Buschreiter.de aktuell: Medaillen-Aberkennung
Ringen um "Ehrengold"
VON WOLF-DIETRICH NAHR
In diesen Tagen der Depression ist es nur ein schwacher Trost: Dem deutschen Top-Vielseitigkeitssport bleiben die Fördermittel des Bundes trotz des Dramas um die Aberkennung der Goldmedaillen in Athen erhalten (Fotos Julia Rau und Wolf-Dietrich Nahr).

Bundesinnenminister Otto Schily erklärte am Sonntag bei Johannes B. Kerner eher beiläufig, dass der Buschsport "natürlich in Förderstufe 1" bleiben werde. Damit sind Befürchtungen erst einmal grundlos, wonach mit der Wegnahme der Goldmedaillen auch die öffentliche Unterstützung und damit unter anderem die Finanzierung der Trainer-"Infrastruktur" in Frage gestellt sei. Ansonsten hielt sich Schily in Athen sehr zurück und vermied jede Art der Einmischung in die IOC-Angelegenheiten. Nach einem Gespräch mit Olympia-Präsident Jacques Rogge sagte Schily: "Der IOC-Präsident war bei dem Thema sehr zurückhaltend, und ich habe volles Verständnis dafür." Gemeint war die Frage, ob den deutschen Buschreitern eventuell goldene Zweit-Medaillen verliehen werden könnten. Bei einem leidenschaftlichen Auftritt hatte Aktivensprecher Hinrich Romeike im Deutschen Haus in Athen diesen Vorschlag gemacht. "Wir akzeptieren nicht, dass uns die Medaillen vom Hals gerissen werden wie Dopingsündern", hatte er gesagt. Bereits am Sonntag sei die Frage im Exekutivkomitee des IOC diskutiert worden, berichtete Vizepräsident Thomas Bach. Am Montag machte dann die Information die Runde, dass die FEI beim IOC einen Verstoß unternehmen wolle, um den deutschen Vielseitigkeitsreitern zwei zusätzliche Goldmedaillen zusprechen zu können. FEI-Generalsekretär Bo Helander sagte: "Eine solche Maßnahme würde völlig außerhalb von Regeln und juristischen Erwägungen stehen und könnte nur ex gratia erfolgen. Aber wir denken darüber nach. Es könnte eine Geste der Fairness sein. Wir überprüfen derzeit, ob diese Möglichkeit besteht." Andererseits hat die FEI nach dem üblichen Verfahren am Montag gegenüber
dem IOC die korrigierte Ergebnisliste für die olympische Vielseitigkeit bestätigt und damit den CAS-Spruch anerkannt. Daraufhin nahm das IOC Bettina Hoy und die Mannschaft offiziell aus der Medaillenwertung. Ein kleines Türchen würde sich nur öffnen, wenn die FEI diese Ergebnisliste nochmals abändern würde. Am Montag war zwischendurch immer wieder von der Variante die Rede, dass die Deutschen "Ehrengold" erhalten, aber auf eine Nationenpreiswertung verzichten könnten. Leider konkretisierte sich dies am Montag nicht weiter. Tage nach der umstrittenen Entscheidung gerät nun der deutsche Vorsitzende der Ground Jury, Christoph Hess (Foto), in die Kritik. Das deutsche FEI-Präsidiumsmitglied Hanfried Haring erklärte: "Es wird sicher nicht noch einmal so unerfahrene Richter bei Großveranstaltungen geben." Man wolle künftig Spring-Spezialisten beim Springen der Vielseitigkeitsreiter auf dem Richterturm einsetzen. Auch FEI-Generalsekretär Helander sagte: "Wir werden in Zukunft nur noch erfahrene Springrichter einsetzen." Hess wird in Agenturberichten als lediglich "ausgebildeter Dressurrichter" bezeichnet. Allerdings ist Christoph Hess alles andere als ein unerfahrener Richter im Vielseitigkeits-Metier: Seit Jahren gehört er Ground Jurys der bedeutendsten Vielseitigkeitsturnier weltweit an. So war er Offizieller unter anderem beim CCI**** in Lexington in den USA und in Badminton sowie bei den Weltreiterspielen in Jerez 2002. Mangelnde Kenntnis und Erfahrung im Richten von Spring-Teilprüfungen bei internationalen Vielseitigkeitsturnieren kann man ihm keinesfalls unterstellen. Wie waren die Reaktionen in Deutschland auf das Desaster der Medaillenaberkennung? In der Vielseitigkeitsszene, unter Aktiven, Fans, Betreuern etc. herrscht seit Samstag eine Mischung aus großer Enttäuschung, Resignation, einem Gefühl der Ohnmacht wegen der Unumstößlichkeit der Entscheidung, Wut über die Protestführenden "Medaillengewinner", aber auch großer Sympathie mit den fünf betroffenen Aktiven vor (hier finden Sie die Reaktionen von buschreiter- Lesern). Das Auftreten der Olympiareiter in den Medien vor und nach der Aberkennung der Medaillen scheint auf das breite Publikum einen sehr positiven Eindruck gemacht zu haben. Alle fünf haben mit ihrer gewinnenden Art plötzlich dem unbebekannten Sport Vielseitigkeit ein Gesicht gegeben. Viele Normalbürger, die sonst mit Buschreiterei überhaupt nicht in Berührung kommen, erklären sich spontan solidarisch mit den Betroffenen. Vielseitigkeitsreiter und -ausbilder Andreas Baumann: "Trotz der herben Enttäuschung über die Entscheidung am grünen Tisch sei festgestellt, dass der Vielseitigkeitssport eine Welle der Sympathie und Solidarität erfährt. Wenn die Metzgersfrau hinter dem Tresen ob der Ungerechtigkeit der Medaillenvergabe in Rage gerät, bedeutet das einen mächtigen Popularitätsschub." Vielseitigkeit ist sonst nicht von den tagesaktuellen Medien verwöhnt. Entweder die Highlights des Sports werden völlig ignoriert oder die Buschreiterei findet sich dann in den Schlagzeilen wieder, wenn "etwas passiert", wenn es spektakuläre Stürze im Bild zu zeigen gibt. An diesem Montag ging bundesweit eine ungeahnte Welle der Parteinahme für Bettina Hoy und das Team durch die Leitartikel-Spalten der deutschen Tageszeitungen. "Wir fiebern mit den Athleten, wir freuen uns und leiden mit. Gerade deshalb ist die Gold-Aberkennung für die deutschen Vielseitigkeitsreiter ein Schlag, der alle trifft, die mit Olympia den Sieg des Guten und der Besten verbinden", schreibt die "Westfalen-Post" in Hagen. "In die Freude über Edelmetall mischen sich Trauer und Wut nach dem Verlust zweier Siegerplaketten, die den Vielseitigkeitsreitern um Bettina Hoy gestohlen wurden. Wenn sich in der Niederlage die Größe eines Sportlers zeigt, dann sind die im Wettkampf regulär besiegten Franzosen, Briten und Amerikaner jämmerliche Zwerge", so der "Schwarzwälder Bote". "Das Urteil mag rechtlich gesehen endgültig sein. Aus der moralischen Sicht ist es das nicht. Deshalb ist IOC-Präsident Jacques Rogge gefordert: Zwei nachträgliche Goldmedaillen für beide Nationen wären der einzige Weg, um das Gestrüpp schmerzlos aufzulösen. Sonst wird der viel beschworene olympische Gedanke immer wieder unglaubwürdig. Es geht nicht um Chauvinismus, nicht um den Medaillenspiegel. Es geht um den Menschen", ist in der Münchner "Abendzeitung" zu lesen.
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