Buschreiter.de – aktuell: Medikations-Affäre

"Reiter müssen auf die Barrikaden gehen"

Der Fall Bettina Hoy/Ringwood Cockatoo hat großflächig im Reitsport Diskussionen darüber ausgelöst, ob die so genannte Null-Lösung – im Pferd darf nicht die geringste Spur einer indizierten Arznei gefunden werden – gerade im Interesse des Tierschutzes überhaupt sinnvoll ist. Im exklusiven buschreiter.de-Interview fordert die FEI-Veterinärin Dr. Annette Wyrwoll, dass es nach Jahren der ergebnislosen Debatten zu einer Reglement-Änderung kommen muss: "Da müssen nun wirklich die Reiter auf die Barrikaden gehen." Sie schätzt den Unmut vieler Aktiven sogar als so tiefsitzend ein, dass sie selbst die Gründung eines alternativen Weltverbandes nicht mehr ausschließt. Dr. Annette Wyrwoll ist doppelte Pferdewirtschaftsmeisterin, Chefin eine Pferdeklinik bei Regensburg in Bayern und hat nach ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen in Sydney mit Equitop Bantry Bay (Fotos Julia Rau, 2, Wolf-Dietrich Nahr)ihre Karriere im Leistungssport beendet. Dass sie es noch kann, hat sie in diesem Jahr beweisen – mit der Qualifikation eines Pferdes (Wetterhexe) für das Bundeschampionat. Das Interview führte buschreiter-Redakteur Wolf-Dietrich Nahr.

Buschreiter: Kann man nach den vorliegenden Informationen unterstellen, dass Bettina Hoys Ringwood Cockatoo während der olympischen Vielseitigkeit durch die Verabreichung des Medikamentes möglicherweise ungewollt in einen leistungsgesteigerten Zustand gebracht wurde, sprich: Hatte die Reiterin einen sportlichen Vorteil gegenüber ihren Konkurrenten?

Dr. Annette Wyrwoll: Ich persönlich glaube, dass das ein Versehen war. Wir kennen ja das Pferd schon seit mehreren Jahren. Ich hatte nie das Gefühl, dass das Pferd Luftprobleme oder psychische Probleme in der Dressur hat. Der Schimmel neigt vielmehr dazu, hautempfindlich zu sein. Die Hauptwirkung dieser Benadryl-Lotion ist eine Wirkung auf der Haut, zum Beispiel bei Mückenstichen, bei Hautentzündungen. Eine andere Wirkung von Benadryl ist ein beruhigender Effekt. Man könnte damit ein Pferd etwas runterfahren. Und das Mittel wirkt etwas bronchialerweiternd. Aber: Wenn ich ein Pferd mit Lungenproblemen habe und will etwas Bronchialerweiterndes geben, dann verabreiche ich etwas anderes.

Buschreiter: Also ist es unter dem Strich eher unwahrscheinlich, dass die Leistung des Pferdes durch Benadryl beeinflusst worden ist?

Dr. Annette Wyrwoll: Ich glaube einfach – und das ist auch das Wahrscheinlichste –, dass das Mittel zur Beruhigung der Haut in der Sattellage verwendet worden ist. Die beiden anderen Wirkungen von Benadryl sind meiner Meinung nach an den Haaren herbeigezogen, weil es da andere, potentere Mittel gäbe, um zu dopen.

Buschreiter: Das Mittel Benadryl soll angeblich in der EU garnicht mehr zulässig sein.

Dr. Annette Wyrwoll: Das ist nicht mehr zulässig für das Schlachttier. In Deutschland gibt es das Präparat schon länger nicht mehr zu kaufen. Wie es in England ist, weiß ich nicht. Es kann aber durchaus sein, dass Bettina noch eine alte Flasche von früher hatte. Das Mittel dürfte bei einem Pferd angewendet werden, wenn es kein Schlachttier ist – und ein Therapienotstand vorliegt. Das heißt, es gibt kein anderes Mittel, das besser wirkt.

Buschreiter: Die deutsche Mannschaft hat jetzt offensichtlich das Problem nachzuweisen, dass die FEI angeblich in Athen die Anwendung dieses Mittels bei Ringwood Cockatoo erlaubt hat ....

