Buschreiter.der — aktuell: Auf dem Weg nach Athen

Tickets sind noch nicht gelöst

VON WOLF-DIETRICH NAHR

"Alle haben immer noch die Möglichkeit, auf den Zug aufzuspringen." Der DOKR-Ausschussvorsitzende Dr. Jens Adolphsen macht im buschreiter-Interview ausdrücklich den Athen-Kandidaten der Longlist in der zweiten Kategorie Hoffnung, vielleicht doch noch ein Olympia-Ticket zu lösen.

"Wir haben uns bewusst nicht auf fünf oder sechs Paare festgelegt, sondern wir möchten den Druck und die Spannung bis zuletzt aufrechterhalten", sagte Adolphsen gut eine Woche vor der letzten entscheidenden Sichtung in Bonn-Rodderberg (9. bis 11. Juli), die im Rahmen der Deutschen Meisterschaft beim CIC*** stattfinden wird. Nach dem Weltcup-CIC*** in Luhmühlen war die so genannte Longlist veröffentlicht worden. Der ersten Gruppe gehören — wie von buschreiter.de berichtet — an (alphabetisch): Andreas Dibowski (Döhle) mit Serve Well und Little Lemon B, Bettina Hoy (Gatcombe/GBR) mit Ringwood Cockatoo, Ingrid Klimke (Münster) mit Sleep Late, Adam Liedermann (Blender) mit Rainbow, Frank Ostholt (Warendorf) mit Air Jordan und Hinrich Romeike (Nübbel) mit Marius. In der zweiten Gruppe sind vertreten (alphabetisch): Simone Deitermann (Saerbeck) mit Flambeau H, Kai Rüder (Blieschendorf) mit Kyneally Bay, Dirk Schrade (Warendorf) mit Ecrin Raiselle, Robert Sirch (Fischen) mit Lyonel, Stefanie Thompson (Oxford/GBR) mit Hilton Star und Smart Fellow sowie Peter Thomsen (Lindewitt) mit The Ghost of Hamish und Lost for Word. Der DOKR-Ausschussvorsitzende betrachtet diesen Pool als eine Momentaufnahme unmittelbar nach Luhmühlen. Einerseits gehörten der ersten Gruppe sehr unterschiedliche Paare an, denen die Selektoren teils "große Platzierungen", teils keine Spitzenleistungen, aber möglicherweise einen sicheren Ritt in der Wertung zutrauen. Andererseits könne man jeden einzelnen Reiter aus der 6er-Gruppe der zweiten Kategorie "ruhigen Gewissens nach Athen schicken". Adolphsen: "Wir möchten das Verfahren völlig flexibel und offen halten." Das geschieht aber sicher nicht nur aus Gründen des gesunden Wettbewerbs zwischen den möglichen Olympioniken, sondern aus der Erfahrung früherer Championate: Niemand weiß, ob favorisierte Paare aus der letzten Sichtung verletzungsfrei gehen und für einen Olympia-Einsatz in Frage kommen. Die entscheidende Hürde dabei ist der Vet-Check, den Mannschaftstierarzt Dr. Carsten Weitkamp am Montag nach Bonn durchführen wird. Die Top-Eventer werden sich dann einen Tag nach dem CIC den Tierärzten präsentieren müssen — wie bei einer Verfassungsprüfung unter Turnierbedingungen. "Das ist psychologisch anstrengend für die Reiter, aber es nützt nichts, wir werden nur ganz gesunde Pferde nach Athen schicken", versichert der ranghöchste Vielseitigkeits-Funktionsträger im buschreiter-Interview. Im Moment sind zur großen Erleichterung der Bundestrainer "alle Pferde top in Ordnung", so Adolphsen. Bevor die Veterinäre am Montag den Daumen heben oder senken, wird der Ausschuss am Abend zuvor — je nach den Leistungen auf dem Rodderberg — eine Shortlist der fünf Paare erstellen, die für den Olympia-Einsatz ausgewählt werden. Die werden dann auf dem Vulkan eine letzte Sichtungsprüfung hinter sich haben, deren Cross-Anforderungen dem Vernehmen nach bewusst nicht am oberen Level angesiedelt sind. Anders als bei früheren internationalen Championaten werden die Aspiranten bei den Sichtungen nicht wegselektioniert, sondern intelligent aufgebaut und für größere Leistungen motiviert. Die Olympia-Prüfung wird ja vom 15. bis 18. August in Athen als Vier-Sterne-CIC ausgetragen, während die Qualifikationen auf Drei-Sterne-Niveau erfolgt sind. In Bonn allerdings werden die Athen-Bewerber in der Dressur mit der Vier-Sterne-Aufgabe konfrontiert