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Olympia: Nachlese und Kommentar Champagner, Träume, Boom VON WOLF-DIETRICH NAHR/www.buschreiter.de In den nächsten Tagen und Wochen wird es noch so manche Flasche Champagner zu köpfen geben: Die deutschen Vielseitigkeitsreiter haben nach Gold für das Team und für Hinrich Romeike und Marius Voigt-Logistik wahrlich eine enorme sportliche Leistung zu feiern. Silber und Bronze gab es in der olympischen Geschichte immer wieder für deutsche Mannschaften, aber Gold ist ein Highlight: Vor Ingrid Klimke, Hinrich Romeike, Peter Thomsen, Frank Ostholt und Andreas Dibowski haben deutsche Teams nur 1936 in Berlin, 1988 in Seoul und – wenn man es sportlich und nicht juristisch hinterlistig nimmt – 2004 in Athen Gold gewonnen (richtig gezählt?). **** Laien fragen in diesen Tagen immer wieder: War denn das Zufall, eine Überraschungsmedaille für die "Militaryreiter"? Viele staunen, wenn man ihnen sagt, dass die deutschen Vielseitigkeitsreiter inzwischen in wenigen Jahren in die Weltspitze aufgerückt sind, nicht zufällig. Nein, die beiden Goldmedaillen von Hongkong sind wahrlich kein Zufall. Zwei Trainer (und ein ganzes Team im Hintergrund) haben nach Sydney die Regie übernommen und ein professionelles Management gepflegt. Es scheint so, als hätten Hans Melzer und Christopher Bartle nichts übersehen: Versierte Veterinäre, die ihr ganzes Knowhow in die gesundheitliche Fitness der sportlichen Vierbeiner haben fließen lassen; ein Menschen-Arzt, der nicht nur im Notfall die Eventer wieder zusammenflickt, sondern kontinuierlich über Jahre medizinischer Begleiter für die Top-Athleten ist – bis hin zur Ausarbeitung eines ausgeklügelten Sportprogramms zur Vorbereitung auf die extremen klimatischen Bedingungen in Hongkong; eine Psychologin, die genau weiß, mit welchem Coaching die Sportlerpersönlichkeiten am besten mit Stress, Belastung und Erfolgsdruck fertigwerden; genaues Studium der Bedingungen am olympischen Turnierort plus Strapazen eines Testevents ein Jahr vor dem großen Ereignis; eine besonnene Sichtung, die die Paare nicht verschlissen und am Ende die besten Reiter und Pferde in die Startbox gebracht hat und, und, und... **** Natürlich war irgendwo im Hinterkopf Hongkong auch eine Revanche für den Medaillenraub von Athen. Und daraus leitet sich ein einziger trauriger Aspekt von Olympia 2008 ab: Bettina Hoy und Ringwood Cocaktoo ist es verletzungsbedingt verwehrt geblieben zu zeigen, dass auch sie Gold verdient gehabt hätten, in Athen und in Hongkong. Die Amazone zählte jetzt zu den ersten Gratulanten. Man hätte auch ihr gegönnt, dass mit einer Goldmedaille ihr Lebenstraum Wirklichkeit wird. Aber in Wahrheit trägt sie eine imaginäre Goldmedaille, denn durch ihr mannschaftsdienliches Wirken unter anderem bei den Weltreiterspielen in Aachen und danach hat sie den Spirit genährt, der diese Goldmannschaft so leistungsbereit, so eingespielt, so harmonisch, so unwiderstehlich und zugleich so sympathisch macht. Man wünscht Bettina Hoy nichts mehr als dass sie noch einmal mit einem fabelhaften Pferd bei Olympia ihre Chance bekommt. **** Training, Sichtung, Lehrgang, Quarantäne, Flug, nochmal Quarantäne, olympischer Event: Vor allem die vierbeinigen Athleten haben einen langen Weg hinter sich. Sie sind am Tag nach den Reitern nach Deutschland