Dr. Annette Wyrwoll: Stopp, wer ist die FEI? Die FEI sind die Offiziellen, die sich die Regeln überlegen, also die Dachorganisation. Es gibt dann noch die Hilfskräfte, zum Beispiel die FEI-Stewards, die FEI-Richter, die FEI-Tierärzte. Die sollen dafür sorgen, dass die FEI-Regeln eingehalten werden. Soweit ich das der Presse entnommen habe, ist der Mannschaftstierarzt gefragt worden, ob das Mittel benutzt werden kann. Ich habe gehört, dass nicht einmal Bettina, sondern die Pflegerin den Mannschaftstierarzt gefragt hat, ob es okay ist, dass sie das Mittel benutzt, das sie seit Jahren benutzt. Dann soll sich der Mannschaftstierarzt bei einem FEI-Tierarzt vor Ort in Athen – und es waren etliche vor Ort – erkundigt haben, ob das Mittel verwendet werden darf. Da ist der Hauptfehler passiert. Auch wenn das jemand mündlich erlaubt, dann muss ich das auf einem Formular notieren. Es gibt mittlerweile drei verschiedene Formulare: Einmal das Medication Form, auf dem ich angebe, womit ich mein Pferd behandeln will oder womit es in letzter Zeit behandelt worden ist. Dann gibt es seit diesem Jahr ein neues Formblatt für den Einsatz von Hormonen bei Stuten zur Unterdrückung der Rosse. Bisher fiel auch dieses unter Doping. Seit diesem Jahr ist das erlaubt, aber auch nur für diese Indikation bei Stuten und nur in der Dosierung, die von dem Hersteller vorgeschrieben ist. Einen Hengst darf man beispielsweise damit nicht ruhigstellen. Das dritte FEI-Formblatt bezieht sich auf alternative Behandlungsmethoden, wenn ein Reiter bei seinem Pferd bei internationalen Turnieren und erst recht bei Championaten etwa Magnetfeld, Laser oder Akupunktur anwendet. Und all das weiß jeder Championatsreiter. Das ist meiner Meinung nach der größte Fehler gewesen, dass man die Benadryl-Lotion nicht angegeben hat. Oft gehen die FEI-Tierärzte mit in den Stall und schauen etwa nach, ob tatsächlich in der Sattellage des Pferdes etwas nicht in Ordnung ist – umd zu vermeiden, das etwas anderes verschleiert werden soll. Man kann aber nicht kontrollieren, ob das Pferd vor einer Woche eine Kolik hatte. Manche Reiter bringen zum Nachweis dann eine Erklärung oder eine Rechnung des Haustierarztes mit. Dann ist es Usus, dass die FEI-Tierärzte das so genehmigen.

Buschreiter: Den Schwarzen Peter hat dann also der Mannschaftstierarzt des deutschen Teams?

Dr. Annette Wyrwoll: ... vorausgesetzt, dass das, was in der Presse steht, stimmt ...

Buschreiter: ... das hat er so auch gegenüber buschreiter.de am Freitag dargestellt.

Dr. Annette Wyrwoll: Wenn er versäumt hat, das Formblatt auszufüllen, dann hat er den Schwarzen Peter.

Buschreiter: Welche Konsequenzen kann der positive Medikationsbefund für die Reiterin und die Mannschaft haben?

Dr. Annette Wyrwoll: Die Konsequenz für die Mannschaft ist, dass Bettina Hoys Ergebnis möglicherweise nicht für die Teamwertung zählt. Aber wenn nur die Ergebnisse von Andreas Dibowski, Frank Ostholt und Hinrich Romeike zählen, dann bleibt es bei Platz 4. Insofern hat sich für die Mannschaft defacto nichts geändert. So weit ich informiert bin, gibt es Unterschiede, ob ein Reiter wegen Doping im klassischen Sinne, also wegen eines Medikamentes der Liste 1 aufgefallen ist, oder wegen verbotener Medikation der Liste 2. Sie hat sich in dem Sinn keinen Vorteil verschafft. Wenn es Doping im klassischen Sinne wäre, könnte sie theoretisch Probleme mit dem Staatsanwalt kriegen. Im deutschen Tierschutzgesetz steht nämlich expressis verbis drin, dass jemand gegen dieses Gesetz verstößt, wenn er Doping anwendet.

