Buschreiter.de — aktuell: Burghley/Bettina Hoy

Andrew Hoy reitet auf Goldkurs

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Für die nicht wenigen Nationalisten unter den britischen Vielseitigkeitsfans muss es geradezu eine Demütigung sein: Nach dem Geländetag beim CCI**** in Burghley führen drei Paare von "Down Under": Der Australier Andrew Hoy, der Ehemann der eigentlichen Goldmedaillengewinnerin von Athen, Bettina Hoy, ritt seine beiden Pferde mit glänzenden Runden im sehr schweren Cross von Wolfgang Feld auf die Plätze 1 (Moon Fleet) und 3 (Master Monarch).

Runner up über Nacht ist der Neuseeländer Andrew Nicholson, der mit Lord Killinghurst unter den drei Paaren war, die während ihres Geländerittes im Cross angehalten wurden und fast eine Stunde lang ihre Vierbeiner bei Laune halten mussten, bevor sie weiterreiten konnten. Auslöser des Stopps war ein schwerer Unfall, der den Vier-Sterne-Klassiker überschattete: Caroline Pratt war mit Primitive Streak den Sprung 26 kurz vor dem Ziel am letzten Wasserkomplex mit zu wenig Schwung angeritten. Das Pferd stürzte auf die Reiterin. Zahlreiche Zuschauer mussten die Reanimationsversuche der Rettungskräfte miterleben. Der Veranstalter veröffentlichte auf seiner Website lediglich eine Zwei-Zeilen-Meldung, wonach Caroline Pratt ins Krankenhaus gebracht worden sei. Nichts wurde über den Gesundheitszustand der Reiterin offiziell bekannt. Nach dem Gelände fand keine Pressekonferenz statt, was äußerst ungewöhnlich ist. Normalerweise wird dies zu einem wahren Medienereignis, dem sich die ersten Drei nach Dressur und Gelände gerne stellen. Insider sahen voraus, was tatsächlich eingetreten ist: Im Gelände ist "viel passiert". Nur 48 Paare sind vor dem sonntäglichen Abschlusstag noch in der Wertung. Nicht weniger als 24 Paare gaben im Cross nach diversen Vorfällen auf. Acht Pferde und Reiter wurden zwischen den festen Sprüngen disqualifiziert. Neun weitere Eventer entschlossen sich, gar nicht erst ins Gelände zu starten. Diese ernüchternde Bilanz ist unter anderem auf die Hindernisanforderungen zurückzuführen, mit denen Designer Wolfgang Feld in seinem letzten Jahr in Burghley das Weltklassefeld konfrontiert hat. Erschwert wurden die Bedingungen durch das relativ weiche Geläuf, nachdem es in den vergangenen Wochen übrdurchschnittlich viel geregnet hatte. Pechvogel des Tages war der einzige deutsche Reiter Adam Liedermann, der mit Rainbow auf der ersten Wegestrecke ein Pflichttor ausließ und deshalb disqualifiziert wurde.
Am Rande des Events gab es gewisse Misshelligkeiten im Zusammenhang mit der Medaillenaberkennung in Athen. So berief Mark Phillips, US-Trainer aus Großbritannien, in Burghley eine Pressekonferenz ein und trat dabei angeblichen Äußerungen von Bettina Hoy entgegen. Sie soll erklärt haben, Phillips habe von der Wegnahme der Goldmedaillen und Zuerkennung an das US-amerikanische Team persönlich profitiert. Pikanter Hintergrund: Andrew Hoy ist eng mit Phillips befreundet. Der vormalige australische Mannschaftsgoldmedaillengewinner Hoy musste sich von Medienvertretern wegen des Athener Medaillenstreites in die Zange nehmen lassen, obwohl er sich bisher öffentlich überhaupt noch nicht über die Affäre geäußert hatte.
