bringen. Statt dessen zählten die Statistiker auf der Geländestrecke 22 Stürze und 40 Verweigerungen, insgesamt sahen nur 50 von 80 Paaren deren Ziel. Zu seinen Eindrücken befragte FN-aktuell im Anschluss an die WM den Vorsitzenden des Ausschusses Vielseitigkeit des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR), Dr. Jens Adolphsen (Regensburg). Das Interview führte FN-Mitarbeiterin Uta Helkenberg.Jerez-Startseite

Dr. Adolphsen, die Deutschen haben ihr Ziel nicht erreicht, keiner von den deutschen Teilnehmern hat die Prüfung beendet. Waren unsere Reiter nicht gut genug? Oder vielleicht nicht gut genug vorbereitet?
Dr. Jens Adolphsen: Auch wenn wir noch nicht die Ergebnisse umfassend analysiert haben, muss man auf jeden Fall sagen, dass die Mannschaft, die wir nach Jerez geschickt haben, hundertprozent WM-tauglich war. Wir konnten einen Badminton-Vierten (Andreas Dibowski), eine Vizeeuropameisterin (Inken Johannsen), eine Seriensieger in England (Bettina Hoy) und einen Routinier (Herbert Blöcker) aufbieten. Da war es wohl nicht vermessen, auf eine gute Leistung, sprich Olympiaqualifikation zu setzen. Alle Pferde, die wir eingesetzt haben, waren in ausgesprochen guter körperlicher Verfassung, das Training verlief ohne Komplikationen.
Wenn es nicht an der Qualität und Vorbereitung unserer Reiter lag, muss die Ursache ja im Geländeaufbau zu suchen sein. Das zeigt auch die Statistik dieser Prüfung. Warum aber war die Strecke so schwer? Hat man denn nichts aus den Bildern von Sydney gelernt?
Dr. Adolphsen: Ich glaube, das ist die entscheidende Frage. Die Strecke war deutlich zu schwer. Zwar hat es besonders die Deutschen getroffen, die Liste der Gestürzten liest sich aber wie das who is who des Vielseitigkeitssports. Bei internationalen Championaten, die von großem öffentlichen Interesse sind, ist es schwierig, eine Selektion auch im Gelände herbeizuführen. Dies ist eine Gratwanderung, die den Verantwortlichen nach Sydney nun zum zweiten Mal komplett misslungen ist. Das muss uns schon zu denken geben. Spätestens nachdem das IOC die Disziplin Vielseitigkeit auf die Streichliste gesetzt hat, hätte wirklich jeder erkennen müssen, dass man in dieser Situation die Selektion im Gelände deutlich reduzieren muss. Hätte man im Zeitraum nach Sydney schon erkannt, dass bei der kritischen Wahrnehmung unseres Sports in der Öffentlichkeit, die wir haben, eine Selektion im Gelände nur noch eingeschränkt möglich ist, wäre uns vielleicht auch der Weg auf die Streichliste erspart geblieben. Man sieht jetzt sehr deutlich, dass ein Verband, der sich nicht von innen heraus bewegt, von außen bewegt wird. Die Richtung geben dann aber andere vor.
Aber auch dem Weltreiterverband (FEI) muss doch klar gewesen sein, dass es sich hier in Jerez um die letzte große Chance für den Erhalt der olympischen Vielseitigkeit handelte. Über die Kosten des Kurses wurde ja viel diskutiert. Aber wäre es nicht sinnvoller gewesen, am Kurs noch etwas zu ändern? Oder auch andere Anforderungen, z.B. bei der Rennbahn, etwas herunterzuschrauben?
