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Aus dem Schatzkästlein von buschreiter.de: Bundestrainer Chris Bartle 2002 in Badminton mit Word Perfect II, mit dem er ebendort 1998 gesiegt hatte. Der Coach analysiert zahlreiche Ritte mit Hilfe von Videotechnik (Fotos Julia Rau, unten, und Wolf-Dietrich Nahr)

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Chris Bartles Regeln zum Cross

Vom Tunnelblick und dem Ruderverbot

VON JESSICA KAUP

Wie man sicher und erfolgreich durch das Cross kommt, das erläuterte Bundestrainer Chris Bartle einer guten Hundertschaft an Zuhörern im Rahmenprogramm des zehnten CDV Balls in Sudermühlen.

Sein Vortrag, so erklärte der Brite vorab, sei als Reaktion auf die Weltreiterspiele in Kentucky entstanden, wo die deutschen Buschreiter bekanntermaßen mit gemischtem Erfolg aus dem Gelände kamen. Um eine solche Fehlerquote für die nächsten Big Events zu minimieren, gibt´s nun also „Chris Bartles Regeln zum Anreiten von Geländehindernissen“. Diese aber stünden immer auch unter dem Vorbehalt: „A rule is there, to be broken..."

Perfekt vorbereitet

Ziel beim Cross müsse sein, so Bartle, die Strecke ohne Fehler und in der Zeit zu beenden, und zwar mit einem gesunden Pferd. Letzteres – also die Sicherheit – sei dabei sicherlich die oberste Prämisse. Eine perfekte Vorbereitung der jeweiligen Hindernisse sei dafür die beste Voraussetzung.

Diese beginnt – je nach Pferd – einige Galoppsprünge vor dem Hindernis. Hier verändert der Reiter seinen Sitz, seine Beinposition, seine Zügellänge, um die Hilfe für ein aufmerksames und sorgfältiges Anreiten geben zu können. Er bringt sein Pferd in Tempo und Aufrichtung soweit unter Kontrolle, dass ein gezieltes Anreiten „auf der Spur und in der Linie“ möglich wird. Je näher diese Vorbereitung ans Hindernis heran verlegt wird und je weniger aufwändig diese ist, desto weniger kommen Pferd und Reiter aus dem Fluss, desto schneller sind sie letztlich.

Aktives Tempolimit

„Es ist Sache des Reiters, ein Tempo zu wählen, das für das Hindernis und das Gelände passt“, so der Trainer, der eindringlich davor warnte, das Tempo lediglich „runter zu bremsen“. „Sie müssen runter schalten wie bei einem Auto und nicht einfach das Tempo raus nehmen.“ Nur dadurch könne das Pferd geschlossen und aufs Hinterbein gebracht werden und somit in eine kraftvolle Absprungposition gelangen.

Diese aktive Temporeduktion müsse durch Kontrolle erfolgen, nicht durch Kampf. Neben Zügel- und Schenkelhilfen, Körpersprache und Sitzposition sei unter anderem ein effektives Gebiss dafür notwendig. Von einem allzu untertourigen Tempo allerdings hält Bundestrainer Bartle nicht viel: „Schwung gibt uns Optionen“, so seine Marschrichtung ins Vorwärts.

Vier Varianten

Ein Quartett an Sitzvarianten stellte der Bundestrainer für die Bewältigung der Crossstrecke mit ihren diversen Anforderungen vor.

Angefangen vom leichten Sitz, so wie ihn auch Rennreiter praktizieren, über den „leichten, aber aufrechteren Sitz“ (Vorbereitungsphase) und den tiefen Sitz (direkt vor dem Absprung) bis hin zur „Oh-Shit-Position“, die der Reiter bei größeren Turbulenzen vor oder beim Sprung einnimmt: „Wenn es zu Querelen beim Hindernis kommt, sitzen Sie so, dass Sie das Pferd möglichst wenig stören. Verlagern Sie Ihr Gewicht deutlich nach hinten, sorgen Sie dafür, dass das Pferd Schulter und Hals frei bekommt, und das Problem bestmöglich lösen kann.“

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Längere Zügel schon beim Absprung: Chris Bartle würde der Sitz von Weltmeister Michael Jung (hier mit Weidezaunprofis River of Joy in Schenefeld) gefallen (Foto Wolf-Dietrich Nahr)

Kurze Bügel forderte der Bundestrainer in diesem Zusammenhang, so dass der Reiter aus einem stabilen Fundament des Unterschenkels heraus agieren könne. Die Stiefelspitze solle stets vor dem Knie liegen, diese Lage gab der Ausbilder als Anhaltspunkt für den leicht nach vorne gestreckten Unterschenkel vor.

Brücke und breites Führen

„Beine lenken, Hände führen“ mit diesem Zitat von Busch-Queen Lucinda Green spannte Bartle den Bogen von den Schenkel- zu den Zügelhilfen. Hier verwies Bartle ein ums andere Mal auf die sogenannte Zügelbrücke, die eine besonders ruhige und sichere Zügelführung bei tiefer Hand ermögliche. Insbesondere schmale Sprünge sollten, so Bartle, mit breiter Zügelführung angeritten werden, um Hals und Schulter des Pferdes einen entsprechenden Rahmen zu geben.

