Buschreiter.de - aktuell: Olympia-Nachlese

Stall mit miserabler Security

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Das Durcheinander bei der Zeitnahme des Vielseitigkeits-Mannschaftsspringens war eine der Ursachen für die unsportliche Aberkennung der Goldmedaillen der deutschen Buschreiter bei den Olympischen Spielen in Athen. Die bis heute nie ganz aufgeklärten organisatorischen Mängel waren offenbar keine Einzelfälle: Hinter den Kulissen in Marcopoulo ging es teilweise drunter und drüber. Keine Vermutung, sondern eine schriftlich belegte Tatsache. Buschreiter.de liegt ein Bericht eines Olympia-Offiziellen vor, der kein Blatt vor den Mund nimmt — für die Veranstalter ein wahres Armutszeugnis.

Der vierseitige Bericht, der der Redaktion vorliegt, listet aber auch Positives auf. So lobt der Funktionär in seinem Athen-Rapport beispielsweise die ausgezeichnete Beleuchtung der Gras-Springplätze und die freiwilligen Helfer im Reitsport-Zentrum, die in der Mehrzahl des Englischen mächtig gewesen seien (was in Jerez häufiger nicht der Fall war) und sehr motiviert gewesen seien. Die Ankunft der Pferde sei sehr gut organisiert gewesen. Pfleger-Unterkünfte und die Hotelunterbringung seien sehr gut gewesen, urteilt der Offizielle. Bus-Transfer, Kommunikation, Sauberkeit im Stall, Kühl-Ventilatoren für die Eventing-Pferde im Ziel (Foto Wolf-Dietrich Nahr), Zusammenarbeit mit den Veterinären: Alles tadellos, berichtet der Olympia-Funktionär. Das waren dann aber schon die Pluspunkte. Viel enger beschrieben sind die Berichtsspalten mit den teils sehr kritischen Anmerkungen. Die Negativ-Liste beginnt mit der Ausstattung des Büros. So seien kein Kopierer, Computer, E-Mail-Anschluss, TV-Gerät, Kaffeemaschine, kein Papier für verschiedenfarbige Kopien für die einzelnen Disziplinen vorhanden gewesen. Der Telefonanschluss sei erst nach zehn Tagen (!) geschaltet worden. Besonders gravierend ist nach Meinung des Berichterstatters das Durcheinander im Lager der Stewards gewesen, von denen zunächst schlicht zu viele vor Ort gewesen seien. Es sei nicht zur Bildung von Arbeitsgruppen gekommen, so dass niemals ein allgemeines Briefing der Stewards stattfinden konnte. Statt dessen seien die Mitarbeiter mit schriftlichen Anweisungen überhäuft worden. Es habe im Steward-Lager an Führungspersonal gefehlt. Schlicht als falsch bezeichnet der Offizielle den Umstand, dass die Stewards an wechselnden Stellen eingesetzt worden seien. Sodann habe es an der Essensversorgung der Offiziellen gemangelt: Getränke, Kekse und Früchte seien nicht wie angekündigt in ausreichender Menge angeboten worden. Die wenigen Nahrungsmittel seien dann von Helfern, Aktiven und Trainern abgeräumt worden — nicht zuletzt wegen der hohen Preise in den beiden Restaurants des Reitsportzentrums. Vielsagend schreibt der Olympia-Reporter: "McDonald food during 3 weeks." Starterlisten seien selbst an die Teilnehmer immer erst gegen 19 Uhr ausgegeben worden, "viel zu spät", wie der Olympia-Kritiker festhält. Der Boden im Longier-Bereich des Stalles sei auch ein Jahr nach der ersten Beanstandung immer noch viel zu tief gewesen. Kritik übt der Funktionär auch an der Auswahl der Stewards: Statt Freunden von Freunden, Parcoursbauern etc. hätte er sich mehr Mitarbeiter mit einschlägiger Erfahrung gewünscht. Deshalb seien auch Offiziellen- und Teilnehmer-Bändchen viel zu großzügig ausgegeben worden. Originaltext: "Man hatte das Gefühl, dass das außer Kontrolle geraten ist." Geradezu vernichtend ist das Urteil zu Sicherheitsmaßnahmen im Stallbereich: "Keine oder nur schlechte Kontrolle." Zu Störungen des Turnierablaufes sei es auch dadurch gekommen, dass der Stallmanager und Veterinäre von Familienmitgliedern begleitet worden seien. Bei Pferdekontrollen seien Tierärzte sogar von einfachen Stewards belehrt und kritisiert worden. So bedauerlich die unleidige Medaillenaberkennung letztlich aufgrund der mangelhaften Organisation in Athen gewesen sein mag: Angesichts des internen Olympia-Berichts des dazu berufenen Offiziellen muss man sich nur wundern, dass nicht mehr folgenschwere Pannen bekannt geworden sind.

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