zurückgekehrt und stehen inzwischen wieder in ihren Ställen. Eine eingehende tierärztliche Untersuchung der Olympioniken steht zwar noch aus, aber dennoch sind im Moment keinerlei Verletzungen, Blessuren, Unpässlichkeiten zurückgeblieben. Laut Bundestrainer Hans Melzer sind alle Pferde in allerbester Verfassung. Das hat sicher auch mit den optimalen Bodenbedingungen im Cross zu tun – und mit dem Wetter am Geländetag. "Der Herrgott hat sich gesagt, die Vielseitigkeitsreiter und ihre Pferde haben es verdient, und er hat das bestmögliche Wetter geschickt." **** Nochmal zum Thema Revanche: Man könnte gläubig werden (wenn man es nicht schon ist), betrachtet man ohne Rachegelüste die Mannschaftsergebnisse. Denn irgendwie scheint es eine höhere Gerechtigkeit zu geben: Die Teams, die 2004 in Athen die Sportgerichts-Prozesshanseln waren und den Deutschen ihre Medaillen abspenstig gemacht haben, werden mit ihrem Resultat nicht zufrieden sein, nicht die US-Amerikaner, nicht die Franzosen und letztlich auch nicht die Briten. **** Die Nacht des olympischen Cross, der Nachmittag des Abschlussspringens: Welche Emotion transportiert doch dieser Sport, welcher Buschfan war nicht zu Tränen gerührt bei dem Siegeszug der Deutschen. Jeder Aktive freut sich nicht nur über Doppelgold, sondern er oder sie ist auf ganz eigene Weise berührt von der Leistung der Fünf: die Bilderbuchritte motivieren, sie geben Kraft für das eigene Training und die Auftritte beim Wettkampf, sie vermitteln den Stolz und Pathos, den diese faszinierende Sportart ausstrahlt. Vielleicht wird es einen mittleren Boom geben, der die Buschreiterei erfasst, Schub, der mehr Medienöffentlichkeit, Sponsoren, mehr Reiter- und Pferdetalente anzieht. Hans Melzer im buschreiter-Interview: "Hinrich Romeike ist ein Amateur, der enorm fleißig war und sechs Jahre lang bei jedem Championat dabei war. Das zeigt den Amateuren, dass man alles schaffen kann, wenn man sich richtig anstrengt und ein hervorragendes Pferd mitbringt." Gerne den Boom, der den Sport weiter voranbringt. Aber bitte ohne Reiter und Anhang, die aus anderen Disziplinen in die Vielseitigkeit drängen, weil es gerade chic ist, und übertriebenen Ehrgeiz, eine Portion Rücksichtslosigkeit und mangelnde Fairness in die Buschreiterei hineintragen – eine Tendenz, die auf manchem kleinen Turnier schon jetzt spürbar ist. **** Apropos Pathos: Die olympische Vielseitigkeit in Hongkong ist auch etwas durch das Phänomen geprägt, dass ehemalige Weltklasse-Reiter nach einer langen Pause ein erfolgreiches Comeback gefeiert haben: Mark Todd, der beste Vielseitigkeitsreiter des 20. Jahrhunderts, hat acht Jahre nach seinem Abschied aus dem Sport das Pferdezüchter-Altenteil in Neuseeland hinter sich gelassen und ist zurückgekehrt – nicht mehr ganz so elastisch und rund wie früher, aber immer noch routiniert, effektiv und pferdeschonend. Ein wunderbarer Traum ist Wirklichkeit geworden. Das gilt auch für Kristina Cook, die es nach langer Kinderpause auch noch einmal wissen wollte und die Idee mit Edelmetall legiert hat. **** Ein Reglement-Aspekt läuft in diesen Tagen durch die Szene: Die Zugangsbeschränkung für das zweite Springen im Wettbewerb um die Einzelmedaillen, die Limitierung auf drei Reiter der Team-Nationen unabhängig von dem Abschneiden, die Bevorzugung der Einzelreiter ohne Team-anbindung