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Beate und Dr. Hubertus Schmidtlein haben sich der Zucht von erfolgreichen Vielseitigkeitspferden verschrieben. First Flight's Dancer (links) ging bei der 2009er Top-Eventers-Auction an die schweizerische Olympiareiterin Marisa Cortesi (Fotos privat)

Gestüt Heidekaten/Projekt Nurmi

"Wir wollen das nächste Olympiapferd züchten"

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Es sind die großen Reiterpersönlichkeiten und die Toppferde, die die Spitzenvielseitigkeit prägen. Nicht minder wichtige Akteure der Szene sind die Züchter, die anders als beispielsweise in England häufig nicht sehr im Scheinwerferlicht stehen. Sollten sie aber. Beispiel: das Züchterpaar Beate und Dr. Hubertus Schmidtlein vom Gestüt Heidekaten in Mecklenburg-Vorpommern. Dr. Schmidtlein ist der Initiator und Vorsitzende des bemerkenswerten "Projektes Nurmi e.V.". Und der Vereinszweck ist gar nicht bescheiden: "Wir wollen das nächste Olympiapferd züchten."

Das Projekt Nurmi: Benannt ist der 2001 gegründete Zuchtverein quasi nach einem Vorgänger von Marius Voigt-Logistik: Nurmi war das legendäre Pferd von Ludwig Stubbendorf, mit dem er olympisches Mannschafts- und Einzelgold gewann. Rund 30 Trakehner-Züchter haben sich in dem Verein zusammengeschlossen, der sich ziemlich kompromisslos der Zucht, der Ausbildung und dem Einsatz von Vielseitigkeitspferden widmet.

"Charakterprüfung" im Gelände

Wichtigste und nachhaltigste Leistung des Vereins: die Etablierung der Projekt-Nurmi-Vielseitigkeitsprüfung, die seit 2002 auf dem Trakehnerhof Valluhn von Roland Cillwik bei Zaretin in Mecklenburg-Vorpommern stattfindet. Der bisher einmalige (und hochoffiziell anerkannte) Prüfungstyp ist für 3- und 4-jährige Zuchtstuten und Remonten des Vielseitigkeitssportes konzipiert worden und findet immer im Oktober statt. Nach einem Freispringen (Freitag) werden die jungen Pferde am Samstag in einer sogenannten Feldprüfung von ihrem Reiter vorgestellt. Nach einem kleinen Parcours mit vier freundlichen Stangenhindernissen ähnlich wie bei einer Eignungsprüfung folgt gleich anschließend eine "Charakterprüfung" über eine etwa 2500 Meter lange Geländestrecke mit sechs breiten, einladenden Hindernissen (Baum, Bürste, Wasserdurchritt) auf E-Level.

Sechs Monate unter dem Sattel

Gleich danach werden auf Trab- und Schrittstrecken die Grundgangarten getestet. Den Abschluss der Feldprüfung bildet eine 500 Meter lange Rennstrecke. Dr. Hubertus Schmidtlein über die Anforderungen an die jungen Pferde, die zum Zeitpunkt der Valluhner Prüfung fünf bis sechs Monate unter dem Sattel sind: "Die technischen Anforderungen sind niedrig, und laufen können die Pferde alle."

Konditionsnote für die Youngster

Den Abschluss bildet am Sonntag ein nur kurzer Fremdreitertest von etwa 15 Minuten Dauer, wobei der "Heimreiter" das Pferd für diesen Prüfungsteil abreitet. Zum Einsatz kommen erfahrene Vielseitigkeitsreiter. Bei dem bewertenden Richtverfahren vergeben zwei Richter und ein Tierarzt die Noten. Der Veterinär misst ähnlich einer herkömmlichen Verfassungsprüfung Puls und Atmung der Vierbeiner und vergibt auch nach dem persönlichen Eindruck eine Konditionsnote.

Elf fürs Bundeschampionat qualifiziert

122 Pferde haben bisher die Valluhner Prüfung durchlaufen. Die Bilanz ist durchaus eindrucksvoll: Elf der jeweils hochplatzierten Pferde schafften später die Qualifikation für das Bundeschampionat, sechs "Absolventen" der Projekt-Nurmi-Vielseitigkeitsprüfung traten in Warendorf auch an und drei der Valluhner Talente kamen ins Finale. Das waren Florin (10. bei den 5-jährigen in 2004), Raumalpha (2006 im Finale und 2007 Vizebundeschampion) und Hakuna Matata (2009 bei den 5-Jährigen im Finale).

Alternative zum 30-Tage-Test?

Trotz der bemerkenswerten Erfolgsbilanz ist es bisher nicht gelungen, das Prüfungskonzept auch in anderen Bundesländern zu etablieren: Anläufe in Bayern und in Sachsen scheiterten wegen zu geringer Nennungszahlen – möglicherweise bedingt durch den noch zu geringen Bekanntheitsgrad. Derzeit gibt es Anstrengungen, für die Projekt-Nurmi-Vielseitigkeitsprüfung eine Zulassung als Alternative für den 30-Tage-Test für Zuchthengste zu bekommen.

