Doping im Reitsport
Bettina Hoy: "Mir wurde noch nie etwas angeboten"
Aktive, Sponsoren und Offizielle sind entsetzt: Die Fälle von Pferde-Doping bei Olympia in Hongkong könnten dem Reitsport dauerhaft einen erheblichen Imageschaden zufügen – von dem unmittelbaren Gefährdungspotenzial für die Vierbeiner einmal abgesehen. Die Vielseitigkeitsreiter "haften" hier mit, obwohl bei ihren Pferden bei Olympia keinerlei unerlaubte Mittel festgestellt worden sind. Doch Athen hat gezeigt, wie schnell Aktive in den Verdacht geraten können.
Man erinnert sich: Bei Bettina Hoys Ringwood Cockatoo war in Athen das Vorhandensein der Substanz Hydroxy-Diphenhydramin, eines Metaboliten (Abbaustoffes) der verbotenen Substanz Diphenhydramin festgestellt worden. Ringwood Cockatoo sei wegen einer Schwellung in der Sattellage mehrfach mit einer Benadryl-Lotion eingerieben worden, heißt es damals in einer FN-Pressemitteilung. Bettina Hoy erklärte damals: "Ich habe mich dabei auf die Erlaubnis unseres Mannschaftierarztes Dr. Karsten Weitkamp (Telgte) verlassen, der sich vorher extra bei einem der zuständigen Tierärzte der FEI erkundigt hat, ob diese Behandlung erlaubt sei." Der Fall offenbart den schmalen Grad, auf dem Betreuer, Tierärzte und Reiter wandeln. Durch die vermeintlich harmlose Behandlung eines Pferdes kann der Reiter in den (unberechtigten) Verdacht des Dopings geraten.
"Wasserflasche im Auge"
Am Rande des CHIO Aachen im Juli äußerte sich auch Bettina Hoy in einer Doping-Diskussion zu dem Thema. Sie stellte unmissverständlich fest: " „Mir wurde noch nie was angeboten, auch nicht fürs Pferd." Sie könne sich nicht vorstellen, was Doping (vor allem beim Reiter) bringen sollte. Bettina Hoy: "Aus meiner Sicht liegt das Problem nicht bei den Profis, sondern bei den Amateuren, die bei Kolik den Tierarzt aus dem Nachbardorf rufen, der spritzt was, und drei Wochen später auf dem Turnier werden sie positiv getestet.“ Ruder-Olympiasiegerin Meike Evers ließ anklingen, dass Konkurrenten ein Interesse daran haben könnten, jemanden mit einer positiven Doping-Probe auffallen zu lassen. Deshalb habe sie beim Wettkampf "immer die Wasserflasche im Auge" gehabt.
Futtersäcke eingeschlossen
Bettina Hoy offenbarte, dass auch sie beim Event auf Nummer sicher geht: „Unsere Futtersäcke sind beim Turnier auf dem LKW immer eingeschlossen.“ Als problematisch erwiesen sich manchmal ganz banale Sachen: das Mückenschutzmittel, das im Stall versprüht wird beispielsweise. Sie sprach ein Lob für die FN aus, die alle Championats-Pferde präventiv testen lässt, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden. Allerdings konnte die Vorsichtsmaßnahme den Skandalfall im Springreiter-Lager in Hongkong auch nicht verhindern.
Gang zur Toilette
Bettina Hoy musste als Reiterin zum ersten Mal vor vier Jahren eine Dopingprobe über sich ergehen lassen. "Schon komisch, wenn da einer mit zur Toilette marschiert und einem zuguckt." Die Kontrollen würden immer engmaschiger, aber das sei auch sinnvoll. Den Aufenthaltsort müsse man immer angeben und sich dazu im Internet einloggen oder auch per SMS melden. Bettina Hoy: "Nur blöd, dass das mit den SMS von England aus nicht so gut funktioniert."
Kontrollen nicht unfehlbar
Dr.Clemens Prokop (Präsident Deutscher Leichtathletikverband) gab in der Diskussion zu bedenken, dass Dopingkontrollen nicht unfehlbar sind, der Fall Thomas Springstein (Leichtathletik-Trainer) hat gezeigt, dass Kontrollen auch zu umgehen sind durch (noch) nicht nachweisbare Substanzen. Prokop: "Es ist ein Rennen Hase gegen Igel, aber es geht um die Grundethik des Sports. Auch wenn andere dopen: wir dopen nicht!" Rational betrachtet sei Hochleistungssport sowieso unsinnig, aber Fairplay im Wettkampf gäben dem ganzen einen Sinn. Immerhin gebe es eine Vorbildfunktion des Sports, der Identifikation ermögliche und eine Integrationswirkung entfalte.
Finanzieller Verlust
Meike Evers beschrieb die abschreckende Wirkung: Die meisten Sportler lebten von der Sporthilfe. Diese Gelder müssten zurückgezahlt werden, wenn sie gedopt erwischt werden. Evers: "Von der Presse werden sie niedergemacht, die Medaillen und Rekorde sind futsch, aber das Schlimmste ist der finanzielle Verlust." Umstritten blieb in der Diskussion, ob Doping von der ordentlichen Justiz als Betrug verfolgt und bestraft werden sollte.
