Buschreiter.de aktuell: Olympia 2008
Buschreiterei im Wirbelsturm?
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Wieder behandelt die Olympische Bewegung den Vielseitigkeitssport nicht besonders gut: Nach der nervenaufreibenden Diskussion über die Streichung von Eventing aus dem olympischen Programm kam vergangene Woche die äußerst ernüchternde Nachricht, dass alle Reitsport-Veranstaltungen von Peking 2008 nach Hongkong verlegt werden sollen. Unter allen Reitdisziplinen ist naturgemäß die Vielseitigkeit von der Entscheidung besonders stark betroffen.
Der Grund: Hongkong zeichnet sich normalerweise durch extreme Hitze und Luftfeuchtigkeit sowie durch starke Regenfälle und Stürme aus. Alles zusammen kann unter ungünstigen Bedingungen ausgesprochen schlechte Turnier-Konditionen für Ross und Reiter schaffen. Damit mutet Olympia zum vierten Mal in Serie den Pferde besonders ungünstige Event-Umstände zu: In Atlanta, Sydney und Athen (Archivfoto Wolf-Dietrich Nahr) waren jeweils höchst aufwendige Vorkehrungen getroffen worden, um eine besondere Pferdevor- und -nachsorge bei hohen Temperaturen und außergewöhnlicher Luftfeuchtigkeit möglich zu machen. Auch im Vorfeld von Hongkong soll eine Studie die besonderen Bedingungen erkunden helfen. Die FEI macht sich bereits Gedanken, wie die Event-Anforderungen auf die widrigen Klimaverhältnisse ausgelegt werden können. So gibt es inzwischen Überlegungen, die Zeitpläne so zu gestalten, dass Teilprüfungen notfalls am Tage verschoben werden können wenn zum Beispiel ein Sturm die Richterhäuschen vom Dressurviereck weggeblasen hat. Spezialle Kühlungsbereiche sollen den Pferden vor allem nach dem Cross Linderung verschaffen. Dennoch sind die Reiter in Sorge, dass die Verlegung von Peking nach Hongkong nicht zum Besten der Pferde sein wird. Die FEI dementierte zwar Informationen, dass Reiter im Fall eines Ortswechsels mit dem Boykott der Olympischen Spiele gedroht haben. Es existiert aber ein Brief von Reiter-Vertretern an die FEI, in dem zum Ausdruck gebracht ist, dass man die Gesundheit der Pferde "nicht aufs Spiel setzen" werde, sprich: Manche FN oder einzelne Pferdebesitzer oder Jockeys könnten überlegen, Olympia 2008
für sich gedanklich zu streichen. Entschieden hat die Verlegung das Olympia-Organisations-Komitee in Peking obwohl es die klare Zusage gibt, dass man für die Vierbeiner unter den fünf Ringen in China handhabbare Quarantäne-Bedingungen schaffen werde. Offiziell heißt es nun im Reich der Mitte, eben diese Gesundheits-, Seuchen- und Tiereinreisebedingungen seien angeblich nicht hinzukriegen. Aus dem Zusammenhang drängt sich der Eindruck auf, dass diese Quarantäne-Frage nur vorgeschoben ist: Vermutlich haben die perfektionistischen chinesischen Organisatoren (zu spät) erkannt, dass ein Reitsportzentrum mit erheblichen finanziellen Aufwendungen verbunden ist. So hatte die FEI frühzeitig Einsparungsvorschläge gemacht, ohne dass Peking darauf eingegangen wäre. Insbesondere wurden die Empfehlungen ignoriert, die Infrastruktur mit temporären Einrichtungen zu schaffen. Die technokratische Entscheidung der Chinesen lässt außer Acht, dass mit dem Reitsport eine sehr traditionsreiche olympische Disziplin quasi ins Abseits geschickt wird, eine Tatsache, die das Ansehen von Olympia 2008 nachhaltig beeinträchtigt. Bleibt noch die Frage, wie es die Olympia-Macher schaffen wollen, innerhalb von drei Jahren in Hongkong alle Einrichtungen für das Championat mit Hunderten von Pferden, Reitern, Betreuern, Offiziellen etc. zu schaffen. Immerhin bietet der Hongkong Jockey Club (Foto), Schauplatz international renommierter Turf-Ereignisse und Standort einer der besten tiermedizinischen Kliniken in ganz Asien, einen wichtigen Kooperationspartner. Externe Olympia-Reiterspiele gab es schon einmal: 1956 wollte man den Tieren den Transport "down under" nach Melbourne nicht zumuten und ließ die Olympia-Pferde statt dessen in Stockholm aufgaloppieren.
© Verlag Nahr, D-93059 Regensburg/Germany, Wöhrdstr. 49
Werben in buschreiter.de?E-Mail
verlag-nahr@buschreiter.de