werden. "Das wird uns wichtige Hinweise auf Defizite liefern", sagte Dr. Adolphsen. Hinzu kommt, dass das Auf und Ab am Vulkankegel von Bonn dem Geländeprofil des Athener Cross nicht unähnlich ist — mit zwei Effekten: Die Paare bekommen durch die Prüfung einen zusätzlichen "Konditionsschub" und simulieren quasi die Q-Strecke, auf denen die Olympiamedaillen vergeben werden. Ohnehin sind Sichtung und Trainingsvorbereitung der Paare sehr viel mehr auf das angepeilte Championat ausgerichtet als in der Vergangenheit. So werden die Top-Buschreiter zum Beispiel beim CHIO in Aachen (13. bis 18. Juli) vor der großen Kulisse des Weltfestes des Pferde Dressur reiten, um sich selbst und die Vierbeiner an die spannungsgeladene Atmosphäre eines gefüllten Stadions zu gewöhnen. Hinzu kommt eine Flutlicht-Training in Riesenbeck bei Münster. Das abschließende Trainingslager findet vom 6. bis 10. August in Warendorf statt, bevor die fünf Paare am 11. August vom Flughafen Münster/Osnabrück nach Athen fliegen werden. Die olympische Dressur wird am Sonntag und Montag, 15. und 16. August, ausgetragen. Der entscheidende Geländetag ist der Dienstag, 17. August. Einen Tag später werden die Medaillen nach dem abschließenden Springen verteilt. Und alle Fans hoffen, dass nach einer langen Durststrecke bei internationalen Championaten diesmal eine gute Platzierung und vielleicht auch Edelmetall für die deutschen Eventer herausspringt. Für einigen Gesprächsstoff in der Szene sorgten die sehr individuellen Sichtunsanforderungen für zwei Paare aus der ersten Kategorie der Longlist. So musste Frank Ostholts 10-jähriger Air Jordan (Foto Julia Rau) nach dem gigantischen Dressursieg in Luhmühlen (31.3) zum Unverständnis vieler Zuschauer nicht zum Gelände antreten, sondern er absolvierte nur noch eine Trainings-Springrunde. Dumm gelaufen: Leider war nach buschreiter-Informationen nicht einmal der Luhmühlener Veranstalter in den Schachzug von Trainern und Funktionären eingeweiht. DOKR-Ausschuss-Chef Adolphsen begründet die "sportliche Grundsatzentscheidung": Air Jordan war während des England-Aufenthaltes unter ständiger Beobachtung der Bundestrainer etliche schwere Prüfungen gelaufen und sollte deshalb geschont werden. Andererseits bemängelten die Betreuer die Springleistungen des 10-jährigen: Mit einer M/A-Spezialspring-Platzierung zeigte das Pferd dann nach Luhmühlen seinen Trainingsfortschritt. Während Ostholts Olympia-Pferd einen Gang zurückschalten durfte, sollte Ingrid Klimkes Sleep Late (Foto Wolf-Dietrich Nahr) noch etwas zulegen. Das Sydney-Olympiapferd der Amazone hatte ja wegen der Babypause von Ingrid Klimke nach 2000 eine ruhige Phase. Die Bundestrainer und das DOKR registrierten zwar, dass "Blue" bei der Olympiaqualifikation in Saumur exzellent aufgelegt war, aber der Schimmel steigert sich bekanntlich von Turniereinsatz zu Turniereinsatz. Deshalb gab es zeitweise die Idee, dass Ingrid Klimke und Sleep Late beim CIC*** im polnischen Strzegom nochmals ran müssen — was einen erneuten Start auf Drei-Sterne-Niveau relativ kurz nach dem CCI*** in Frankreich bedeutet hätte. Dem Vernehmen nach stieß das Szenario weder bei der Reiterin noch bei dem einen oder anderen Aktiven auf wahnsinnige Begeisterung. Als Alternative reisten Ingrid Klimke und Sleep Late in der vergangenen Woche nach Luhmühlen, um über schwere Sprünge eine Trainingsprüfung zu absolvieren. Alles im grünen Bereich: Der Auftritt der dreifachen Deutschen Meisterin mit dem Schimmel in der Heide war nach Angaben von Dr. Jens Adolphsen "sehr beeindruckend".

Buschreiter-Übersicht
Termin-Startseite
Buschreiter-Shop
Pferdemarkt
Pferde und Reiter

© Verlag Nahr, D-93047 Regensburg/Germany, Weintingergasse 4

Werben in buschreiter.de?

E-Mail
verlag-nahr@buschreiter.de