Buschreiter: Verlust der Platzierung, Sperre, Geldstrafe – sind das mögliche Sanktionen?

Dr. Annette Wyrwoll: Nach einer Anhörung der Reiterin wird über das Strafmaß entschieden, ob sie eine Schuld oder keine trifft. Was das Schiedsgericht dann daraus macht, müssen wir abwarten.

Buschreiter: Bei der nicht erlaubten Medikation gibt es die Nullgrenze, das heißt, dass bei dem Pferd nichts, weder das Mittel noch das Abbauprodukt festgestellt werden darf. Ist diese Regelung, die inzwischen heftig in die Kritik geraten ist, noch lebensnah? Ist das sinnvoll? Lässt sich das bei einem Sportpferd überhaupt durchhalten?

Dr. Annette Wyrwoll: Als praktizierender Tierarzt denkt man sofort, dass das alles eigentlich Blödsinn ist, gemacht von Paragrafenreitern, die überhaupt keine Ahnung haben. Ich habe mich nun aufgrund dieses Vorkommnisses eingehender informiert. Ich war bisher der Meinung: Wenn man ein Mittel aufs Fell oder die Haut schmiert, dann wird es so wenig vom Körper aufgenommen, dass es gar nicht im Blut erscheint. Ich habe mir die Mühe gemacht und zum Beispiel beim Benadryl die Konzentration sowohl in der Lotion als auch in der Injektionsflasche angesehen. Mit gespritztem Kortison beispielsweise kann man eine gereizte Sehne oder ein gereiztes Gelenk sehr schnell über zwei, drei Wochen ruhig stellen. Ich war bisher der Meinung, dass da bei Einreibemitteln und Injektionen ein großer Unterschied bei den Konzentrationen ist. Wenn man eine ganze Tube kortisonhaltiger Salbe aufs Bein schmiert, könnte man fast die Konzentration erreichen, als ob man das Kortison spritzt. Nach zehn Jahren Diskussionen ist es jetzt höchste Zeit, dass da endlich systematische Versuche gemacht werden. Wir brauchen Anhaltspunkte für unterschiedliche genetische und trainingsbedingte Stoffwechselbedingungen, um so Ausscheidungszeiten für die Medikamente zu ermitteln. Wenn man das mit dem Menschen vergleicht: Es gibt Leute, die locker fünf oder sechs Bier vertragen, andere sind schon bei einem betrunken. Es gibt aber keinen, der 100 oder 1000 halbe Bier verträgt.

Buschreiter: Die Nachweismethoden werden ja jetzt schon immer mehr verfeinert, so dass schon die geringsten Spuren von Medikamenten nachgewiesen werden können. Andererseits geben die Hersteller der Arzneien möglicherweise wenig verlässliche Abbauzeiten an. Kann man unter diesen Umständen an der Null-Lösung für die Medikation festhalten oder muss man nicht Grenzwerte einführen?

Dr. Annette Wyrwoll: Für die Offiziellen ist es das Einfachste, man hat die Null-Lösung. Als in den Sport und in die Tiermedizin Involvierter hat man ein Problem. Es müssen Zahlen auf den Tisch, mit denen sichergestellt ist: Bis zum Mikro-Bereich ist noch Wirkung da und im Nano-Bereich ist keine Wirkung mehr da. Das sollte im Jahr 2004 eigentlich möglich sein. Es wird für alles mögliche Geld ausgegeben. Es gibt ja inzwischen mehr Offizielle als Sportler. Und die wohnen dann in den feinsten Hotels. Man sollte das Geld da investieren, wo es den Reitern und den Pferden hilft. Es besteht eine totale Verunsicherung unter den Reitern und den Tierärzten. Neulich sollte ein Pferd mit zur Europameisterschaft Junge Reiter nach Portugal. Das Pferd hatte schon ein dickes Fell. In Portugal war es heiß. Das Pferd sollte geschoren werden, aber es lässt sich ohne Beruhigungsmittel nicht scheren. Drei Wochen vor der Prüfung war ich mir unsicher. Ich habe zwar gewusst, dass bestimmte Beruhigungsmittel länger nachweisbar sind als andere, aber das ist alles Mundpropaganda, Hörensagen. Aber defacto weiß es keiner.

