Porträt Wayne Garrick
Naturtalent trainiert bei Busch-Legende Ginny Elliot
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Er tauchte wie ein Phantom aus dem Nichts auf, ein unbeschriebenes Blatt in allen Warendorfer Dateien: Ein Deutscher, der im Mutterland der Vielseitigkeit Großbritannien auf Zwei- und Drei-Sterne-Niveau noch keine Spitzenplätze belegt, aber nicht fehl am Platze ist. Wayne Garrick (28) beendete am letzten September-Wochenende im Rahmenprogramm der Junge-Reiter-EM im Sattel des 12-jährigen Cornish Murphy seine erste lange Drei-Sterne-Prüfung mit einem fehlerfreien Geländeritt.
"Ich habe ihn, ich habe ihn." Wayne Garrick klopft immer wieder ganz aufgeregt an seinen Dressur-Frack: Der Bundesadler prangt an seiner Brust. Der 28-jährige Wayne hat zwar einen deutschen Pass und das Nationalsymbol am Jacket, aber er versteht etwas mehr Deutsch als er spricht. Und die Besitzerin von Cornish Murphy ist über den Bundesadler auf dem Frack ihres Jockeys nicht so recht begeistert: "Sie ist sehr britisch."
Irrfahrt kreuz und quer durch Bayern
Wayne Garrick hat den weiten Weg vom North Lake District in England ins ostbayerische Kreuth auf sich genommen, weil ihm der Dauerregen – wie vielen anderen Eventern auf der Insel – das sorgsam geplante Saisonfinale geflutet hat: Wayne hatte beim CCI*** in Blenheim die Dressur absolviert, als der Klassiker praktisch abgebrochen wurde. "Wohin können wir nur, wir haben alle fitte Pferde", hätten sich alle gesagt. Und so entschloss er sich wie einige andere zum Trip nach "Kreuth", wo ja ebenfalls ein CCI*** auf dem Programm stand. Eine Anreise mit einer kuriosen Irrung: Wayne Garrick hatte versehentlich am Navi schlicht das falsche "Kreuth" ertastet: Gegen Mitternacht strandete der Engländer mit dem deutschen Pass mit seinem Transporter in Kreuth "bei Salzburg", noch in Bayern, aber an der österreichischen Grenze – schlappe 250 Kilometer vom richtigen Kreuth zwischen Regensburg und Nürnberg entfernt. Dann streikte auch noch der Anlasser des Lkw, und Wayne musste den startunwilligen Pferde-Laster gemeinsam mit seiner Begleiterin anschieben.
Mit englischem Humor gesegnet
Wayne erzählt die Geschichte im Journalistenkreis mit so viel trockenem englischen Humor, Selbstironie und Selbstinszenierung, dass die Zuhörer gleich Tränen lachen über den Witz des jungen Vielseitigkeitsreiters. So wie jeder in England Anna Warnecke für nichts anderes als eine Engländerin hält, kann dieser Reiter bei so viel Chuzpe auch nichts anderes als ein Engländer sein.
In Gütersloh zur Schule gegangen
Tatsächlich ist Wayne Garrick wirklich deutscher Staatsangehöriger. Er ist in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Güterloh - nahe Warendorf – aufgewachsen und in Gütersloh zur Schule gegangen. Als er neun Jahre alt war, wanderten seine Eltern – die Mutter ist Deutsche, der Vater "English-Italian" nach England aus. "Ich bin ein Europäer", sagt Wayne nicht ohne Stolz. Wegen seiner deutschen Herkunft wurde der Kleine in England von seinen Mitschülern gelegentlich gehänselt – dies war der Anstoß, im Stall, bei Pferden, beim Reiten einen Ausgleich zu suchen. Mit 14 bekam er das Pony Queeny, mit dem er einige Zeit an sogenannten Showing-Wettbewerben teilnahm. Das erste Großpferd war Ryan, den als als 3-Jährigen bekommen und selbst ausgebildet hat. Wayne Garrick ritt schwere Springen, bestreitet bis heute nationale Dressur-Prüfungen auf S-Niveau und fand vor sieben Jahren zur Vielseitigkeit.
