Buschreiter.de Kommentar/Forum
Schwarzer Tag für die Vielseitigkeit
War die WM-Vielseitigkeit von Jerez nur ein schweres Championat, bei dem wieder einmal "viel passiert" ist? Mit einigen Tagen Abstand von dem Three-Day-Event in Spanien verstärkt sich der Eindruck, der sich schon am Turnierwochenende abgezeichnet hat. Die Weltmeisterschaft in Jerez wird vielleicht eines Tages als Wendepunkt in die Historie des Buschsportes eingehen.
Die Bodenbedingungen auf den Wegestrecken, die Länge der Rennbahn, die maximale Häufung von immens mächtigen Sprüngen bei extremen technischen Anforderungen brachten Pferde und Reiter in einen Grenzbereich, der den Sport in jeder Hinsicht ad absurdum führt. Kann es Sinn des Spitzen-Vielseitigkeitssportes sein, die besten Buschpferde der Welt einem solchen Cross-Trauma auszusetzen? Wieviele der 30 im Gelände ausgeschiedenen Pferde wird man tatsächlich wieder im Top-Sport sehen? Es ist reiner Zufall und riesiges Glück, dass es in Jerez nicht zu schwersten Reiter- und Pferdeverletzungen gekommen ist. Vielseitigkeit ist ein "risk sport", aber es sollte oberste Maxime des Geländebauers sein, die Risiken zu minimieren. Ein Vergleich der ausgeschiedenen Paare mit den "Ankommern" zeigt nachdrücklich, dass in Jerez auf fatale Weise das Zufallsprinzip regiert hat: Während eine Reihe der besten Paare im Cross nicht kläglich, sondern jäh an Hindernis-"Klippen" gescheitert sind, kamen schwächere Pferde und Reiter durch.
Das Desaster von Jerez kommt absolut zur Unzeit: Es steht Spitz auf Knopf, dass die Vielseitigkeit den olympischen Status verliert. Die Gegner der "Krone der Reiterei" haben in Spanien jede erdenkliche Munition erhalten. Die Sturzserie, weltweit im Fernsehen verbreitet, hat leider alle Vorurteile bestätigt und die Disziplin nachhaltig diskreditiert. Man tut sich angesichts dieser Bilder immer schwerer, gegen manche überzogene Position von Tierschützern zu argumentieren. Die FEI hatte offenbar bis kurz vor Beginn der WM jegliche Kostenkontrolle über Mike Tuckers Geländestrecke verloren und den Streit auch noch öffentlich ausgetragen. All dies sind beste Bedingungen, um die Vielseitigkeit endgültig aus dem olympischen Programm zu kippen.
Der Verlust des Olympia-Status würde gerade die deutsche Szene hart treffen, weil dadurch wichtige Fördermittel verloren gehen und die Randdisziplin weiter an Bedeutung verlieren könnte. Auch unabhängig davon hat der Sport ohne Zeitverzögerung massiven Schaden erlitten. Es ist nicht abzusehen, wie und wann sich die Vielseitigkeit von diesem Schlag erholt. Aktuellstes Beispiel: Unmittelbar nach Jerez kündigten zwei namhafte Sponsoren des CCIO-Nationenpreises im bayerischen Kreuth (erstes Oktoberwochenende) ihr Engagement auf. Der Veranstalter hat 10 000 Euro aus seinem Budget verloren, weil die Förderer "mit diesem Sport in der Öffentlichkeit nicht mehr in Verbindung gebracht " werden wollen. Es ist zu befürchten, dass auch andere Veranstalter künftig auf Mäzene verzichten müssen, weil sich Geldgeber die vermeintliche Negativ-Werbung nicht antun wollen.
Eine Schlüsselrolle hat in Jerez natürlich der Star-Course-Designer Mike Tucker gespielt, ein Traditionalist, der mit seinem WM-Kurs allen sinnvollen Reform-Ideen eine brüske Absage erteilt hat. Öffentlich zeigte Tucker nicht die geringste Spur an kritischer Distanz zu seinem verfehlten Cross. Intern allerdings soll er noch am Samstag geäußert haben, die sei der "schwärzeste Tag " seines Lebens.
WOLF-DIETRICH NAHR
Ihre Meinung zum Thema fürs Buschreiter-Forum?
Zum Buschreiter-Forum© Verlag Nahr, D-93047 Regensburg/Germany, Weintingergasse 4
Werben in buschreiter.de?E-Mail
verlag-nahr@buschreiter.de