Buschreiter.de aktuell: Goldmedaillen
Ganz diskret: FEI beantragt Ersatz-Gold
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Es gibt neue Hoffnung für Bettina Hoy und die deutsche Vielseitigkeitsmannschaft: Die FEI hat nun doch ein "Gnadengesuch" an das Internationale Olympische Komitee (IOC) gerichtet mit dem Ziel, trotz der Aberkennung den fünf Eventern doch noch olympisches Gold zu verleihen.
Wie Bo Helander, Generalsekretär der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (Fédération Equestre Internationale, FEI), auf Anfrage der FN offiziell bestätigte, hat die FEI beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) einen Antrag gestellt, der deutschen Vielseitigkeitsmannschaft sowie Bettina Hoy (Gatecombe/Rheine) zusätzliche Goldmedaillen zu verleihen. Durch einen Urteilsspruch des Weltsportschiedsgerichtes (Court of Arbitration of Sport, CAS) waren der deutschen Mannschaft sowie Bettina Hoy die Medaillen nachträglich aberkannt worden. Wann das IOC zu einer Entscheidung über diesen Antrag kommt, ist ungewiss. Möglicherweise, so Bo Helander, wird der Antrag erst nach Ende der Olympischen Spiele vom IOC entscheiden.
Inzwischen werden in deutschen Vielseitigkeitskreisen Stimmen laut, die sich in der Medaillenaffäre ein energischeres Eintreten der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und der FEI erhofft hätten. "Mich macht es betroffen, wie windelweich die Verbände gegenüber dem IOC aufgetreten sind, zur Zeit gibt es mehr Reitsportlaien als Offizielle, die bereit sind, öffentlich für unsere Reiter das Wort zu erheben", sagte ein Aktiver im Gespräch mit buschreiter.de, der lieber seinen Namen nicht genannt sehen möchte.
Unabhängig vom Ausgang der Verbände-Verhandlungen wird Athen möglicherweise ein gerichtliches Nachspiel auf der zivilen Schiene haben. Nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur vom Mittwoch erwägt Bettina Hoy, gegen die Aberkennung der Medaille den Klageweg zu beschreiten. DPA zitiert die Reiterin, wonach sie "Anwälte gesprochen" habe, die wüssten, wie man gegen die umstrittene Sportgerichtsentscheidung vorgehen könne. Während sich Innen- und Sportminister Otto Schily bei seinem Besuch in Athen und bei Gesprächen mit IOC-Oberen sehr zurückgehalten hat, sprach Bundeskanzler Gerhard Schröder am Donnerstag ein deutliches Wort: Er habe kein Verständnis dafür, dass Nationen wie Frankreich, Großbritannien und die USA Goldmedaillen tragen könnten, die sie nicht auf sportlichem Wege, sondern durch eine rein formale Entscheidung erworben hätten.
Mit Ausnahme der öffentlichen Stellungnahmen von Hinrich Romeike und Bettina Hoy gibt es bisher kaum Statements der betroffenen Reiter. Andreas Dibowski, sonst ein beredter Kommentator des Vielseitigkeitsgeschehens auf seiner eigenen Website, geht sehr einsilbig mit dem unerfreulichen Thema um. "Dibo" schreibt wörtlich: "Ein Tag, viele Tage, die in die Geschichte des deutschen Vielseitigkeitssport eingehen werden. Trotz des ganzen guten Zuredens aller, die bis heute dachten, etwas von diesem Sport zu verstehen, sind wir enttäuscht worden. Das Gold ist weg. Sachlich und unumgänglich. Die sportliche Leistung steht nicht mehr im Vordergrund. Die Medaillen sind durch juristische Schachzüge ermittelt worden. Das ist für mich die bitterste Erkenntnis, die ich aus dem Unternehmen "Olympia Athen 2004" gewonnen habe."
In der neuesten Ausgabe von FN-aktuell" ist eine Erklärung abgedruckt, die erahnen lässt, welche Diskussionen derzeit hinter den Kulissen stattfinden. Unterzeichnet ist sie von Jürgen Thumann, Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, Breido Graf zu Rantzau, Vorsitzender des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei, Dr. Hanfried Haring, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, und Reinhard Wendt, Chef de Mission der deutschen Reitermannschaften. Ein bisher beispielloser Vorgang.
Unter der Überschrift "Olympische Fairness für Alle" ist folgendes im Wortlaut zu lesen: "Nach den aufregenden, begeisternden und letztlich enttäuschenden Tagen der olympischen Vielseitigkeitswettkämpfe in Athen haben unsere Reiterinnen und Reiter ein überwältigendes Echo erfahren. Ihre großartigen sportlichen Leistungen werden hoch anerkannt. Und es wird Fairness in der olympischen Endabrechnung eingefordert. Für dieses Echo danken wir aufrichtig. Es tut gut und gibt unserer Vielseitigkeitsmannschaft in einer sehr schwierigen Situation großartigen moralischen Rückhalt. Die gleiche Fairness, die für unsere Reiter gefordert wird, müssen wir auch allen anderen Betroffenen und Beteiligten gegenüber walten lassen. Dies sind z.B. die konkurrierenden Mannschaften aus Frankreich, Großbritannien und den USA. Sie sahen das zweimalige Überreiten der Startlinie durch Bettina Hoy und forderten eine Bewertung, wie sie das Reglement vorsieht. Dies ist insbesondere die dreiköpfige Richtergruppe, die zunächst eine andere, gemäß Reglement ebenfalls mögliche Ermessensentscheidung fällte und sich später korrigierte. Mag sein, dass bei allen Beteiligten Fehlbeurteilungen oder Fehlinterpretationen eine Rolle gespielt haben. Fakt ist, dass die entstandene Situation Entscheidungsspielräume ließ, die Zeit zum Abwägen von Für und Wider aber äußerst knapp war. Wer noch nie in seinem Leben einen Fehler gemacht hat, mag den Stab über die handelnden Personen brechen. Alle anderen möchten wir bitten, das walten zu lassen, was der olympische Geist nicht nur von Siegern fordert: Fairness
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