"Unbedingt Handlungsbedarf"
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat im Rahmen der Bundeschampionate in Warendorf zusätzliche Maßnahmen im Kampf gegen Doping auf den Weg gebracht, die sie in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz vorstellte. Anlass waren die jüngsten Fälle unerlaubter Medikationen beziehungsweise Dopingfälle bei den Olympischen Spielen in Hongkong, bei denen auch der deutsche Schimmelwallach Cöster, geritten von Christian Ahlmann (Marl), positiv getestet wurde. „Es besteht unbedingt Handlungsbedarf. Die Tatsache, dass es sich um insgesamt fünf positive Fälle im Springen handelt, ist Anlass genug, sich noch intensiver mit der Thematik auseinanderzusetzen“, sagte FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau (Breitenburg) laut Pressemitteilung der FN.
Ausschluss aus Championatskader
Das FN-Präsidium und der Springausschuss äußerten ihr völliges Unverständnis darüber, dass es trotz umfangreichster Präventionsmaßnahmen dazu kommen konnte, dass mit Christian Ahlmanns Pferd Cöster ein positiver Fall in der eigenen Mannschaft aufgetreten ist. Inzwischen wurde Christian Ahlmann aus dem Championatskader der Springreiter ausgeschlossen. „Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um Tatsachen und Hintergründe im Detail aufzuklären und gegebenenfalls notwendige Maßnahmen ohne Rücksicht auf Personen zu ergreifen“, ergänzte der FN-Präsident weiter.
Netz wird noch enger gezogen
Um systematisch gegen Doping im Pferdesport vorzugehen, investiert der Verband jährlich rund 480.000 Euro. „Die Deutsche Reiterliche Vereinigung wird in Zusammenarbeit mit ihren Untergliederungen und ausgewählten Experten alles unternehmen, um das bereits jetzt schon enge Netz der Maßnahmen zur Prävention, Verhinderung und gegebenenfalls Aufklärung von Missständen noch enger zu ziehen“, kündigte Rantzau an.
Mehr Kontrollen angekündigt
Das FN-Präsidium und der Springausschuss des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) wurden sich bei ihren gestrigen Sitzungen in Warendorf schnell einig: „Es wird ein noch engeres Kontrollsystem für den deutschen Pferdesport geben“. Kurzfristig werden Medikationskontrollen auf Turnieren verstärkt und das Kontrollsystem in Zusammenarbeit mit den Veranstaltern erweitert. Die führenden deutschen Turnierveranstalter haben sich bereits in einem Treffen unmittelbar nach den Olympischen Spielen darauf geeinigt, ab sofort die Anzahl der Dopingproben bei den Veranstaltungen anzuheben. Das bedeutet, dass bei allen Prüfungen, die für Weltranglistenpunkte relevant sind, die Pferde der an erster bis dritter Stelle platzierten Reiter zur Medikationskontrolle müssen.
Kontrollen in den Ställen
Als weitere kurzfristige Maßnahme wird die Arbeit der Stewards während eines Turniers intensiviert, so dass diese vermehrte Kontrollen auf Abreiteplätzen und in Ställen durchführen. In Abstimmung mit der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) will die FN zusätzliche Veterinär-Checks vor großen Springprüfungen ansetzen. Zudem werden verschiedene Expertengruppen mit dem Ziel einberufen, innovative Lösungen für verschiedene Themenkomplexe wie Rechtssysteme und Parcoursbau zu entwickeln.
Haarproben und Thermografie
Neben den kurzfristigen Maßnahmen, hat sich die FN auch mittelfristig Ziele gesetzt. Die verbandsinterne Rechtsordnung soll neu geordnet werden. Das bedeutet, dass entweder die NADA neben den Kontrollen im Humansport auch die im Pferdesport übernimmt, oder die FN von den Erfahrungen der NADA auf diesem Gebiet profitiert. „Davon versprechen wir uns, unsere Kontrollen besser zu machen“, erläuterte Reinhard Wendt, Geschäftsführer des DOKR, die Zielsetzung. Mittelfristig sollen auch Forschungsprojekte, die dazu beitragen, das Kontrollsystem zu optimieren, vorangetrieben werden. Als Idee steht unter anderem die Analyse von Pferdehaarproben im Raum, die neben der Thermografie Manipulationen aufdecken soll.
Droht Olympia-Rauswurf?
Möglicherweise ist mit den Hongkonger Dopingfällen schon massiver Schaden auf dem olympischen Feld angerichtet:Die FEI-Präsidentin Prinzessin Haya Bint Al Hussein wurde in diesen Tagen mit der nachdrücklichen Warnung zitiert, dass der Reitsport vielleicht schon 2012 den Status einer olympischen Disziplin verlieren könnte – und das unter anderem wegen der negativen Wirkung der jüngsten Dopingaffären.
buschreiter.de/Wolf-Dietrich Nahr/Julia Rau
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