Gestüt Heidekaten/Projekt Nurmi
"Wir wollen das nächste Olympiapferd züchten"
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Es sind die großen Reiterpersönlichkeiten und die Toppferde, die die Spitzenvielseitigkeit prägen. Nicht minder wichtige Akteure der Szene sind die Züchter, die anders als beispielsweise in England häufig nicht sehr im Scheinwerferlicht stehen. Sollten sie aber. Beispiel: das Züchterpaar Beate und Dr. Hubertus Schmidtlein vom Gestüt Heidekaten in Mecklenburg-Vorpommern. Dr. Schmidtlein ist der Initiator und Vorsitzende des bemerkenswerten "Projektes Nurmi e.V.". Und der Vereinszweck ist gar nicht bescheiden: "Wir wollen das nächste Olympiapferd züchten."
Das Projekt Nurmi: Benannt ist der 2001 gegründete Zuchtverein quasi nach einem Vorgänger von Marius Voigt-Logistik: Nurmi war das legendäre Pferd von Ludwig Stubbendorf, mit dem er olympisches Mannschafts- und Einzelgold gewann. Rund 30 Trakehner-Züchter haben sich in dem Verein zusammengeschlossen, der sich ziemlich kompromisslos der Zucht, der Ausbildung und dem Einsatz von Vielseitigkeitspferden widmet.
"Charakterprüfung" im Gelände
Wichtigste und nachhaltigste Leistung des Vereins: die Etablierung der Projekt-Nurmi-Vielseitigkeitsprüfung, die seit 2002 auf dem Trakehnerhof Valluhn von Roland Cillwik bei Zaretin in Mecklenburg-Vorpommern stattfindet. Der bisher einmalige (und hochoffiziell anerkannte) Prüfungstyp ist für 3- und 4-jährige Zuchtstuten und Remonten des Vielseitigkeitssportes konzipiert worden und findet immer im Oktober statt. Nach einem Freispringen (Freitag) werden die jungen Pferde am Samstag in einer sogenannten Feldprüfung von ihrem Reiter vorgestellt. Nach einem kleinen Parcours mit vier freundlichen Stangenhindernissen ähnlich wie bei einer Eignungsprüfung folgt gleich anschließend eine "Charakterprüfung" über eine etwa 2500 Meter lange Geländestrecke mit sechs breiten, einladenden Hindernissen (Baum, Bürste, Wasserdurchritt) auf E-Level.
Sechs Monate unter dem Sattel
Gleich danach werden auf Trab- und Schrittstrecken die Grundgangarten getestet. Den Abschluss der Feldprüfung bildet eine 500 Meter lange Rennstrecke. Dr. Hubertus Schmidtlein über die Anforderungen an die jungen Pferde, die zum Zeitpunkt der Valluhner Prüfung fünf bis sechs Monate unter dem Sattel sind: "Die technischen Anforderungen sind niedrig, und laufen können die Pferde alle."
Konditionsnote für die Youngster
Den Abschluss bildet am Sonntag ein nur kurzer Fremdreitertest von etwa 15 Minuten Dauer, wobei der "Heimreiter" das Pferd für diesen Prüfungsteil abreitet. Zum Einsatz kommen erfahrene Vielseitigkeitsreiter. Bei dem bewertenden Richtverfahren vergeben zwei Richter und ein Tierarzt die Noten. Der Veterinär misst ähnlich einer herkömmlichen Verfassungsprüfung Puls und Atmung der Vierbeiner und vergibt auch nach dem persönlichen Eindruck eine Konditionsnote.
Elf fürs Bundeschampionat qualifiziert
122 Pferde haben bisher die Valluhner Prüfung durchlaufen. Die Bilanz ist durchaus eindrucksvoll: Elf der jeweils hochplatzierten Pferde schafften später die Qualifikation für das Bundeschampionat, sechs "Absolventen" der Projekt-Nurmi-Vielseitigkeitsprüfung traten in Warendorf auch an und drei der Valluhner Talente kamen ins Finale. Das waren Florin (10. bei den 5-jährigen in 2004), Raumalpha (2006 im Finale und 2007 Vizebundeschampion) und Hakuna Matata (2009 bei den 5-Jährigen im Finale).
Alternative zum 30-Tage-Test?
Trotz der bemerkenswerten Erfolgsbilanz ist es bisher nicht gelungen, das Prüfungskonzept auch in anderen Bundesländern zu etablieren: Anläufe in Bayern und in Sachsen scheiterten wegen zu geringer Nennungszahlen – möglicherweise bedingt durch den noch zu geringen Bekanntheitsgrad. Derzeit gibt es Anstrengungen, für die Projekt-Nurmi-Vielseitigkeitsprüfung eine Zulassung als Alternative für den 30-Tage-Test für Zuchthengste zu bekommen.
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