Buschreiter: ... also russisches Roulette ...

Dr. Annette Wyrwoll: ...genau. Ich habe mich bei drei anderen Kollegen erkundigt, die auch häufig Sportpferde betreuen. Ich habe mich beim obersten Veterinär in Warendorf erkundigt. Alle vier haben gesagt: Also, wenn du damit sedierst, dann ist das Mittel nach drei Wochen draußen. Ich hoffe nun, dass es so war, denn dann wäre ich noch schuld daran, wenn das Mädchen im nachhinein disqualifiziert wird.

Buschreiter: Wer ist denn jetzt gefordert, damit das Reglement geändert werden kann?

Dr. Annette Wyrwoll: Eigentlich die, die Gesetze machen, nämlich die FEI. Und die sagt im Augenblick, die Null-Lösung ist das Einfachste. Da müssten nun wirklich die Reiter auf die Barrikaden gehen und sagen: Du FEI bis nur so gut und so schlecht, wie wir reiten. Eine Verwaltung ohne Verwaltete ist keine Verwaltung. Es gibt andere Sportarten, in denen die Aktiven mit ihren Verbänden nicht mehr zufrieden waren ... Wenn die FEI nicht aufpasst, dann kann es schon sein, dass die Reiter ihre eigene neue Verwaltung aufziehen. Das wäre dann wirklich revolutionär.

Buschreiter: Blickt man auf die Reaktion der FN im Fall Ringwood Cockatoo: Die DOKR-Führung hat das Ganze als katastrophalen Vorgang bezeichnet. Laut Presseveröffentlichungen ist der Medikationsbefund von Athen von Verantwortlichen auf eine Stufe mit dem Barren von Springpferden gestellt worden. Wird diese Reaktion der Offiziellen in Warendorf dem Vorgang wirklich gerecht?

Dr. Annette Wyrwoll: Es wird dem Vorgang natürlich nicht gerecht. So war das meiner Meinung nach aber auch nicht gemeint, sondern nur wie die öffentliche Wirkung ist. Es ist schon ein Unterschied, ob ich einem Pferd vor die Knochen haue, oder ob ich dem Pferd etwas Gutes tun will und die Fesselbeuge behandle. Das muss man schon unterscheiden. In der Öffentlichkeit, nicht in der Fachpresse, sondern in manchen Zeitungen gibt es teilweise kaum nachvollziehbare Darstellungen: Es gab ein Foto von Bettina Hoy mit Tränen in den Augen und einem Lorbeerkranz auf dem Kopf mit der Überschrift: Die Tränen einer Betrügerin. Da wird alles in einen Topf geworfen. In der Fachpresse und in den großen Blättern wie der Süddeutschen oder der Frankfurter, bei denen Redakteure oder Mitarbeiter gut recherchiert haben, steht das anders als in irgend so einem Käseblatt auf dem Lande. Ich denke, Herr Wendt hat den Imageschaden für den Sport und nicht die Sportler ansich gemeint, ein Imageschaden nach dem Motto: Erst haben sie für ihre Medaillen gekämpft, die wegen eines Formfehlers aberkannt wurden, und im nachhinein war es heuchlerisch, weil das Pferd sowieso gedopt war. Das ist der Super-Gau schlechthin. Unser Sport hat ja gerade durch die Medaillenaberkennung einen solche Imagegewinn erzielt, dass selbst unsere Metzgersfrau und die Postbotin wissen, was Military ist. Die lesen ja nur die unqualifizierten Schlagworte und nicht die Recherchen in der Süddeutschen oder bei buschreiter.de und sagen dann: Das war ja Heuchelei.

Buschreiter.de/Interview: Wolf-Dietrich Nahr

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