Olympia: Gelände
"Er hat den Job seines Lebens gemacht"
VON WOLF-DIETRICH NAHR
(6.45 Uhr MESZ) Egal wie die olympische Vielseitigkeit in Hongkong ausgeht: Dieser 11. August 2008 wird aus deutscher Sicht Sportgeschichte schreiben. Nach atemberaubenden Weltklasse-Leistungen der heimischen Eventer im Cross von Mike Etherington-Smith bei zum Teil strömendem Regen hat nicht nur das Team die Führung übernommen. In der Einzelwertung stehen Hinrich Romeike mit Marius Voigt-Logistik und Ingrid Klimke mit FRH Butts Abraxxas an der Spitze des olympischen Feldes. Bilderbuch
Genialisch-elegant und sehr dynamisch waren Klimke und Braxxi aus der Startbox regelrecht über die ersten Hindernisse des gut 4,5 Kilometer langen Kurses zwischen den Grüns des Golfclubs am Beas River geflogen. Fast etwas beklemmend das hohe Grundtempo des Paares im ersten Drittel des Cross: Würde der Sprit reichen? Er reichte. Und Ingrid Klimke, nach der Dressur an Platz 3, hatte genug Zeit, am vorletzten Hinderniskomplex, den Pagoden (zwei versetzte schmale Bürsten), den alternativen Weg zu wählen. Dort wo eine ganze Reihe von Medaillenanwärtern nach Stopps ihre Edelmetall-Hoffnungen begraben mussten. Just dort hatte auch Peter Thomsen einen Vorbeilaufer von The Ghost of Hamish einzustecken gehabt – für das deutsche Team eine Schrecksekunde, denn das Paar sollte ja eigentlich mit einer schnellen Nullrunde den Boden bereiten für alle weiteren Mannschaftspläne. Thomsen fand sich nach dem Gelände an Platz 44 wieder.
Keiner in der Zeit
Alle 70 Paare sahen sich mit einem selektiven Olympia-Kurs konfrontiert, dessen Efforts aber keine schlechten Bilder produzierten, sondern auch den Außenseitern aus den Schwellenländern eine faire Chance boten, bei besonnenem und alternativem Reiten das Ziel zu sehen. Die zahlreichen Wendungen, technischen Anforderungen, das hügelige Gelände und am Ende starker Regen sorgten dafür, dass letztlich kein einziges Paar die Optimum Time von acht Minuten erreichte.
Mit der drittschnellsten Zeit pilotierte Hinrich Romeike seinen Marius auf Goldkurs. Dabei sah die Vorstellung des Holsteiners wie gewohnt gar nicht so übermäßig rasant aus. Aber die enorme Übersetzung des Schimmels, die große Routine des Paares auch an technisch fordernden Komplexen wie am ersten Wasser und an der chinesischen Mauer, der mühelose Rhythmus und die große Effektivität an jedem einzelnen Sprung addierten sich am Ende zu der Spitzenzeit. Romeike: "Der Kurs war sehr hart, sehr viele Wendungen. Als ich geritten als 32. geritten bin, war die Ideallinie schon von 30 Reitern genommen worden.Der Boden wurde tief und das hat mein Pferd ermüdet." Warum hat er viel gelächelt unterwegs? "Marius hat den Job seines Lebens gemacht."
Sport auf Weltniveau
Begraben ist der Olympia-Skandal von Athen mit der Aberkennung von Einzel- und Mannschaftsgold, vergessen ist der Einspruch-Krieg, der anderen Eventern und Nationen vor vier Jahren die Trophäen am Grünen Tisch eingebracht hat, sagen Offizielle und Aktive. Und dennoch schien es so, als wollten die deutschen Reiter in der Nacht zum Montag Revanche nehmen, zeigen, dass sie wirklich das Zeug zu olympischen Edelmetall haben. Alle fünf Paare führten vor, dass Athen und Aachen keine Zufallsergebnisse waren: Vielseitigkeitssport auf Weltniveau.
