Buschreiter-EM-Kommentar
Ein Verriss und die Tatsachen
VON WOLF-DIETRICH NAHR
"Willkommen auf dem Boden der Tatsachen. Athen war ein Traum, Blenheim war die Wirklichkeit." Nachzulesen in der Süddeutschen Zeitung am Montag nach der Europameisterschaft. Die Deutung der Autorin: Olympia 2004, die Medaillengewinner der Herzen alles eine Laune des Schicksals, Zufall, Glück, nichts Beständiges. Diese Autorin verkündete an Ort und Stelle im Pressegespräch mit Bundestrainer Hans Melzer nach dem Cross und vor dem Springen: "Die Revanche für Athen ist nicht geglückt." Beides ein harscher Verriss, der blickt man hinter die Kulissen und verfolgt man die Szene aus der Nähe der Realität nicht gerecht wird.
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Richtig ist: Es gab kein Gold in Blenheim, sondern Bronze. Richtig ist aber auch, dass die Vergabe von Medaillen etwas Formales ist. Die sportliche Wirklichkeit liegt aber viel tiefer in den Details der Resultate verborgen. Gerade in der Vielseitigkeit trennt die Top-Platzierten manchmal der Hauch eines Leistungsunterschiedes. Bei aller Qualität der Ground Jury in Blenheim: Auch diesmal konnte man über Dressurbewertungen streiten, darüber, ob Pippa Funnell immer die Spitzennoten verdient (siehe Bilderbuch), ob dem Supertalent Zara Phillips ein royaler Bonus im königlichen England gut tut und warum die Richter Andreas Dibowski die entscheidenden Punkte auf dem Viereck vorenthalten haben.
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Wer jemals Geländeprüfungen geritten ist, weiß, wie schnell ein Vorbeilaufer passiert. Das Missgeschick Bettina Hoys in Blenheim mit einem wirklich schwierigen Pferd tut ihrer sportlichen Lebensleistung, ihrem Rang als eine der besten Vielseitigkeitsreiterinnen der Welt keinen Abbruch, disqualifiziert sie nicht als Mannschaftsreiterin, stempelt das deutsche Team nicht als zweitklassig ab. Ganz im Gegenteil.
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Die Briten und Franzosen spürten den heißen Atem aller sechs deutschen Eventer unter wirklich britischen Bedingungen. Von Championat zu Championat haben sie an Nervenstärke, Routine, Chuzpe, an Qualität gewonnen. Hallo, Statistiker: Wann waren jemals drei deutsche Eventer bei einer vergleichbarer internationalen Meisterschaft unter den ersten Sieben? Der Weg ist das Ziel: Wann bestach der Kader im In- und Ausland durch so hochklassige Ergebnisse wie im Jahr 2005? Die sechs Blenheim-Reiter sind nicht das letzte Aufgebot nach einer zermürbenden Sichtung, sondern quasi die Spitze des Eisberges. Wann hatte ein Vielseitigkeits-Bundestrainer quasi eine komplette Reservemannschaft in der Hinterhand? Simone Deitermann mit Pech im Weltcup-Finale, eine Reservistin Stefanie Thompson mit zwei Drei-Sterne-tauglichen Vierbeinern und zwei weitere Top-Reiter (Peter Thomsen und Hans-Heinrich Held), die sich eine Woche vor der EM in Burghley unter den besten 20 der Weltelite tummeln (wobei einer nicht einmal EM-Ersatz war).
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Athen, Chatsworth, Burghley, Blenheim: Die deutschen Buschreiter haben zur Weltelite des Vielseitigkeitssports aufgeschlossen. Willkommen auf dem Boden der Tatsachen.
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