Buschreiter.de aktuell: Interview zur EM Blenheim
Wichtiger Schritt auf dem Weg zum Gipfel
Von großen Erwartungen wurde der Auftritt der deutschen Vielseitigkeitsreiter bei den Europameisterschaften im britischen Blenheim begleitet. Nach den "Fast-Goldmedaillen" von Athen gehörten die Deutschen zum Kreis der Favoriten. Das Ergebnis waren zwei Bronzemedaillen in der Einzel- und Mannschaftswertung. Uta Helkenberg von FN-aktuell sprach mit Equipechef Hans Melzer und Bundestrainer Chris Bartle (Großbritannien) über ihre Eindrücke (Foto Julia Rau).
FN-aktuell:
"Vor den Europameisterschaften wurde ja viel von einer Revanche für Athen und über das verlorene Gold gesprochen. Das Ergebnis war zwei Mal Bronze für das deutsche Team. Sind Sie zufrieden?"Hans Melzer: "Ja, super zufrieden. Uns war natürlich klar, dass es uns die Briten im eigenen Land schwer machen würden. Unser Ziel hieß, in die Medaillen zu kommen und zu zeigen, dass unsere Leistung im Vorjahr kein Zufall war. Das haben wir bewiesen. Fünf von sechs Reitern kamen mit einer Medaille nach Hause, wir hatten drei deutsche Paare unter den ersten Zehn. Das ist schon eine gute Statistik. Wir spielen wieder vorne mit."
Chris Bartle: "Auch ich bin sehr zufrieden. Vor allem, weil alle sechs eine gute Leistung gebracht haben. Sechs Reiter unter den ersten 25 zu platzieren, das ist außer den Briten, die in doppelter Stärke antraten - keiner anderen Nation gelungen. Das war ein wichtiger Schritt für uns auf dem Weg zum Gipfel."
FN-aktuell: "Rechenkünstler haben direkt nach dem Springen festgestellt, dass es mit Ingrid Klimke oder Andreas Dibowski im Team anstelle des Neulings Anna Warnecke zu Silber gereicht hätte. Bereuen Sie Ihre Entscheidung?"
Melzer: "Fünf der EM-Paare hatten eine sehr konstante Saison hinter sich, Ingrid Klimke hatte verletzungsbedingt eine Pause machen müssen. Wir wussten aber, dass sie, wenn alles gut läuft, eine Einzelmedaille holen kann. Das machte die Entscheidung in diesem Fall einfacher und hat ja auch geklappt. Andreas Dibowski sahen wir dagegen sicher in der Mannschaft. Hier gab die Aussage des Tierarztes den Ausschlag wir wollten einfach kein Risiko eingehen. Hinterher ist man halt immer schlauer?"
Bartle: "Wahrscheinlich würden wir beim nächsten Mal wieder so entscheiden. Angesichts der Vorgeschichte vor Athen beendete kein deutsches Team ein Championat in der Wertung wollten wir kein Risiko eingehen. Da waren wir uns alle einig. Aber ich bin begeistert über Dibo: Nicht nur über seine Leistungen in allen drei Disziplinen, auch darüber, wie er und auch Ingrid - mit unserer Entscheidung umgegangen sind. Das war sehr professionell. Alle haben bis zum Schluss für die Mannschaft gekämpft. Wir hatten eine tolle Stimmung im Team. Ich hoffe, das hält. Denn in England sagen wir: A team is always stronger than a group of individuals."
FN-aktuell: "Sie haben es kurz angesprochen: Deutschland hatte vor Athen und Blenheim eine längere Durststrecke. Jetzt mischen die deutschen Reiter international wieder vorne mit. Was sehen Sie als Gründe dafür?"
Bartle: "Als ich vor knapp fünf Jahren Bundestrainer wurde, habe ich versucht, den Reiter die Wichtigkeit einer guten Partnerschaft von Reiter, Pferd und Coach klar zu machen. Ich habe ihnen gesagt, dass ein paar Lehrgänge bei den Bundestrainern nicht ausreichen und dass sie sich gute Heimtrainer in Dressur und Springen suchen sollen. Die meisten haben das gemacht, und über die bessere Dressur und das bessere Springen kam auch das bessere Geländereiten. Ich habe auch gesagt, dass sie sich an den Spitzenreitern anderer Nationen ein Beispiel nehmen sollen, mehr den internationalen Vergleich suchen sollen. Die Teilnahme an Auslandsturnieren hat uns sicher sehr geholfen."
Melzer: "Ja, in diesem Zusammenhang war für uns vor allem die Einführung des Weltcups eine enorme Hilfe. Unseren Reitern stehen heute viel mehr Möglichkeiten offen als früher, sich international auf hohem Niveau zu vergleichen. Da gab es für die Topreiter im Grunde nur Luhmühlen, Achselschwang oder Boekelo. Was uns auch geholfen hat, ist der neue Modus ohne Rennbahn. Und wie Chris gesagt hat, spielt die Individualisierung eine ganz große Rolle. Jeder Reiter hat heute seine Heimtrainer, jeder macht seine eigene Saisonplanung - für jedes Pferd unterschiedlich. Natürlich wird das mit uns abgesprochen, aber es herrscht mehr Offenheit. Es gibt kein starres Schema mehr, in dem alle über einen Kamm geschoren werden. Und nicht zuletzt glaube ich, dass die Austragung eines Vier-Sterne-Turnieres dem Sport in Deutschland einen Kick gegeben hat."
FN-aktuell: "Ja, es scheint, als sei der Sport in Deutschland im Aufwind. Wie sehen Sie denn die Chancen fürs kommende Jahr, wenn in Aachen die Weltmeisterschaften im eigenen Land stattfinden?"
Bartle: "Ich bin ganz optimistisch. Für das kommende Jahr haben wir nicht mehr nur drei, vier gute Paare als Basis sondern zehn und mehr gute Kombinationen, um in der Weltspitze mitzureiten."
Melzer: "Das stimmt. Unsere Spitze wird immer breiter. Neben unserem Kernteam, das nun schon in Athen und Blenheim dabei war, haben wir mehrere Paare in den Startlöchern liegen, die 2006 ein Wörtchen mitreden wollen. Man denke nur an Simone Deitermann, die schon in Athen erste Reserve war, oder Peter Thomsen, der in CCI**** Burghley an 16. Stelle platziert war. Und da gibt es auch noch andere. Das ist gut für uns, wenn auch die Auswahl dadurch in den nächsten Jahren schwieriger werden dürfte. Und im Hinblick auf Aachen finde ich es rückblickend eigentlich ganz gut, dass wir in diesem Jahr nur Bronze gewonnen haben. Das nimmt uns etwas den Druck."
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