"Sie peitscht mich aus"
Ein Naturtalent und eine weltberühmte Ausbilderin wirkten bei dem jungen Eventer zusammen: Wayne Garrick trainiert etwa zwei Mal im Monat bei Virginia "Ginny" Elliot (Leng), Vielseitigkeits-Legende, vielfache Badminton- und Burghley-Gewinnerin. "Sie peitscht mich aus", beschreibt der Schüler den Ausbildungsimpetus seiner Mentorin, bei der er vorwiegend Dressur und Springen übt.
Chatsworth und Belton
Mit kleinen Prüfungen wollte sich der leidenschaftliche Geländereiter nicht aufhalten: Nach zwei Novice-Prüfungen sprang das Paar gleich auf Intermediate-Niveau. Mit Cornish Murphy erritt Garrick seit 2006 Wertungen unter anderem beim CCI** in Tweseldown, beim CIC** in Somerley, beim CIC*** in Barbury Castle (allerdings mit einem beängstigend hohen Punktekonto), beim CIC*** in Belton und bei einer nationalen S-Prüfung in Chatsworth, wo Olympia-Designer Mike Etherington-Smith wirkt.
"Er beißt mich nicht mehr"
Der 12-jährige Cornish Murphy ist eine Geschichte für sich: Der Wallach war von seinen Besitzern als reines Jagdpferd erworben worden – für gut 2000 englische Pfund. Als der Pferdehändler auf dem Hof die Klappe des Lkw öffnete, sollen die neuen Eigentümer ziemlich entsetzt gewesen sein: "Haarig, ungepflegt, die Muskeln an der falschen Stelle!", beschreibt Wayne den damaligen Zustand des heutigen Drei-Sterne-Pferdes, ein Vierbeiner "altmodischen" Zuschnitts nicht mit den bestechenden Bewegungen und Dressurmöglichkeiten, aber überragend im Gelände. Die besten Manieren hatte der Wallach anfangs auch nicht, aber das ist vorbei: "Er beißt mich nicht mehr und er schlägt auch nicht mehr nach mir."
"Sagen wir, ich werde dafür bezahlt"
Unmittelbar von seinen Eltern hat Wayne die Pferdesport-Veranlagung auf keinen Fall, ausnahmsweise keine "horsy" englische Familie: "Meine Mutter versteht bis heute nicht, was ich tue, sie denkt, ich bin ein bisschen verrückt, mein Vater ist Jäger." Als Berufsreiter würde er sich nicht bezeichnen, obwohl er regelmäßig drei fremde Pferde im Busch und auf dem Dressurviereck vorstellt. Profi? "Theoretisch, sagen wir, ich werde dafür bezahlt."
"Das muss ein Druckfehler sein"
Und wie wurden die Warendorfer Offiziellen auf Wayne Garrick aufmerksam? Jemand entdeckte ihn auf der 2008er Starterliste von Blenheim. "Ein Deutscher, das muss ein Druckfehler sein", hieß es bei der FN. Die Suche nach Wayne Garrick, immerhin seit Jahren international startender Eventer, in den Registern der Bundeshauptstadt des Reitsports verlief ergebnislos. Wayne hatte sich nie irgendwelche Auslandsstarts genehmigen lassen, hatte nie bei einem Bundestrainer seinen Diener gemacht. In Blenheim dann nahm Chris Bartle den Eventer unter die Lupe: "Dich behalte ich im Auge, denn wir haben nicht so wahnsinnig viele Drei-Sterne-Reiter", sagte der Bundestrainer zu Wayne Garrick.
Null im Kreuther Cross
Die CCI***-Premiere in Kreuth ("wir haben nichts Vergleichbares in ganz England") verlief keinesfalls katastrophal: Das geniale Jagdpferd produzierte mit dem S-Dressurreiter auf dem Viereck unter den strengen Augen von Christoph Hess eine 60er Dressur, im Gelände war das Paar Null und eine halbe Minute über der Optimum Time. Nur im schweren Parcours produzierten Ross und Reiter fünf Abwürfe und Zeitfehler. Auch keine Schande, weil nur drei Paare fehlerfreie Runden hingelegt haben.
Kehrt Wayne Garrick irgendwann nach Deutschland zurück, um hier Vielseitigkeit zu reiten? Eher nicht. "In England kann ich an jedem Wochenende irgendwo ein Turnier reiten."
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