und der Modus 5:3 mit zwei Streichergebnissen. Forderungen sind laut geworden, das Reglement wieder an die 4er-Regel der Nationenpreise anzugleichen und den besten Paaren die Chance auf eine Einzelmedaille zu geben. Hört man sich im deutschen Lager um, dann hat man aber nicht den Eindruck, dass Trainer und Funktionsträger eine solche Reglement-Debatte vom Zaun brechen wollen. Das ist durchaus eine kluge Verhaltensweise: Denn die diskutierte Änderung würde die Vielseitigkeitsreiter schwächerer Busch-Schwellenländer ins Hintertreffen bringen. Leicht könnte sich daraus Unmut und Protest entwickeln mit dem vielleicht fatalen Ergebnis, dass die Gegner der Vielseitigkeit als olympische Disziplin irgendwann beim IOC Gehör finden. Wegen Normen-Spitzfindigkeiten muss die Vielseitigkeit wirklich nicht aus dem Olympiaprogramm fliegen. Eine Fragestellung, über die es sich trefflich streiten lässt... **** Zum Abschluss noch diese Fußnote: Im Gelände von Hongkong ereignete sich nach der offiziellen Freigabe des Cross etwas Unerhörtes. An Sprung 18 wurden Steine als Hindernisbegrenzung entfernt und durch Büsche ersetzt. Es geht das hartnäckige Gerücht, dass diesen Eingriff keine Geringere als die FEI-Präsidentin Prinzessin Haya Bint Al Hussein – selbst bekanntlich Springreiterin – angeordnet, veranlasst, gewünscht hat. Man hätte ja den Course Designer fragen können. Das geschah aber nicht, heißt es. Da prallte Majestät auf Majestät. Mike Etherington-Smith jedenfalls soll wegen der Busch-Affäre stocksauer gewesen sein. Ihre Meinung zum Thema?/Kontakt zur Redaktion Lesermeinungen Bloß keinen Boom Vielen Dank für die gute Berichterstattung über die olympischen Spiele. Gerade Ihrem letzten Artikel kann ich in fast jedem Punkt voll und ganz zustimmen. Nur in einem nicht: einen Boom kann ich unserem Sport nicht wirklich wünschen. Denn der große Vorteil, eine Randsportart zu betreiben, liegt doch darin, dass sich hier die Auswüchse noch in Grenzen halten, wenn man kein Geld mit diesem Sport verdienen kann. Sobald dies erst einmal in großem Maßstab möglich ist, scheinen bei den allermeisten Sportlern (und ihren Betreuern, Managern, etc. ..) die Sicherungen im Gehirn vollkommen durchzubrennen. Das ließ sich bei bei diesen Olympischen Spielen einmal mehr beobachten. Diese ganze Veranstaltung ist doch mittlerweile von einem Sportfest der Amateure zu einem einzigen Kommerz - und Dopingzirkus verkommen - angefangen bei den Schwimmern und Leichtathleten mit ihren Wunderweltrekorden, an die kein Mensch mehr glauben kann, bis hin leider auch zu den Reitern im Spitzensport, wie die jüngsten Ereignisse mal wieder zeigen. Und was bei denen zuhause noch so alles gemacht und getrickst wird, das weiß ja ohnehin kein Mensch. Wie unendlich froh und stolz bin ich daher, dass ich eine Sportart betreibe, mit deren Spitzenvertretern ich mich vorbehaltlos identifizieren kann, die eine über jede Kritik erhabene, reel erarbeitete Leistung bringen, und das OHNE Doping-Affären und Rollkur-Skandale (denn die Ausbildungsmethoden der Dressur-Olympiasiegerin sind ja auch allseits bekannt, scheinen aber niemanden zu stören)! Für mich waren unsere Reiter einer der ganz wenigen Lichtblicke bei diesen Spielen - und dass ihnen die Revanche für Athen gelungen ist, machte diese drei Tage der Olympischen Military zu einer