Das Thema „Zügellänge bei Tiefsprüngen“ wurde im Rahmen des mit vielen interessanten Videoeinspielungen bebilderten Bartle-Vortrags kontrovers diskutiert. Der Brite plädierte – anders als traditionell in Deutschland gelehrt – für längere Zügel schon beim Absprung: Das würde dem Pferd unter anderem mehr Vertrauen geben.

Rudern verboten

Zur Oberkörperposition, die nicht nur durch ausgeprägte Rückenmuskeln, sondern auch durch eine gut trainierte Bauchmuskulatur in idealer Lage gehalten wird, vermerkte Bartle zum einen den Leitspruch: „Don´t row the boat“, warnte also vor einem unruhigen, zum Sprung hin schiebenden Oberkörper, so wie ihn Ruderer praktizieren. Dadurch würde das Pferd nämlich aus dem Gleichgewicht gebracht

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Bartles english style: Rechtzeitig vor dem rasanten Kurvenritt äußere Schulter zurück und Gewicht auf die innere Hüfte – Harald Kikinger macht es mit Ruby in Schwaiganger vor (Foto Nahr)

Zum anderen brachte er als Beispiel für eine ideale Balance bei rasanten Kurvenritten die Motorradfahrer ins Spiel. Sie täten das, was er auch den Reitern – in Maßen natürlich - empfiehlt: Äußere Schulter zurück, innere Hüfte öffnen und nach innen sitzen.

Wache Augenblicke

Auch der Blick des Reiters stand im Focus des Bartle´schen Referats: Er rät zum konzentrierten Tunnelblick ohne allerdings den Blick für die Umgebung komplett auszusparen. Der Reiter solle zwischen den Hindernisflaggen hindurch aufrecht nach vorne schauen, und den Blick nicht zur Absprungstelle senken. Dass ein gesenkter Blick zum Nach-vorne-Fallen führe, demonstrierte der Coach durch eigenfüßige Sprünge vom Stuhl…

Auch solle der Reiter stets mit den Augen wenden und immer die kommende Aufgabe im Blick halten. Das Pferd selber solle ebenfalls nicht nach unten gucken, sondern mit verhältnismäßig langem Hals (Bartle: „Der Hals ist die Balancierstange des Pferdes und sein fünftes Bein“) und dem Gesicht vor der Senkrechten seine Aufgabe taxieren können.

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Das Auge reitet mit: Kai-Steffen Meier hat schon im Visier, wohin es mit Karascada M gehen soll (Foto Julia Rau)

Und noch etwas zum Thema Augen: Bartle forderte, den Cross „mit den Augen des Pferdes abzugehen“. „Der erste Eindruck beim Abgehen, ist der, den das Pferd später hat“, so Chris Bartel. Der Reiter habe die Möglichkeit, die Strecke mehrmals zu besichtigen, die Aufgabenstellung entsprechend zu studieren, Eventualitäten zu kalkulieren und Plan B zu entwerfen. Das Pferd hingegen müsse aus hohem Tempo heraus sofort erkennen, was zu tun ist.

Start frei

Noch bevor das erste Hindernis überwunden wird, gibt es im Cross schon eine echte Herausforderung zu bestehen: Den Start. Dieser erfolgt bekanntermaßen aus der Startbox heraus und stellt den einen oder anderen Reiter vor veritable Probleme. Wer nämlich nicht das Glück hat, auf einem echt coolem Sportpartner zu sitzen (Ingrid Klimkes Abraxxas bot hier ein eindrucksvolles Video-Beispiel), sollte, so Bartle, nicht von hinten oder seitlich in die Box reiten. Denn, mit der Nase in Richtung Cross sei es durchaus schwierig, gerade heiße Pferde bis zum Go ruhig zu halten.

Blick in Gegenrichtung

Hier empfiehlt Bartle das Einreiten von vorn, so dass das Pferd gewissermaßen mit dem Hinterteil zum Geschehen abwartet und erst zum direkten Abritt hin in Richtung Strecke gewendet wird. Genau so könne man die Strecke ohne Kampf positiv in Angriff nehmen.

Urheberrechtlicher Hinweis: Dieser Text ist durch das Urheberrecht der Autorin und von buschreiter.de geschützt. Jeder Art der Übernahme des Textes bedarf der Erlaubnis von www.buschreiter.de und der Autorin und ist honorarpflichtig!

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Manche Reiter haben das Problem, heiße Tiere nicht vorzeitig über die Linie sprinten zu lassen (Foto Julia Rau)

Lesermeinungen

Breiter Eingang in die Praxis?

Den Vortrag habe ich leider nicht gehört; zum Glück ist die Zusammenfassung sehr anschaulich. Neben der Prämisse „Sicherheit für Pferd und Reiter“ sind m. E. insbesondere die Passagen zu den 4 Sitzvarianten, das Plaidoyer für „längere“ Zügel bei Tiefsprüngen –das übrigens auch für Aufsprünge wie Billard, Treppen etc. gilt - und der „Blick nach vorne“ oder nach oben, aber nicht nach unten - sehr zu begrüßen, zumal sie auch für die Jagdreiterei und letztlich für jedes Springen von festen Hindernissen zutreffen. Bleibt zu wünschen, dass sie breiten Eingang in die Praxis finden.

Harald Mayer