Quarantäne für die Hongkong-Pferde
...mittags klopfen die Kontrolleure an die Stalltür
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Ziemlich viel Papierkram, ein paar räumliche Beschränkungen vor der Abreise und nach der Ankunft, vielleicht einige unangekündigte Kontrollen im Trainingslager: Die Quarantänebedingungen für die Olympia-Pferde werden die Eventer im Vorfeld des Championatstrips nach Hongkong kaum spürbar einschränken – zumal ernsthafte Pferdeerkrankungen derzeit in Deutschland und im restlichen Europa nicht grassieren.
Die Veterinärbehörden in Hongkong nehmen dennoch das Thema sehr ernst: Weil Pferde aus der ganzen Welt im August für die olympischen Reiterspiele anreisen, bereiten sich die Amtstierärzte bereits seit Jahren auf die Invasion der sportlichen Vierbeiner vor – wobei die Asiaten durch die international hochfrequentierte Rennbahn in Hongkong bereits umfangreiche Erfahrung mit dem "Seuchen"-Thema haben. Dennoch war bereits während der Weltreiterspiele 2006 eine kleine Abordnung in ganz Europa unterwegs, um sich über die geplanten Quarantänemaßnahmen genau zu informieren. Auch kurz vor Olympia werden Veterinäre des Gastgeberlandes in Deutschland sein."Die werden sich vielleicht die Freiheit nehmen, mittags unangekündigt aufzutauchen und zu schauen, ob alles sauber ist", sagte Dr. Michael Düe, Chef-Veterinär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, im Gespräch mit buschreiter.de.
DOKR-Lehrgangsstall wird abgeriegelt
Die Asiaten wissen schon jetzt, wo sie kontrollieren müssen: Am 18. Juli vormittags beginnt eine einwöchige Quarantänephase. Die Olympia-Pferde der deutschen Vielseitigkeitsreiter werden dann nach einer tierärztlichen Eingangsuntersuchung voraussichtlich im Lehrgangsstall des DOKR-Ausbildungszentrums in Warendorf "kaserniert" werden. Der Isolierstall wird dann genauso wie die angrenzende Reithalle und Reitplätze eingezäunt werden. Pfleger, Trainer und Reiter müssen alle Ausrüstungsgegenstände vorher im Quarantänebereich einlagern. Der Zugang zu dem Trainings- und Stallareal wird naturgemäß beschränkt sein.
Fahrten zum Galopptraining
"Das wird ein separater Stall ohne Kontakt zu anderen Pferden", so Mannschaftstierarzt Dr. Carsten Rohde im buschreiter-Interview. Doch von einem hermetisch abgeriegelten Isolationsstall könne keine Rede sein: So sollen Fahrten zum Galopptraining außerhalb von Warendorf möglich sein, kündigte Dr. Rohde an. Die Quarantäne in Europa endet dann mit der Abreise am 26. Juli vom Flughafen in Amsterdam. Von dort aus werden mehrere Maschinen mit vierbeinigen Athleten aus zahlreichen Ländern von der Startbahn Richtung Hongkong abheben. Zu den Sammeltransporten stoßen dann auch die Pferde, die vorher in Aachen abgesondert worden sind. Dies sind zum Teil Vielseitigkeitspferde, die aus Übersee und anderen europäischen Ländern stammen. Eine weiteres Flugzeug wird von London aus mit Olympia-Rössern an Bord in die Lüfte aufsteigen.
"Sehr gut organisiert"
Danach ist noch nicht alles ausgestanden: In Hongkong gibt es dann eine "Pre-Competition-Isolation". Wie der Name schon sagt, werden die Tiere nach der Ankunft nochmals "inhaftiert". Erst wenn da auch alle Untersuchungen negativ verlaufen sind, dürfen die Eventer in die Arena traben. "Dort sind aber die Auflagen nicht mehr ganz so strikt." Team-Vet Dr. Rohde kennt die Bedingungen vom Testturnier 2007, als die Reiter ihre Pferde nach der Ankunft relativ frei bewegen konnten. Rohde: "Das war alles sehr gut organisiert."
Protokoll für 60 Tage
Lange im Vorfeld haben die Teams und Reiter einigen Papierkrieg zu führen: Sie müssen für den Zeitraum von 60 Tagen vor der eigentlichen Quarantäne genau über den Aufenthaltsort ihrer Pferde Aufzeichnungen führen, die dann später bei der Ankunft in Hongkong den Behörden vorgelegt werden müssen. Dabei gibt es weltweit verschiendene Tabuzonen, die sich bis zu den Olympischen Spielen noch verändern können. "Das sind derzeit aber alles Regionen, in denen unsere Olympiapferde sowieso nicht starten werden", sagte der Mannschaftstierarzt.
"Keine akuten Krankheiten"
Die Einreisebestimmungen der Veterinärbehörden in Hongkong kann der FN-Tiermediziner Dr. Düe im Prinzip gut nachvollziehen. Ziel der Maßnahmen sei es, das Einschleppen von Krankheiten zu verhindern, die beispielsweise von den Tieren mitgebracht werden könnten, ohne dass sie selbst daran manifest erkrankt sind. "In Deutschland gibt es zur Zeit nichts, worüber man sich Gedanken machen müsste." Auch Team-Tierarzt Dr. Rohde kann "keine aktuell aufgetretenen Pferdekrankheiten" erkennen, wie er im buchreiter-Interview sagte. Die geforderten Impfungen, wie die gegen Influenza, fallen ohnehin regulär bei den Pferden an.
Sydney: Holzsattelbäume verboten
Der Warendorfer Chefveterinär erinnert sich an die Quarantänemaßnahmen vor Olympia in Sydney 2000: "Da gab es einige Bestimmungen mehr für die deutschen Athleten und Pferde, das war insgesamt etwas einschränkender." Damals waren die deutschen Eventer und ihre Vierbeiner vor dem Abflug im bayerischen Kreuth auf der grünen Wiese zusammengezogen gewesen. Die australischen Schutzbestimmungen waren beispielsweise so strikt, dass keine Sättel mit Bäumen aus Holz "down under" eingeführt werden durften – aus Angst vor Insekten, die sich in den Sattelbauteilen hätten verbergen können.
Trainer und Betreuer sehen dem ganzen Prozedere relativ gelassen entgegen. Mannschaftstierarzt Dr. Carsten Rohde: "Jede Art von Isolation bringt gewisse Einschränkungen mit sich, aber spürbare Einschnitte in das Trainingsprogramm kann ich nicht erkennen."
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