Dr. Adolphsen: Die FEI wird in Sachen Vielseitigkeit nur von einer ganz geringen Zahl von Leuten beherrscht, die ihre Einschätzung damit zum Maßstab machen. Dies sind im Wesentlichen die Mitglieder des Eventing Commitees. Eine echte Kontrolle dieser Tätigkeit, die auch fachlich fundiert ist, scheint weitgehend zu fehlen. Es hätte vor Jerez durch die Führung der FEI die Vorgabe erfolgen müssen, den Kurs so zu ändern, dass schlechte Bilder möglichst verhindert werden. Dies ist nicht geschehen, deshalb offenbart das Ergebnis von Jerez auch ein Führungsproblem in der FEI. Dass die Rennbahnzeit mit viereinhalb Minuten festgesetzt war und dies nicht verändert wurde, zeigt, wie weit wir von einer flexiblen Regelanwendung weg sind.
Viele vor allem die deutschen Zuschauer und Medienvertreter waren nach dem Gelände davon überzeugt, dass diese Bilder das Ende der olympischen Vielseitigkeit bedeuteten. Der neue Weltmeister und Bronzemedaillengewinnerin Piia Pantsu setzten dagegen ihre Hoffnung auf die Austragung der olympischen Spiele im CIC-Format. Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt noch eine Chance? Und wenn ja, was kann die deutsche FN beziehungsweise ihr Ausschuss noch dazu beitragen, die olympische Vielseitigkeit noch zu retten? Haben wir überhaupt einen Einfluss auf diesen doch sehr stark von den anglo-amerikanischen Nationen geprägten Sport?
Dr. Adolphsen: Ob wir noch eine Chance haben, werden wir wohl erst nach der Entscheidung im November wissen. Da wir im Vorfeld gar nicht wussten, dass die Disziplin gefährdet ist, wäre es jetzt vermessen, irgendeine Prognose abgeben zu wollen. Sicherlich hat Jerez unsere Chancen, im Olympischen Programm zu bleiben, verringert. Was jetzt nötig ist, ist intensive Lobbyarbeit. Diese muss aber schon bei der Präsentation der Vorschläge ansetzen, die die FEI dem IOC unterbreiten will. Diese Vorschläge werden jetzt nicht mehr ausschließlich von dem Eventing Commitee erstellt, sondern von der FEI-Führung. Hier sehe ich eher eine Möglichkeit, unseren Einfluss geltend zu machen, obwohl ich zweifle, dass dies noch rechtzeitig erfolgt. Zur Zeit sehe ich die Gefahr, dass man nur die Kosten einer Olympischen Vielseitigkeit reduziert. Deshalb bin ich nicht überzeugt, dass allein die Umstellung auf einen CIC-Modus das IOC überzeugt. Der weitere Faktor, den der IOC-Report nennt, ist aber der der Sicherheit von Reiter und Pferd. Ich denke, hier muss man genauso ansetzen wie an der Kostenfrage. Nur wenn es gelingt, die IOC-Vertreter, die wohlgemerkt Laien sind, davon zu überzeugen, dass wir die Sicherheit der Teilnehmer und ihrer Pferde gewährleisten, haben wir eine Chance. Für die Zukunft muss gerade bei der Vielseitigkeit, die international unterschiedlich beurteilt wird, in den Entscheidungsgremien die Meinungsvielfalt sichergestellt werden. Das heißt, es müssen Vertreter aus dem anglo-amerikanischen Bereich und Kontinentaleuropäer gemeinsam eine Entscheidung treffen. Das jetzige Comittee ist meines Erachtens nicht ausgewogen besetzt.
Vielleicht ist die jetzige Diskussion auch heilsam: Die Situation, in der wir uns befinden, ist hervorgerufen worden durch fehlenden Willen zu echten Reformen. Der Grund hierfür war sturer Konservatismus, der nicht erkennt, dass sich die Einstellung der Bevölkerung zu Tieren und damit die Voraussetzungen, mit Tieren Hochleistungssport zu treiben, stark gewandelt haben. Auch nach der Entscheidung über den Verbleib im Olympischen Programm im November, wird es unsere Aufgabe sein, die Regeln für Spitzensport mit Tieren in der Vielseitigkeit so festzulegen, dass unser Sport gesellschaftlich akzeptiert wird. © Verlag Nahr, D-93047 Regensburg/Germany, Weintingergasse 4 E-Mail
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