Leicht übermotiviert
Frank Ostholt und Mr. Medicott gingen eigentlich als mögliches Streichergebnis in die Startbox, doch der Chef des Warendorfer DOKR-Leistungszentrums kam mit einem nervenstarken, flüssigen, aggressiven Ritt zurück und könnte von Platz 12 aus mit der Vergabe der Einzelmedaillen auch noch etwas zu tun haben. Die kleine irische Galoppiermaschine wirkte trotz des konditionell anspruchsvollen Geländes ab und zu etwas übermotiviert und verdutzt zugleich – bei all den abrupten Wendungen, die Etherington-Smith den Olympioniken abverlangt hatte. Frank Ostholt ritt mit einem ungläubigen Blick auf die Uhr durch die Lichtschranke. Mit erhobenem Zeigefinger und geballter Faust ließ er seine Begeisterung über die tolle Leistung seines Pferdes heraus.
Dibo und Leon in Bestform
Makellos, hochkonzentriert, cool und sicher pilotierte Andreas Dibowski Euroridings Butts Leon durch das Cross, am Ende eines Feldes von 70 Paaren, von denen schließlich 60 in der Wertung waren. Dabei prasselte Dibo und Leon stärker und stärker der Hongkonger Regen ins Gesicht. Der zunehmend schlüpfrige Boden ließ das Paar unbeeindruckt. Mit Platz 8 sammelte Andreas Dibowski nicht nur wertvolle Punkte für das Teamresultat, das am Dienstag beim Abschlussspringen komplettiert wird. Der Profi aus Egestorf rückt damit ebenfalls ganz nah in Reichweite einer ersten Einzelmedaille bei einem internationalen Championat.
Die deutschen Eventer belegen am Ende die Plätze 1, 2, 8, 12 und 44. Die Einzelentscheidung wird ein Wimpernschlag-Finale werden: Die ersten 12 Paare liegen nach dem Cross im Bereich von zwei Abwürfen im Parcours. Auch die Teamentscheidung wird bis zum Schluss hochspannend sein: Deutschland (158.10) hat einen hauchdünnen Vorsprung vor Australien (162.0). Etwas größer ist der Abstand der drittplatzieren Briten (173.7). An Platz vier liegen überraschend die Italiener mit einem Zwischenresultat von 198.4.
Französisches Team geplatzt
Aus der Traum von einer Mannschaftsmedaille für die Franzosen, die ja durch den Ausfall von Jean Teuleure und von Nicolas Touzaint auf drei Paare reduziert waren. Nach dem Sturz von Jean Renaud Adde von Haston D'Elpegere war das Team der Tricolore geplatzt. Auch die US-Amerikaner (7.) erlebten einen herben Rückschlag: Amy Tryon ging nach einem Rumpler von Poggio am Vogelkäfig ganz unsanft zu Boden und schied damit aus.
Hindernis 28 die Klippe
Lucinda Fredericks entschied sich trotz der Führung nach der Dressur zu einer mannschaftsdienlichen Runde mit Headley Britannia im Cross, kassierte 27.2 Zeitfehler und reihte sich an Rang 11 ein. Der Pagodenklippe an Sprung 28 fielen mit Verweigerungen unter anderem der japanische Einzelreiter und Bettina-Hoy-Schüler Yoshi Oiwa/Gorgeous George und die US-Amerikanerin Karen O'Connor/Mandiba zum Opfer. Dauerolympionike Andrew Nicholson stürzte dort mit Lord Killinghurst, weil das Pferd offensichtlich nicht mehr die Kraft zum Absprung hatte. Sein neuseeländischer Mannschaftskollege Mark Todd wollte ein makelloses Comeback hinkriegen und entschied sich just dort für die längere Alternative und ritt Gandalf fehlerfrei an Rang 29 ins Ziel.
Die Mannschafts- und Einzelmedaillen werden am Dienstag von 19.15 Uhr bis 0.15 Uhr (ab 13.15 Uhr deutscher Zeit) vergeben.
Ergebnisse
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