absoluten Sonderveranstaltung. Jeder einzelne Tag hat mir persönlich für mein Reiten einen neuen Auftrieb gegeben, alleine nur zu sehen, was man erreichen kann, wenn man mit seinen Kollegen und mit seinem Pferd ein wirkliches Team bildet. Davon sollten sich die deutschen Springreiter mal eine ganz dicke Scheibe abschneiden! Hinrich Romeike, seit Jahren mein Idol, ist für mich mit diesen Spielen zu einem der größten reiterlichen (und menschlichen) Vorbilder avanciert, die dieses Land besitzt. Er ist ein echter Amateur (und die kann man ja bei Olympia mittlerweile an einer Hand abzählen) mit Herz, Hirn und Humor. Niemand hatte diese Goldmedaille mehr verdient als er, und als unser Team. Irgendwo scheint es doch (wenn auch nur selten) noch eine Gerechtigkeit zu geben! A. Grimmig (Balve)
Der "Ball der Schuld" Nun bringen auch Sie diese Feststellung, das deutsche Team hätte zumindest "sportlich" in Athen die Goldmedaille errungen, damit tun wir uns keinen Gefallen. Mein Sohn wurde bereits als kleiner Bursche mit dem Regelwerk vertraut gemacht und es gab einige Tränen, bis er konzentriert genug war, um auf Start und Ziel und die Startglocke zu achten. Wenn eine erfahrene Vielseitigkeitsreiterin und Fachbuchautorin wie Bettina Hoy ihre Nerven nicht genügend im Griff hat und gegen die Gesetze der Vielseitigkeit verstößt, kann sie nicht "sportlich" eine Goldmedaille in Athen verdient haben. Es ist jetzt "unsportlich", immer wieder nach diesem Regelverstoß den "Ball der Schuld" zu anderen zu spielen. Diese Goldmedaille hat Frau Hoy "vergeigt" und keine Engländer oder Franzosen, und wenn ich jetzt lese, dass sie ihren Mann zu einem Wechsel der Nationalität rät, nur weil er ein einziges Mal nicht zu Olympia berufen wurde (wegen nicht so guter Leistungen übrigens), dann frage ich mich schon ob Frau Hoy nicht eventuell noch mehr Probleme hat als nur dieses Nervenflattern bei Spitzenwettkämpfen!? J. Lindner Anm. der Redaktion: Sorry, Bettina Hoy hat nicht die Goldmedaille "vergeigt", sondern sie wurde, bekanntlich, Opfer eines totalen organisatorischen Chaos' beim Springen, so dass sie beim Glockenzeichen das Überreiten der Startlinie gar nicht verhindern konnte. Überdies waren den Deutschen sportgerichtlich die Medaillen eindeutig zuerkannt worden. Nur ein rein formaler Fehler führte letztlich zu dem umstrittenen CAS-Urteil.
Krone für den "Buschreiter" Gratulation, nach einer exzellenten Berichterstattung der Spiele in China setzt dieser Bericht noch einmal dem „Buschreiter“ die Krone auf. Sie sprechen mir aus vollem Herzen und beleuchten auch die Leistung von R.Wendt und seinem Team aus Warendorf. Weiter so! Marcus Beumker, Ennigerloh (Fan-Gemeinde Frank Ostholt)
Medaille ohnehin verloren Zum Anspruch an die journalistische Glaubwürdigkeit, die hier so gerne betont wird, gehört meiner Meinung nach der Hinweis, dass bei Ringwood Cockatoo – jenseits des Startlinien-Streits – in Athen eine verbotene Medikation festgestellt wurde. Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß, dass die Equipe die Medaille damals ohnehin verloren hätte. Nur mag sich daran niemand so recht erinnern. Über die vermeintliche Ungerechtigkeit bzw. Unfähigkeit der Ground Jury kann man sich natürlich viel besser echauffieren... Thomas Musch (Stockach) |
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