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Buschreiter-Kommentar

Richtige Entscheidung einer großen Athletin

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Man ahnte nichts Gutes, als Ringwood Cockatoo bei der Olympiasichtung in der Aachener Soers im Parcours in den Rolex-Oxer gerutscht ist und sich dabei sichtlich weh getan hat. Das Cross am folgenden Tag und damit der letzte Baustein für den Weg nach Hongkong rückte für Bettina Hoy in unerreichbare Ferne. Und nun ist auch die letzte Hoffnung dahin: Die Notsichtung in Hünxe wird es für eines der besten Paare im weltweiten Buschsport nicht geben. Bettina Hoy hatte Zweifel an der Einsatzfähigkeit ihres Pferdes. Und sie hat sich für Ringwood Cockatoo und gegen die vage Aussicht auf Ruhm und Ehre bei Olympia – und gegen eine Revanche für Athen – entschieden.

Wer Vielseitigkeit betreibt, muss leidensfähig sein. Viele haben es erlebt und werden es immer wieder erleben: Ein wunderbar ausgelegter Turnierplan, eine Meisterschaft, vielleicht auch nur ein Saison-Zwischenhöhepunkt – doch eine Verletzung des Pferdes macht einen Strich durch die Rechnung. "Wie viel Zeit haben Sie?", fragen manche Tierärzte und haben den Ehrgeiz des Reiters im Hinterkopf. Die richtige Antwort muss lauten: "Alle Zeit, die das Pferd braucht, um vollkommen gesund zu werden."

Bettina Hoy ist keinen faulen Kompromiss eingegangen, sondern sie hat dem Wohl ihres Pferdes absolute Priorität eingeräumt. Dabei hätte sie allen Grund, mit Macht nach einer zweiten Chance bei Olympia zu drängen, nachdem sie (und die Mannschaft) eine schlampige Organisation beim Springen in Athen und die juristische Spitzfindigkeit der Sportgerichtsbarkeit Gold gekostet haben. Bettina Hoy hat der Versuchung widerstanden.

Die Amazone hat damit gezeigt, dass sie zu den großen Athletinnen des Sports zählt. Das erweist sich nicht nur an der Entscheidung, die ja auch dem Rechnung trägt, dass ein Championatseinsatz um jeden Preis ein hohes Risiko beinhaltet, vielleicht in letzter Sekunde an einem Vet-Check zu scheitern. Bettina Hoy hatte zeitweise das Image, eher eigenwillig und Ich-bezogen zu sein. Doch das ist längst vorbei: Das Auftreten in Aachen, der Gewinn der Mannschaftsweltmeisterschaft und auch der Umgang mit den Mannschaftskollegen bei der Vorbereitung auf Hongkong haben gezeigt: Hier bewirkt eine hochprofessionelle Vielseitigkeitsreiterin durch ihr Verhalten und ihre öffentlichen Äußerungen eine bemerkenswerte Steigerung des Teamgeistes in der deutschen Mannschaft. Die große Fan-Gemeinde in Deutschland und im Ausland bedauert es sehr, dass Bettina Hoy diese Kraft diesmal bei Olympia nur als Randfigur oder aus der Ferne ausstrahlen kann.

Aber Hongkong ist nicht das letzte Championat. Und Olympia ist auch nicht alles. Es gibt noch viele große Events, Klassiker, die es zu gewinnen gilt. Das Beste liegt in der Zukunft.

 

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