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Der Vielseitigkeitssport aus Sicht eines Amateurs

„Three Phases, two hearts, one passion“- dieses Leitmotto las ich vor kurzem auf der Homepage einer Profi- Vielseitigkeitsreiterin. Und je länger ich drüber nachdenke- ja, genau das ist es, was den Vielseitigkeitssport so einmalig macht.

Die Verbundenheit, mit dem Pferd in allen 3 Disziplinen zu trainieren, sich weiterzuentwickeln, und auf dem Turnier immer neuen, nicht 1 zu1 trainierbaren Aufgaben gestellt zu werden.
Der Vielseitigkeitssport ist eine ganz besondere Sportart, in allen Belangen. Natürlich ist es von besonderer Bedeutung, einen für diesen Sport geeigneten Sportspartner unter dem Sattel zu haben. Leider musste auch ich die Erfahrung machen, dass nicht jedes Pferd, was von der Abstammung dafür prädestiniert wäre, sich am Ende auch wirklich dazu eignet. Denn nicht nur die „formellen“ Anforderungen an das Galoppiervermögen (um auch in die Zeit reiten zu können) und das Springvermögen (um die geforderten Sprunghöhen und –weiten sicher absolvieren zu können), sondern vor allem auch Mut und Arbeitswille sind ganz wesentliche Eigenschaften, die ein Vielseitigkeitspferd mitbringen muss. Besonders wichtig ist mir, dass ich zu jeder Zeit ein sicheres Gefühl im Sattel habe, und meinem Pferd vertrauen kann.
Pferd geeignet, Pferd und Reiter in trainierter Verfassung, was Kraft und Ausdauer angeht- jetzt kann es losgehen?
Three Phases– das ist das erste wichtige Stichwort der Vielseitigkeit. Die drei „Haupt“- Phasen der Vielseitigkeit, die Dressur, das Springen und die Geländestrecke bilden zusammen eine einzige Prüfung. Was auch bedeutet, eine große Schwachstelle kann meistens nicht durch die anderen Prüfungsteile völlig ausgeglichen werden. Während ein Springreiter nach dem verpatzten A Springen danach noch am selben Tag 2 weitere Prüfungen reiten kann, und die Chance auf 2 weitere Platzierungen hat, gehören beim Vielseitigkeitsreiter alle 3 Prüfungsteile zusammen und sichern die Chance auf 1 Schleife. Das ist sicher auch ein wesentlicher Aspekt, der die Vorbereitung von Pferd und Reiter auf eine Vielseitigkeitsprüfung bestimmt. In der Woche muss die Dressur, das Springen und möglichst auch die Geländeprüfung trainiert werden. Was im Detail nicht bedeutet, dass die Geländestrecke an Ort und Stelle trainiert werden muss, aber ein paar bestimmte Hindernistypen, wie Wasser, Coffin oder Gräben gehören doch immer wiederkehrend zum Trainingsprogramm.
Auch wenn das erst einmal sehr aufwendig klingt- wie wunderbar abwechslungsreich werden unsere Pferde trainiert. Sie dürfen im Freien galoppieren, müssen aber auch mal ein paar Runden im Viereck drehen und die Distanz auf 4 Galoppsprünge mit dem Steilsprung und dem Oxer überwinden. Und- auch für mich ist der Reitalltag dadurch von Abwechslung und Spaß geprägt.

Two Hearts– das ist für mich der Faktor, der den Spaß an der Vielseitigkeitsreiterei am meisten prägt. Zwei Herzen, die gemeinsam füreinander schlagen und kämpfen. So eine Vielseitigkeitsprüfung fordert Pferd und Reiter Leistung ab. Schlagen diese Herzen aber gemeinsam, so verbindet dies ungemein. Ich habe selten erlebt, dass Dressur- oder Springpferde auf dem Turnier von ihren Reitern so geherzt, gepflegt, versorgt und umsorgt werden, wie die Vielseitigkeitspferde. Sie leisten Außerordentliches, und das wissen wir als Reiter natürlich auch.

One Passion– das Herz des Reiters und des Pferdes schlagen für ein und dieselbe Leidenschaft- genau das ist das fühlt man, wenn man nach einem super Geländeritt über die Ziellinie reitet, über das gesamte Gesicht strahlt, das Pferd zufrieden durchpariert und man rundum glücklich ist. Ich habe bisher nichts im Leben gefunden, was genau diese Emotionen in mir erweckt. Die Einheit mit dem Pferd zu spüren, gemeinsam diese Geländestrecke zu bewältigen- und ich weiß sofort wieder, wofür ich den ganzen Aufwand betreibe.
Denn eins ist klar, zeitaufwendiger ist der Vielseitigkeitssport als Dressur- oder Springreiten in jedem Fall. Die Anfahrtswege sind meist weiter, ein Turnier geht über mindestens einen gesamten Tag, oder gar über mehrere- und am Ende steht im günstigsten Fall eine Schleife. Ein Dressur- oder Springreiter ist 3-4 Stunden unterwegs, hat in der Zeit mindestens 2 Prüfungen geritten und kann danach noch auf die Couch. Oft habe ich überlegt, warum tust du dir das eigentlich an? Und oft habe ich überlegt, warum reitest du nicht einfach nur Springen? Aber in dem Moment, wo die Uhr dut- dut- duuuut gemacht hat und ich auf Hindernis 1 zu galoppiere, weiß ich wieder- das ist das, warum ich es mache.

Wiebke Struck