Öl aufs Feuer goss dann eine britische Boulevardzeitung mit der Nachricht, angeblich habe Prinzessin Anne dem Ehepaar Hoy in Gatcombe gekündigt. Dieses hat dort zwei Cottages und Stallungen gemietet und trainiert unter anderem die Tochter von Prinzessin Anne und Mark Phillips, Zara Phillips. Eine Bestätigung war für die Klatsch-Geschichte am Wochenende nicht zu bekommen.
Bettina Hoy trat am Freitag abend im "NDR talk" bei Jörg Pilawa auf, der die eigentliche Goldmedaillengewinnerin von Athen auch über ihre Lebensumstände in Gatcombe befragte. Dabei deutete nichts auf ein möglicherweise von der englischen Yellow-Press konstruiertes Zerwürfnis zwischen den Hoys und ihrer Vermieterin Prinzessin Anne hin. Bei dem Fernsehauftritt im Norddeutschen Rundfunk beschrieb Bettina Hoy das Klima während der ersten Tage in Burghley, wohin sie ihren Mann begleitet hat. Dort habe sie "75 Prozent der Reiter und Funktionäre wiedersehen müssen", die bei der Aberkennung der Goldmedaillen in Athen zugegen gewesen seien. Viele ausländische Reiter hätten bei dem Event in England Sympathie und Mitgefühl bekundet. Doch von offizieller Seite habe keiner mit ihnen gesprochen. Pilawa hatte eingangs die Medaillenaberkennung als "größtes Skandalurteil in der Geschichte der Olympischen Spiele" bezeichnet und wollte wissen, ob es nun einen Rechtsstreit um Einzel- und Mannschaftsgold geben werde. Bettina Hoy berichtete, dass sich "viele Rechtsanwälte gemeldet" und ihre Dienste angeboten hätten. "Wir überlegen zu kämpfen", sagte die Reiterin. Bettina Hoy beschrieb eine Alternative: Der Vorsitzende der Ground Jury von Athen, der Name Christoph Hess wurde nicht genannt, könne doch an das Internationale Olympische Komitee schreiben und ein Schuldbekenntnis ablegen. Der Weltreiterverband FEI habe ja "noch einen Antrag offen" und könne sich mit dieser Aussage des Richter-Vorsitzenden beim IOC für die Verleihung weiterer Goldmedaillen an die deutschen Vielseitigkeitsreiter einsetzen. "Das wäre ein salomonisches Urteil", sagte sie bei Pilawa. Bettina Hoy kämpfte vor den Fernsehkameras mit den Tränen: "Die Goldmedaille ist die Erfüllung eines Traumes, man trainiert ein ganzes Leben dafür." Vor dem CAS wie ein Dopingsünder, wie ein schuldiger Mörder behandelt worden zu sein, sei eine furchbare Erfahrung gewesen. Was den sportlichen Ehrgeiz angeht, sei im Moment "ein bisschen die Luft raus". Bettina Hoy: "Aber ich bin eine Kämpferin, irgendwie wird es weitergehen." Wird sie es 2008 in Peking noch einmal versuchen? "Wenn ich das richtige Pferd habe, ja."
Derweil gibt es am Rande des CCI**** in Burghley angesichts der Umstände des "Medaillengewinns" britischer Reiter einen geradezu geschmacklosen Trophäen-Kult: Leslie Law hat zwar durch zweifelhaften Richterspruch die Goldmedaille zugesprochen bekommen, die eigentlich Bettina Hoy zusteht. Nur: Er hat sie noch nicht in Händen, weil sie irgendwo auf dem Instanzenweg zwischen Warendorf, der FEI, dem IOC und sonstwem nach der Rückgabe durch die deutsche Reiterin unterwegs ist. Also musste unbedingt Gold her - notfalls aus dem Heimatmuseum von Burghley. Und so ließ sich Leslie Law einstweilen mit der olympischen Medaille ablichten, die Lady Victoria Leathams Vater, ein Lord Burghley, 1928 beim 400-Yards-Hürdenlauf in Amsterdam gewonnen hat. Wenn man Übung darin hat, sich mit fremden Trophäen zu schmücken, dann kommt es nicht weiter darauf an . . .

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