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Die Pferdewirtschaftsmeisterin Beate Schmidtlein investiert viel Zeit in die individuelle Pferdeausbildung (Foto privat)

Das Gestüt Heidekaten: Beate und Dr. Hubertus Schmidtlein haben 1997 ein landwirtschaftliches Anwesen in Mecklenburg-Vorpommern einen Kilometer von der Ostseeküste entfernt erworben, um sich dort der Pferdezucht zu widmen – und zwar nicht als schicker Zeitvertreib von Gutbetuchten. Für den Bauernsohn ist die Zucht "eine Berufung". Der frühere Flugzeugbau-Ingenieur in der Airbus-Industrie war trotz seines starken beruflichen Engagements immer beritten. Ehefrau Beate, eine gelernte Bankerin, ist Pferdewirtschaftsmeisterin. Sie hat in über zehn Jahren auf dem Gestüt Heidekaten die Ausbildungsmethoden in der Überzeugung verfeinert, dass es nicht nur die Gene sind, die ein leistungsfähiges Vielseitigkeitspferd ausmachen, sondern dass gerade Vierbeiner mit hohem Blutanteil besondere Zuwendung bei Aufzucht und Ausbildung brauchen. Die Schmidtleins streben folgendes Ideal an: das Pferd als "mitdenkenden Partner des Reiters".

Mehr als nur eine Doppelbegabung

Bei der Zucht orientiert sich das Ehepaar Schmidtlein an der "Dreiviertel-Blut-Formel", wobei es dem Gestüt Heidekaten nicht einfach nur um die Dressur-/Spring-Doppelbegabung, sondern möglichst um den Einsatz im Vielseitigkeits-Spitzensport geht. Die Züchter studieren deshalb genau die gewandelten Anforderungen im Drei- und Vier-Sterne-Bereich. "Die Pferde benötigen in Zukunft im Gelände mehr gezielt einsetzbare Kraft als bisher, und zwar für die auf gebogenen Linien aufgereihten Hindernisse und für die zu springenden fliegenden Wechsel und die anspruchsvolleren Springparcours", so Dr. Hubertus Schmidtlein.

Zwei Heraldik-Töchter in der Zucht

Konkret bedeutet dies den Einsatz von "viel Spezialblut", aber auch eines "kalkulierten Warmblutanteils". Im Mittelpunkt der Heidekaten-Zucht standen und stehen der 22-jährige Starway, Cavallieri xx, ein neuseeländischer Vollblüter – und lange Zeit auch der legendäre Heraldik xx. Die Schmidtleins setzen zwei Töchter des weltweit einflussreichsten Vielseitigkeitsvererbers in der eigenen Zucht ein. Für die "externe Nachfrage" steht außerdem der nicht gekörte, aber fürs Bundeschampionat qualifizierte Trakehner Hengst Raumpionier bereit. Die zehn bis zwölf Zuchtstuten des Gestüts Heidekaten werden nicht in jedem Jahr eingesetzt, so dass Jahr für Jahr fünf bis sechs Fohlen das Licht der Welt erblicken.

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Raumalpha (hier beim Bundeschampionat) feierte mit seiner Besitzerin Franziska Attinger bereits eine Zwei-Sterne-Platzierung (Foto privat/Website Heidekaten)

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Auktionen/Sport: Das Gestüt Heidekaten verfügt quasi über eine Schweiz-Connection. Drei eidgenössische Amazonen haben sich jeweils bei der Top-Eventers-Auction von Elmar Lesch in Luhmühlen Pferde aus dem Gestüt gesichert. Franziska Attinger ersteigerte 2007 Raumalpha, der ein Jahr zur Ausbildung bei dem Profi in Baverndorf blieb und nun von der Besitzerin geritten wird – mit aussichtsreicher Zwei-Sterne-Platzierung und einem CIC*-Sieg in der Saison 2009. Die Schweizer Olympiareiterin Marisa Cortesi erhielt 2009 den Zuschlag für den 5-jährigen Wallach First Flight's Dancer, der von dem Halbblüter Sky Dancer und aus einer Almox Prints-Stute gezogen wurde. Cortesis Landsmännin Tamara Acklin hob die Hand zur rechten Zeit für die 5-jährige Trakehner Stute Light of Polaris von Grand Prix und aus einer Bouquet AA-Mutter.

Zehn Visitenkarten in der Hand

Dies sind drei Beispiele für die erfolgreiche Vermarktung von jungen Pferden aus der Zucht des Gestüts Heidekaten. Die Auktionsergebnisse sind dabei nur die Spitze des Eisberges. Dr. Hubertus Schmidtlein berichtet zum Beispiel von einem regen Interesse von "bedeutenden deutschen Reitern" am Rande der Luhmühlener Versteigerung von Vielseitigkeitspferden. Der Züchter wird dabei immer wieder von Eventern direkt angesprochen, die erklärtermaßen bei der Auktion nicht mitbieten wollen, aber talentierte Nachwuchspferde zum Einsatz im Sport suchen. Schmidtlein: "Und plötzlich hatte ich zehn Visitenkarten in der Hand." Doch vom erhofften Ruhm allein kann der Züchter weder leben noch seinen Betrieb aufrechterhalten. "Manche Reiter sind in der Position, dass man sogar noch Geld mitbringen muss, aber der Züchter muss irgendwann einmal auch ein paar Pfennige verdienen."

Links zum Thema:

www.gestuet-heidekaten.de

www.projekt-nurmi.de

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Ein künftiger Olympionike? First Flight's Dancer steht im Stall der Schweizer Championatsreiterin Marisa Cortesi (Foto privat)

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